Nr. 25/2010 vom 24.06.2010

Der Mangel an Zärtlichkeit

Das Spielfilmdebüt der iranischen Künstlerin Shirin Neshat spielt vor dem Hintergrund eines historischen Wendepunkts im Iran – und ist ein fotografisches Kunstwerk.

Von Johanna Lier

Der Muezzin ruft. In den schwarzen Tschador gehüllt, kauert eine Frau auf einer weissen Mauer, hoch über den Dächern. Ihre Gestalt hebt sich gegen den tiefblauen Himmel ab. Sie steht auf, geht an den Rand der Mauer und stürzt sich in die Tiefe. Lautlos schwebt sie dem Boden entgegen, der Aufprall ist fast sanft. Nur der Tschador bleibt liegen, ein Flug setzt an über wunderschöne Landschaften, zu einem Bach, der in einen traumhaften Garten und in einen seerosenbewachsenen Teich mündet.

«Women without Men» ist das Spielfilmdebüt der iranischen Künstlerin Shirin Neshat. 1957 im nordiranischen Qazvin geboren, emigrierte sie 1979 in die USA, wo sie in Kalifornien ein Kunststudium absolvierte. Neshat setzt sich mit den sozialen und religiösen Einflüssen auseinander, die für die weibliche Identität in den muslimischen Gesellschaften prägend sind. Weltweit bekannt wurde sie mit ihrer Fotoserie «Women of Allah», die Frauen zeigt, deren Haut mit Kalligrafie verziert ist. Zwischen ihrem Tschador und der beschrifteten Haut ragen für Frauen atypische Utensilien hervor – etwa Pistolen.

Mit der Zeit hat Neshat vermehrt Videoinstallationen inszeniert. Das Arbeiten mit Gegensätzen, das räumliche Visavis sowie Kontraste von Schwarz-Weiss sind ihre bevorzugten Mittel, um die Polarisierung zwischen den Geschlechtern zu erforschen. 1999 erhielt sie den internationalen Preis der 48. Biennale von Venedig, ihre Werke werden weltweit gezeigt. Im Iran durften ihre Arbeiten nicht ausgestellt werden, sorgten aber für heftige Kontroversen. «Women without Men» ist denn auch in Casablanca gedreht worden, und ein Kinostart im Iran scheint undenkbar zu sein, nicht zuletzt wegen der Nacktszenen.

Die Wut gegen den Schah

Erzählt wird die Geschichte vierer Frauen, die im Sommer 1953 für wenige Tage aus ihrem Leben ausbrechen und eine Ahnung von Glück und Frieden erleben – während die junge iranische Demokratie um ihr Überleben kämpft. Fakhri (Arita Shahrzad) lebt mit einem General in liebloser Ehe. Ein Liebhaber aus alten Zeiten taucht auf – die Sehnsucht erwacht und der Drang, sich zu befreien.

Die junge Prostituierte Zarin (Orsi Tóth) arbeitet im Akkord. Völlig ausgelaugt, mag sie keinem Freier mehr ins Gesicht schauen. Als sie ein Mann besucht, der sich ihr ungewohnt nähert, sie langsam und zärtlich streichelt, wird der Albtraum unerträglich, sie verlässt das Bordell fluchtartig.

Munis (Shabnam Tolouei), eine politisch wache junge Frau, lebt mit ihrem Bruder Amir, der sie von der Aussenwelt abschotten und verheiraten will. Sie hört unentwegt Radio. Es wird von den Unruhen berichtet, der politische Widerstand formiert sich, mit Flugblättern, Agitationen und Demonstrationen machen die Menschen ihrer Wut Luft. Ihre Freundin Faezeh (Pegah Ferydoni) nimmt die Tumulte in Teheran nicht wahr. Sie sehnt sich nur danach, Munis’ tyrannischen Bruder zu heiraten.

