Nr. 33/2010 vom 19.08.2010

Für den Preis eines Huhns

Wie 33 haitianische Kinder von ihren Eltern an 11 Baptisten aus den USA übergeben wurden. Wie deren Versuch, in den Adoptionshandel einzusteigen, jedoch scheiterte. Und wie die Geschichte weiterging.

Von Toni Keppeler, Port-au-Prince (Text und Foto)

Es gibt in Port-au-Prince schlimmere Elendsviertel als Mais Gaté. Mehr als jedes zweite Haus hat dort die Erschütterungen des Erdbebens vom 12. Januar halbwegs überstanden. Das Viertel liegt gleich gegenüber dem internationalen Flughafen auf einem Hügel. Erdstrassen führen zwischen den aneinandergeklebten Häuschen aus Hohlblocksteinen hindurch, steil und verwinkelt. Jetzt, in der Regenzeit, werden sie zu Schlammrutschen. Schmale Gassen führen in steilen Stichen zu den Häusern. Wenn sich zwei Menschen entgegenkommen, muss sich einer an die Wand pressen, um den anderen vorbeizulassen.

Ganz oben auf dem Hügel blickt man hinab auf ein fast endloses Meer von rostigen Wellblechdächern. Hier, in Mais Gaté, sind sich am 28. Januar Maletide Fenelon und Laura Silsby begegnet.

Maletide Fenelon ist klein, schmal und schwarz und Mutter von vier Mädchen. Sie trägt einen Jeansrock und eine gelbe Bluse mit grossen Mustern. Um den Kopf hat sie ein buntes Tuch gewickelt. Die jüngste ihrer Töchter ist jetzt ein gutes halbes Jahr alt, die älteste acht Jahre. Fenelon ist 29. Als sie Laura Silsby traf, hat sie ihr einfach so ihre vier Kinder gegeben. Sie sagt: «Ich hatte Vertrauen. Sie kam mit einem Prediger.» Dass Silsby eine Kinderhändlerin sein könnte, daran habe sie keine Sekunde gedacht.

Laura Silsby sagt, sie sei keine Kinderhändlerin, sondern eine gottesfürchtige Baptistin, die nur ein gutes Werk habe tun wollen. Die Vierzigjährige ist blass und blond und etwas untersetzt. Sie ist aus den USA nach Haiti gekommen, mit ihrem 24-jährigen ehemaligen Hausmädchen Charisa Coulter und acht weiteren BaptistInnen; zusammen fünf Frauen und fünf Männer. Zu Hause in Meridian im Bundesstaat Idaho hatte Silsby einige Probleme. Mit mehreren kleinen Dienstleistungsfirmen war sie gescheitert. Zuletzt betrieb sie einen Onlineshop. Zwölf Verfahren laufen gegen sie, weil sie ihren Angestellten die Löhne nicht bezahlte. Die Bank hat ihre Geschäftskonten gesperrt.

Hundert Waisen einsammeln

Im vergangenen Jahr hatte Silsby eine neue Idee: Zusammen mit Coulter gründete sie einen Wohltätigkeitsverein, das New Life Children’s Refuge. Das Ziel: «Waisen und verlassene arme Kinder aus Haiti und der Dominikanischen Republik zu retten, zu lieben und zu versorgen.» Im November liess sie das kleine private Hilfswerk registrieren. Als Adresse gab sie ein Haus an, das ihr damals gehörte. Zwei Tage nach der Registrierung verkaufte sie das Haus. Sie überredete ihre eigene und die nachbarliche Baptistengemeinde in Twin Falls, ihr 7000 Dollar vorzustrecken. Mit Charisa Coulter reiste sie in die Dominikanische Republik und bereitete alles vor. Acht weitere BaptistInnen sollten später dazustossen.

Die beiden Frauen mieteten im Küstenstädtchen Cabarete ein leer stehendes Hotel mit 45 Zimmern an. Auf der Internetseite des New Life Children’s Refuge wurde «Gelegenheit für Adoptionen» angeboten, «für liebende christliche Eltern, die ansonsten keine Möglichkeit hätten, eine Adoption genehmigt zu bekommen». Im Klartext heisst das: Hier wird nicht viel gefragt, hier wird nur Geld verlangt. Die Kinder, pries die Website, lebten in einem schönen Anwesen mit Schwimmbad und Fussballplatz. Für adoptionswillige Paare stünden kleine Bungalows in Strandnähe bereit. Dort könnten sie die sechzig bis neunzig Tage abwarten, die für die rechtlichen Formalitäten gebraucht würden.

Aus Idaho flogen die acht BaptistInnen ein. Wahrscheinlich glaubten sie wirklich, sie würden ein gutes Werk tun. Auf ihrem Reiseprogramm stand beispielsweise für einen Tag: «Fahrt mit dem Bus von Santo Domingo nach Port-au-Prince. 100 Waisen auf den Strassen und in eingestürzten Waisenhäusern einsammeln. Dann Rückkehr in die Dominikanische Republik.» Silsby hatte dafür einen ortskundigen Helfer: den Baptistenprediger Jean Sanbil, einen in den USA lebenden gebürtigen Haitianer.

«Leid und Schmerz in Haiti»

Es muss am Nachmittag des 28. Januar gewesen sein, als Laura Silsby zusammen mit Jean Sanbil bei Maletide Fenelon in Mais Gaté zu Besuch war. Fenelon ist nicht die Ärmste der Armen. Ihr Mann arbeitet in einer Akkordnäherei und verdient am Tag 200 Gourdes, umgerechnet nicht ganz 4 Euro. Für ihr Häuschen bezahlt die Familie knapp 250 Euro Miete im Jahr. Zwei kleine dunkle Zimmerchen. Zwei Stühle, eine grobe Bank und ein Tisch. Die Matratzen zum Schlafen sind in der Ecke zusammengerollt. Beim Erdbeben hat das Haus ein paar mächtige Risse abbekommen, aber es wirkt noch stabil. Und eines ist ganz sicher: Maletide Fenelons vier Mädchen sind keine Waisen.

Bei einer Versammlung mit Nachbarinnen habe zunächst der Pastor zu ihnen gesprochen, erinnert sich Fenelon. «Er sagte, dass es viel Leid und Schmerz gebe in Haiti. Dass viele Familien ihre Kinder in ein Massengrab werfen mussten. Und dass sie eine bessere Zukunft wollten für unsere Kinder.» Maletide Fenelon wollte selbst eine bessere Zukunft für ihre Kinder. «Der Pastor sagte, sie würden die Kinder erst in die Dominikanische Republik bringen und dann in die USA. Wir könnten sie dort immer besuchen.» Die weisse Frau wollte am nächsten Tag wiederkommen und die vier Mädchen abholen.

Am nächsten Morgen kam ein Bus nach Mais Gaté. Silsby, Pastor Sanbil «und noch ein paar weisse Männer und Frauen». Sie holten die vier Töchter von Fenelon. Am Tag darauf, dem 30. Januar, erfuhr die Mutter aus dem Radio, dass die Baptisten mit 33 Kindern an der Grenze zur Dominikanischen Republik von der Polizei aufgehalten worden waren.

Georg Willeit erinnert sich genau an den 30. Januar. «Um die Mittagszeit erhielten wir einen Anruf vom staatlichen Sozialinstitut. Am späten Nachmittag kamen dann die Kinder.» Willeit ist Nothilfekoordinator des SOS-Kinderdorfes in Santo, einem fast schon ländlich anmutenden Aussenbezirk von Port-au-Prince. Seit dem Beben lebten dort 300 Kinder, die ohne Begleitung von Erwachsenen aufgegriffen worden waren. Auf 33 weitere kam es da nicht mehr an.

«Die Kinder hatten eine Nacht im Bus verbracht», erinnert sich Willeit. «Sie waren hungrig und durstig, und manche hatten nicht einmal ein Hemd an.» Ein Mädchen habe geweint und geschrien: «Ich bin keine Waise. Ich habe noch Eltern.» Das war Dienlanda Desilien, die älteste Tochter von Maletide Fenelon. Ein Baby musste sofort ins Krankenhaus. «Es war völlig dehydriert. Es hätte die Nacht wohl kaum überstanden.» Keines der Kinder hatte Papiere dabei, aber ein paar die Mobiltelefonnummer der Eltern. So hatten die Sozialarbeiter im Kinderdorf eine erste Spur. Eltern hatten alle, kein einziges Waisenkind war dabei. Inzwischen sind sie wieder bei ihren Familien.

