Nr. 31/2010 vom 05.08.2010

Nur gemeinsam . . .

Kommunitär, solidarisch, nachhaltig: eine Bestandesaufnahme der bisherigen WOZ-Diskussion über alternatives Wirtschaften und über Genossenschaften. Ein paar grundsätzliche Fragen und ein Neuanfang.

Von Stefan Howald

Es wirkt in der gegenwärtigen Politdiskussion beinahe unwirklich. In ihrem neuen Programmentwurf stellt die Sozialdemokratische Partei der Schweiz das Konzept der Wirtschaftsdemokratie in den Mittelpunkt und will gezielt Genossenschaften fördern. Da waren wir doch schon mal, in den achtziger Jahren, als fürs SP-Programm ein Selbstverwaltungskonzept im Solothurner «Kreuz» ausgebrütet wurde, das selbst eine Genossenschaft war, als selbstverwaltete Genossenschaften durch Autoren wie Otto F. Walter und Rolf Niederhauser kulturellen Mehrwert erhielten, ein Buch von Emil Zopfi, «Cooperativa oder das bessere Leben», Letzteres versprach und «Inseln der Zukunft» aufgelistet wurden. Heroische Zeiten.

So weit der Alltag reicht

Vielleicht ist die Idee heute doch nicht ganz so unwirklich. Jedes Jahr kriege ich zum Beispiel von der Schweizer Mobiliarversicherung einen Brief, in dem sie mir meine Gewinnbeteiligung mitteilt, die sie von der Prämie der Hausratsversicherung abzieht. Denn die Mobiliar, mit 1,4 Millionen KundInnen eine der grössten Versicherungen der Schweiz, ist genossenschaftlich organisiert und «so ganz ihren Versicherten verpflichtet». Als Migros-GenossenschafterInnen können wir alle «Miteigentümer des grössten Schweizer Arbeitgebers» werden, und der zweitgrösste Detailhändler, Coop, führt das Kooperative, Genossenschaftliche, sogar noch immer im Namen. Meine Pensionskasse wird von der Gewerkschaft getragen und hat erst vor ein paar Jahren entschieden, vom Duzen des Kollegen zum Siezen des Kunden überzugehen. Zum Arzt gehen meine Partnerin und ich in eine alternative Gemeinschaftspraxis in der Nachbargemeinde; aufs nahende Alter hin überlegen wir uns, einer Wohnbaugenossenschaft beizutreten, die nicht nur verschiedene Generationen zusammenbringt, sondern auch mit einer neu gegründeten Gemüsekooperative zusammenarbeitet. Von meinem Vater habe ich kürzlich den Anteilschein einer lokalen Waldkorporation übernommen; irgendwo in einem Ordner ist ein Genossenschaftsschein des Zürcher Verlags Edition 8 sowie einer des deutschen Argument-Verlags abgelegt, und nächstens werde ich womöglich gar in die Genossenschaft Infolink aufgenommen, die die WOZ herausgibt.

Genossenschaften, so weit der Alltag reicht und die Gedanken schweifen. Die Schweizer Wirtschaft wäre also von alternativen Ansätzen durchzogen? Leider nicht. Mobiliar und Coop und Migros wissen längst nicht mehr, was das Genossenschaftliche an ihnen sein soll, über nominelle Abstimmungen, eine rechnerische Gewinnbeteiligung und das modische Bekenntnis zur Nachhaltigkeit hinaus. Coop ist, anders als die Migros, nicht einmal Mitglied in der International Co-operatives Alliance, die, mit Sitz in Genf, 242 Organisationen aus 91 Ländern mit über 800 Millionen Mitgliedern repräsentiert; dafür sperrt sich die Migros notorisch gegen gewerkschaftliche Forderungen. Meine Pensionskasse versichert zwar, verantwortungsvoll und nachhaltig anzulegen, aber sie muss selbstverständlich ihren Kapitalzins hereinholen. Die meisten Wohnbaugenossenschaften versinken in bürokratischem Verwaltungskram. So herrscht eine Ungleichzeitigkeit. Überall liegen formale Möglichkeiten, im falschen Leben ein wenig richtig zu leben, doch verflüchtigen sich die meisten davon bei näherem Zusehen.