Während die politischen Ereignisse eskalieren, erleben die vier Frauen eine kurze Zeit des Aufbruchs. Munis befreit sich durch Selbsttötung und wird nach einer Art Auferstehung aktiver Teil des politischen Kampfes. Fakhri kauft am Rande der Stadt ein altes Haus, umgeben von einem verwunschenen Garten, und nimmt Faezeh und Zarin bei sich auf. Während die naive Faezeh ihrem neu erwachten Selbst begegnet, findet Zarin Trost und Heilung in der mystisch anmutenden Natur. Eine Zeit der Wundheilung beginnt, bewacht und beschützt vom Gärtner und Pförtner des Hauses, der dem Mann, der Zarin im Bordell zärtlich berührt hat, so ähnlich sieht, als sei er derselbe.

Die Vision eines guten Lebens im paradiesischen Garten entfaltet sich vor dem Hintergrund eines politischen Wendepunktes in der Geschichte des Nahen Ostens: 1953 putschten die US-amerikanische und die britische Regierung Schah Rezah Palevi an die Macht und setzten den demokratisch gewählten Sozialisten Mohammed Mossadegh unter Hausarrest. Mossadegh, der die Ölraffinerien verstaatlicht und so die Einnahmen unter die Kontrolle des Irans gebracht hatte, stand für Demokratisierung, Selbstbewusstsein und Integrität. Dass die westlichen Mächte den Schah als Diktator aufgebaut hatten, führte zu einer in der Bevölkerung breit abgestützten Revolution. Die Wut gegen den Schah war so gross, dass Linke und Anhänger von Ayatollah Khomeini zusammenspannten, um den Diktator loszuwerden. Diese Allianz führte schliesslich dazu, dass Khomeini 1979 die Revolution erfolgreich unter die Ägide der Islamisten bringen konnte. Dieses historisch-traumatische Ereignis ist bis heute mitverantwortlich für die gestörten, politischen Beziehungen zwischen dem Iran und dem Westen.

Neshat hofft, dass ihr Film einen Beitrag zur iranischen Geschichtsschreibung und zum besseren Verständnis der heutigen Situation leisten kann. Sie will zeigen, dass die westlichen Mächte letztendlich die Entwicklung einer demokratischen Regierung verhindert haben, dass sie die eigentlichen Architektinnen des Systems sind, das Präsident Bush 2002 zum Schurkenstaat erklärt hat.

Nacktheit und Tschador

«Women without Men» ist ein fotografisches Kunstwerk. Licht, Schatten, Farben und Proportionen schaffen eine traumhaft schöne und dennoch bedrohliche Stimmung. Wie im gleichnamigen Buch der im Iran berühmten Autorin Scharnusch Parsipur, das dem Film als Vorlage dient, bildet der Garten, der in der iranischen Kultur ein Symbol für Frieden, Erfüllung, Exil und Zuflucht ist, das ästhetische und dramaturgische Zentrum. Der magische Realismus prägt die Erzählweise, um das Offensichtliche zu vermeiden, um Zeit und Raum zu überwinden. Das Aufflammen des politischen Widerstands spiegelt sich im Aufbruch der vier Protagonistinnen. Das politische Scheitern in den Strassen Teherans wie auch das Zerbrechen der Träume der Frauen im paradiesischen Garten scheinen miteinander verknüpft zu sein, sich gegenseitig zu bedingen.

Neshat gibt uns ein in Gegensätzen aufgebautes Kunstwerk: Gedämpftes Braun in den Szenen, die in Teheran spielen, opulente Farbenpracht für den Garten, Nacktheit und Tschador, Privates und Politisches, Aufbruch und Zusammenbruch, Diesseits und Jenseits.

Und der Gärtner hütet die Schwelle zwischen harter Realität, paradiesischem Garten und der Seelen der Frauen, in dem er ihr Haus bewacht und ihre Haut liebkost. Doch hat er keine Macht. Müssen die Frauen ohne Männer sich zu befreien suchen, weil kaum einer sie liebt? Ist es diese Unfähigkeit zur Liebe, die ins politische Desaster führt?

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch