Nr. 27/2010 vom 08.07.2010

Bis ans Ende des Systems

Er unterstützt die Whistleblower-Plattform Wikileaks, führt Kampagnen gegen den Einsatz von Wahlcomputern und ist ein erfolgreicher Unternehmer – der niederländische Aktivist Rop Gonggrijp ist weltweit im Einsatz für Datenschutz und Transparenz.

Von Joel Bisang

Als sich Ende März eine Gruppe von Technologieaktivisten in einer Wohnung in Reykjavik verschanzt und fieberhaft an der Umsetzung von «Projekt B» arbeitet, ist der Niederländer Rop Gonggrijp einer von ihnen. Ziel der Aktion der Whistleblower-Plattform Wikileaks ist die Veröffentlichung des inzwischen berühmten «Collateral Murder»-Videos. Das unter Geheimhaltungsstufe gehaltene Filmmaterial, aufgenommen im Jahr 2007 aus einem Kampfhelikopter in Bagdad, zeigt einen tödlichen Luftangriff der US-Armee auf ZivilistInnen. Die Veröffentlichung des Videos Anfang April bringt Wikileaks weltweit in die Schlagzeilen und löst Kontroversen aus.

Ein Besuch in Amsterdam

In der verschlafenen, sonntagnachmittäglichen Atmosphäre von Amsterdams bürgerlich geprägtem Stadtteil Watergraafsmeer erinnert kaum etwas an die Existenz einer Welt, in der komplexe Computersysteme und das Internet eine immer dominierendere Rolle spielen. Der kleine, beinahe kahlköpfige Mann, der nach mehrfachem Klingeln die Tür des altehrwürdigen Hauses öffnet, kennt die Welt der digitalen Maschinen jedoch wie seine Westentasche. Er ist ein ausgewiesener Technologieexperte, der sich seit Jahrzehnten aktiv mit Computern und dem Internet beschäftigt.

«Verändere die Welt, aber beginn nicht bei dir selbst», lautet Gonggrijps Credo. Im zweistündigen Gespräch in seinem funktional eingerichteten Arbeitszimmer wird schnell klar, dass der 42-Jährige dem Leitsatz tatsächlich nachgelebt haben muss. Denn das Interesse des Niederländers gilt zwar derzeit Plattformen wie Wikileaks und dem neuen isländischen Datenfreihafen Icelandic Modern Media Initiative, die der Kontrolle von Information im Internet entgegenwirken. Die Teilnahme an einer Aktion wie dem «Projekt B» ist aber nur eine Episode in einer langen Reihe von Aktivitäten, mit denen sich der Hacker seit Ende der achtziger Jahre einen Namen gemacht hat.

Am Beginn steht vor über zwanzig Jahren die Gründung des Hackermagazins «Hack-Tic» in Amsterdam. Gonggrijp ruft die «Zeitschrift für Techno-Anarchisten», wie sie im Untertitel heisst, 1989 mit einigen technologiefanatischen Freunden ins Leben. «Ein Vorbild war die ‹Datenschleuder›, das Magazin des deutschen Chaos Computer Clubs, an dessen jährlich stattfindendem Kongress ich 1988 das erste Mal teilgenommen habe», erzählt er mit sanfter Stimme. «Hack-Tic» erfüllt laut Impressum einen «rein edukativen Zweck». Es erläutert der Leserschaft beispielsweise, wie simpel alltägliche Dinge wie Magnetstreifen von Bankkarten zu hacken sind. Zu dieser Zeit haben entsprechende Tatbestände noch keinen Eingang ins Strafregister gefunden.

«Wir haben damals den Kick gesucht, wollten aber schlicht auch herausfinden, wie die Systeme funktionieren», so der «Hack-Tic»-Gründer heute. Mit Folgen: Die im Magazin veröffentlichten Beiträge stossen bei betroffenen Unternehmen und staatlichen Stellen auf wenig Begeisterung – und verschaffen Gonggrijp, neben der Aufmerksamkeit des niederländischen Verfassungsschutzes, erste Medienpräsenz.