Eine Serie voller Beispiele

Seit März 2009 sind in der WOZ-Serie «Wirtschaft zum Glück» nachhaltige Produktions- und Eigentumsformen, neue Ideen für eine alternative Ökonomie und ökologisch sinnvolle Projekte vorgestellt worden. Die Artikel behandelten grundsätzliche Fragen und beschrieben schweizerische und ausländische Beispiele; sie reichten von der Geschichte der Schweizer Genossenschaften über eine Region, die sich um erneuerbare Energien kümmert, bis zum Gespräch mit der alternativen indischen Ökonomin Vandana Shiva; sie handelten vom Waadtländer Projekt Kompetenztausch und der Firma Biowert im Odenwald, von der spanischen Grossgenossenschaft Mondragon, einer Kommune in Kassel und einer Chemiefabrik in England im Besitz der Arbeitenden, von Kooperativen in Burkina Faso, auf den Philippinen und in Indien.

Die bisherigen Beiträge haben verschiedene zukunftsweisende Projekte vorgeführt, aber auch Bruchlinien sichtbar gemacht. Denn alternative Wirtschaftsformen äussern sich auf unterschiedlichen Ebenen: bezüglich der Eigentumsverhältnisse, der Arbeitsbedingungen, der Arbeitsprodukte. Das geht nicht immer zusammen. Nachhaltige Produkte werden zuweilen in hier- archischen Arbeitsbeziehungen produziert; Genossenschaften im Gemeinbesitz können sich der Marktlogik nicht entziehen und sind gelegentlich zum Abbau von Errungenschaften oder gar zu Entlassungen gezwungen.

Rückschläge

In der Schweiz bleiben ganze Sektoren von genossenschaftlichen Ideen unberührt, obwohl sie historisch damit verbunden waren oder sich – wie der Service public – dafür anbieten würden. Selbstverwaltete Genossenschaften sind auf Nischen reduziert und ständig von Rückschlägen bedroht: Im Frühjahr hat die kleine selbstverwaltete Berner Druckerei Widerdruck nach knapp dreissig Jahren aufgegeben, auch deshalb, weil sie im alternativen Umfeld zu wenig Unterstützung gefunden hat; und die Stadtzürcher Gipser- und Malergenossenschaft zieht wegen der hohen Stadtzürcher Bodenpreise aufs Land. Selbstkritisch sei zudem angemerkt, dass die WOZ sich zwar im Besitz der MitarbeiterInnen befindet, sich nach wie vor als selbstverwaltet versteht und im Unternehmen mehr oder weniger begeistert Solidaritätskaffee aus Chiapas getrunken wird; aber gedruckt wird die Zeitung seit einigen Jahren nicht mehr in einer alternativen Druckerei, sondern in einem bürgerlichen Grossbetrieb; die Zusammenarbeit klappt gut, danke, aber zuweilen drückt das schlechte Gewissen doch.

International gesehen hat die Finanzmarktkrise mit ihren realwirtschaftlichen Auswirkungen in den westlichen Industrieländern, anders als frühere Krisen, kaum zu Fabrikbesetzungen und selbstverwalteten Selbsthilfeprojekten geführt. In der dritten Welt wecken genossenschaftliche Modelle zwar weiterhin grössere Hoffnungen, und hier finden sich mittlerweile die mitgliederstärksten Genossenschaften. Zugleich hat die Globalisierung Abhängigkeiten und Sachzwänge verschärft.

Autonom und vernetzt

Das stellt uns in ein paar Problemfelder hinein:

Weiterhin bleiben wir an den Wachstumsfetischismus gekettet, von der Pensionskasse bis zur Agrarkooperative. Ist ein umweltverträgliches Wirtschaftswachstum vorstellbar, oder helfen nur alternative Wirtschaftsmodelle, die nicht auf Wachstum beruhen? Soll anstelle des klassischen linken Krisenprogramms der Konjunkturankurbelung das existenzsichernde Grundeinkommen weiterentwickelt werden?

Die makroökonomische, globale Perspektive holt uns ständig ein. Wird die Qualität nachhaltiger Rosen aus der dritten Welt in die Quantität neuer Handelsbeziehungen umschlagen? Wie können die Anstrengungen für eine neue Weltwirtschaftsordnung, eine neue Finanzordnung und darin eingebettet eine solidarische Ökonomie vorangetrieben und die vertikale Verknüpfung genossenschaftlicher Unternehmungen sowie die internationalen Strukturen der Genossenschaftsbewegung verstärkt werden?

Wenn wir auf die autonomen Inseln der Zukunft setzen, sollten wir zugleich das Potenzial traditioneller Genossenschaften nicht vergessen. Coop vermarktet qualitativ gute Bioprodukte, aber wie liesse sich für Angestellte wie KonsumentInnen sein genossenschaftlicher Charakter durch einen Coop-Frühling wiedergewinnen? Politisch ist es sinnvoll, das Briefmonopol der Post und die Qualität der öffentlich-rechtlichen Eisenbahn zu verteidigen, doch müssten nicht zugleich die Partizipationsformen in diesen Unternehmen vergrössert werden? Sollten in den städtischen Verwaltungen all der rot-grün dominierten Schweizer Städte nicht endlich ernsthaftere Mitbestimmungsanstrengungen angestossen worden?

So weit betrifft das die gesellschaftlichen Strukturen. Das Sein bestimmt schliesslich immer noch das Bewusstsein. Aber das Bewusstsein bestimmt das Handeln. Deshalb müssen wir uns auch um die dominanten Denkmuster kümmern und den ideologischen Klassenkampf um Worte und Werte führen.

Die Kapitallogik ist, jenseits ihrer neoliberalen Verschärfung, die kurzfristig diskreditiert schien, ungebrochen. Wie entstehen solche Denkformen aus der Irrationalität des Realen, in der Kapital angeblich Wert schafft, und wie lässt sich dagegen angehen?

Die bisherigen genossenschaftlichen Erfahrungen müssen durchdacht werden. Wie sieht es mit der Aufhebung der Arbeitsteilung aus, und welche Vorstellungen von Rotation und Selbstqualifizierung bestehen? Wie gehen wir mit Selbstausbeutung, mit informeller Hierarchie und Macht um?

Das scheinbar altertümliche Wort der Solidarität sollte neu gewonnen werden, und zwar auf verschiedensten Ebenen, bis ins Ensemble der menschlichen Fähigkeiten hinein. Bietet die evolutionäre Biologie Ansatzpunkte, altruistisches und kooperatives Verhalten zu begründen? Lässt sich ein empathischer Universalismus mit neurologischen Argumenten stützen, oder führt das in die biologistische Sackgasse?

Sofort – oder wann?

Und dann erhebt sich die alte Frage: Soll und kann solidarisches Handeln praktisch und sofort verwirklicht werden, oder müssen dafür zuerst die gesellschaftlichen Bedingungen geschaffen werden? Die alte Antwort darauf heisst immer noch: Es braucht beides. In einer Zürcher Landzeitung ist kürzlich eine Jugendarbeiterin, die sich 1980 um ein Jugendhaus in einer Agglomerationsgemeinde verdient gemacht hatte, gefragt worden, was ihr als Erkenntnis ihres Engagements geblieben sei. Worauf sie geantwortet hat: «Dass es geht. Wir hatten damals eine echte Vision, die Vision eines selbstverwalteten Jugendhauses, und wir haben sie umgesetzt. Zentral war dabei der Durchhaltewillen der Jugendlichen, die es zuvor schon oft erfolglos probiert hatten.» So ist es: Es braucht Visionen, es braucht engagierte Menschen und Durchhaltewillen.

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