Den Machern von «Hack-Tic» geht es jedoch um mehr als um die Publikation von Hackertricks. Gonggrijp holt aus: «Unser Interesse galt einer Technologie, die damals noch in den Kinderschuhen gesteckt hat: dem Internet.» Aus dem «Hack-Tic»-Netzwerk entsteht 1993 der bis heute tätige Internetprovider XS4ALL. War Internetzugang für private Nutzer zuvor praktisch ausschliesslich über Universitäten verfügbar und damit einem kleinen Nutzerkreis vorbehalten, trifft der Internetzugang für alle auf eine explodierende Nachfrage. Der Kleinbetrieb, gegründet von einigen Tüftlern aus der Amsterdamer HausbesetzerInnenszene, entwickelt sich innert weniger Jahre zum florierenden Unternehmen mit mehreren Dutzend Angestellten. Als die Gründer XS4ALL Ende 1998 an die holländische Telekomgesellschaft KPN verkaufen, bringt ihnen das Millionen ein.

Gonggrijp, ein Autodidakt ohne Schulabschluss, ist damals dreissig Jahre alt. Er gründet und verkauft später erneut eine Firma, seinen Wurzeln bleibt er aber trotz geschäftlichem Erfolg treu – bis heute. Er finde das Geschäften an sich, um des Geldes willen, nicht besonders interessant, bemerkt er trocken. «Ein Geschäft ist für mich immer ein Mittel, um ein anderes, weiterführendes Ziel zu erreichen – ein Werkzeug sozusagen.»

Gegen Wahlmaschinen

Nicht der Geschäftsmann, sondern der Aktivist Gonggrijp war es, der sich vor einigen Jahren ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit gehackt hat. «Als ich 2006 zu den Wahlen ging, war ich gezwungen, meine Stimme auf einem simplen, kaum gesicherten Windowsrechner abzugeben», beginnt er die Geschichte. «Das hat mich masslos geärgert.»

Mit Gleichgesinnten gründet er die Gruppe «Wij vertrouwen stemcomputers niet» («Wir vertrauen Stimmcomputern nicht»), inspiriert vom Kampf des deutschen Softwarespezialisten Ulrich Wiesner gegen den Einsatz von Wahlgeräten in Deutschland.

Vor laufender Kamera führt die Gruppe im Oktober 2006 den niederländischen Fernsehzuschauern vor, wie einfach die zur Stimmabgabe verwendeten Computer zu manipulieren sind. Der publikumswirksamen Demonstration folgen einige politische und juristische Turbulenzen. 2008 fasst das Kabinett den Beschluss, dass in den Niederlanden künftig wieder mit Papier und Stift gewählt wird.

Auch im Nachbarland Deutschland urteilt das Verfassungsgericht einige Monate später, dass die Verwendung von Wahlgeräten bei der letzten Bundestagswahl gegen das Wahlgeheimnis verstosse. Eine wichtige Rolle spielt dabei ein Gutachten des Chaos Computer Clubs, das den in Deutschland eingesetzten Geräten der niederländischen Firma Nedap gravierende Mängel nachweist.

Rop Gonggrijp war schon immer an verschiedenen Fronten aktiv: Als Organisator riesiger freier Hackerkongresse ebenso wie als Produzent des abhörsicheren Mobiltelefons Cryptophone oder als Blogger. Und sein Wissen ist heute weltweit gefragt: Bevor es dieses Jahr nach Island zur Wikileaks-Aktion ging, hat er in Indien zusammen mit einem US-amerikanischen Professor und einem IT-Unternehmer die Manipulierbarkeit von Wahlgeräten nachgewiesen.

Internet am Scheideweg

Ein langjähriger Weggefährte aus dem Chaos Computer Club sagt über den Niederländer, er besitze die Fähigkeit, ein System zu Ende denken zu können. Nicht zuletzt deshalb steht der ehemalige Internetpionier wohl den Technologien, deren Entwicklung er früher vorangetrieben hat, heute durchaus kritisch gegenüber. Das Internet sieht er in vielen Punkten an einem Scheideweg angelangt. «Die Kontrolle und Beeinflussung der verfügbaren Information und damit einhergehend die Beschränkung der Bürgerrechte nehmen immer mehr zu.»

Bereits vor einigen Jahren liess Gonggrijp mit einer Rede mit dem Titel «We lost the war» aufhorchen. Am Chaos Computer Congress 2005 warnte er mit deutlichen Worten vor dem bevorstehenden Verlust von Privatsphäre und Bürgerrechten. Gonggrijp steht mit seinen Bedenken keineswegs alleine da. Gerade die «Gründergeneration» des Internets, Leute wie etwa der HTML-Erfinder Tim Berners-Lee, äussern sich kritisch zur zunehmenden Kontrolle und Zentralisierung des einst freien Raumes durch Regierungen und Konzerne.

Etwas milder geworden

«Wir leben glücklicherweise in stabilen Verhältnissen, und dies schon lange», sagt der Vater zweier Kinder gegen Ende des Gesprächs. «Sollte sich das aber einmal ändern, weiss niemand, was mit den unglaublichen Datenmengen, die derzeit gesammelt werden, alles angestellt wird.» Seine Sicht auf die Dinge sei jedoch, trotz der ihm eigenen Neigung zur Schwarzmalerei, in letzter Zeit etwas milder geworden, fügt er an. «Ich habe den Eindruck, viele Leute haben mittlerweile erkannt, dass es nicht mehr so weitergehen kann wie in den letzten Jahren.» Zudem sehe er die Urteile des deutschen Verfassungsgerichtes zur Verwendung von Wahlgeräten und die erst im März dieses Jahres erfolgte Aufhebung der Vorratsdatenspeicherung als klare Hinweise, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen sei.

Chaos Computer Club und Wikileaks

Die Hackervereinigung Chaos Computer Club (CCC) wurde Anfang der achtziger Jahre in Berlin gegründet und sieht sich als Vermittlerin im Spannungsfeld technischer und sozialer Entwicklungen. Der Klub, der auch einen Ableger in Zürich hat, organisiert Veranstaltungen wie den jährlichen Chaos Computer Congress, tritt als Gutachter auf und greift immer wieder mit Publikationen und teilweise spektakulären Aktionen in aktuelle Debatten ein. Für Aufsehen sorgte der Klub beispielsweise, als es ihm 2008 im Rahmen der Debatte um biometrische Datenerfassung gelang, den Fingerabdruck des damaligen deutschen Innenministers Wolfgang Schäuble im Klub-Magazin «Datenschleuder» zu veröffentlichen. Zuletzt folgte das deutsche Verfassungsgericht in den Verfahren um die Vorratsdatenspeicherung und den Einsatz von Wahlcomputern im Wesentlichen den vom CCC in seinen Gerichtsgutachten vorgebrachten Argumenten.

Die Internetplattform Wikileaks wurde 2006 gegründet, nach dem Prinzip der demokratisch verfassten Internetenzyklopädie Wikipedia, spezialisierte sich aber von vornherein auf Enthüllungen. Starke Antriebe kamen aus der chinesischen Dissidentenszene. Zur Veröffentlichung angenommen werden geheime, zensierte Dokumente von politischem oder ethischem Interesse. Die Arbeit der zumeist anonymen BeiträgerInnen geschieht unentgeltlich; die jährlichen Gesamtkosten für technischen Support und Gerichtskosten von 600 000 Dollar werden durch Spenden von Privatpersonen gedeckt.

Bisherige Enthüllungen beziehen sich etwa auf Zensurpraktiken in China, die toxischen Abfälle der Firma Trafigura vor der Elfenbeinküste, Handbücher zu den US-Folterpraktiken in Guantánamo Bay oder zum tödlichen Angriff von US-Kampfhelikoptern auf ZivilistInnen in Bagdad.

www.ccc.dewww.wikileaks.org

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