«Als ich meine Kinder das erste Mal im Dorf besuchen wollte, haben sie mich nicht reingelassen», erzählt Fenelon. «Danach habe ich sie zwei Mal sehen dürfen, erst dann habe ich sie wieder bekommen.» Die Sozialbehörden wollten zunächst die Situation der Familien überprüfen, die Psychologen des Kinderdorfes sprachen mit Müttern und Kindern. «Wir wollten sicher sein, dass die 33 nicht schon mit dem nächsten Bus in die Dominikanische Republik fahren», sagt Willeit.

Ein Verbrecher als Anwalt

Laura Silsby und ihre neun Gehilfen sassen derweil in den Zellen einer Polizeistation, die das Erdbeben überstanden hatte. Bei den Verhören gab sich Silsby als tiefgläubige Christin: «Gott wollte, dass wir kommen und diesen Kindern helfen.» Und überhaupt: «Solche Kinder verkauft man hier für den Preis eines Huhns.» Silsby bezahlte nicht einmal das.

Richter Bernard Saint-Vil war fast schon bereit, den frommen Geschichten der Baptisten Glauben zu schenken und sie in ihre Heimat abzuschieben. Da tauchte nach einer Woche Haft deren Anwalt aus der Dominikanischen Republik auf. «Nun wurde ich skeptisch. Er kam mit vier Leibwächtern hier an», sagt Saint-Vil. «So etwas habe ich noch nie bei einem Anwalt gesehen.» Der Mann mit rundem Gesicht, kurzem braunem Haar und sauber gestutztem Vollbart stellte sich als Jorge Puello vor, Anwalt einer 45-Mann-Kanzlei in Santo Domingo und daselbst auch Vorsitzender der sephardisch-jüdischen Gemeinde. Sein Auftritt war spektakulär; Fotos davon gingen am nächsten Tag weltweit durch die Presse.

Als er das Foto von Puello in einer lokalen Zeitung sah, wurde auch Jorge Callejas, Sprecher der Grenzpolizei in El Salvador, stutzig: «Dasselbe Gesicht, derselbe Bart, dasselbe Geburtsdatum.» Nur der Name war anders. In El Salvador suchte man seit dem 26. Mai 2009 einen Jorge Torres Orellana wegen Mädchenhandels, der Puello zum Verwechseln ähnlich sah. Er soll Mädchen und junge Frauen aus Nicaragua und der Dominikanischen Republik mit dem Versprechen von Jobs in Büros oder als Models angeworben und sie dann in El Salvador in Bordelle gezwungen haben. Bei einer Hausdurchsuchung in seiner salvadorianischen Residenz in Ciudad Versalles wurde seine hochschwangere Frau Ana Josefa Galvarina Ramírez Orellana verhaftet. Es fanden sich auch Unterlagen von einer sephardischen Gemeinde in Santo Domingo. Der Hausherr aber war verschwunden.

Auch der angebliche Anwalt Puello tauchte ab, nachdem die mögliche Verbindung zu El Salvador in Haiti bekannt geworden war. Seine Kanzlei in Santo Domingo war nicht mehr als eine Website, die schnell wieder vom Netz genommen wurde. Weder in der Dominikanischen Republik noch in den USA war Puello als Anwalt registriert. Dafür hatte er wegen eines Bankbetrugs und des Waschens von Drogengeldern in Kanada achtzehn Monate in Auslieferungshaft und in den USA ein Jahr im Gefängnis gesessen. In den USA wird er heute wegen Vergehen gegen Bewährungsauflagen gesucht, in vier weiteren Ländern wegen Mädchenhandel. In Telefoninterviews aus dem Untergrund stritt Puello zunächst alles ab, doch dann gestand er dem Nachrichtensender CNN: «Ja, ich bin der gesuchte Mann.» Danach kamen die zehn inhaftierten BaptistInnen frei.

Dreieinhalb Monate wofür?

Zuerst wurden Ende Februar die acht Helfer von Silsby und Coulter entlassen und sofort in die USA ausgeflogen. Einen Monat später durfte auch Charisa Coulter gehen. Laura Silsby sass bis zum 17. Mai im Gefängnis. An diesem Tag erhielt sie eine Strafe von dreieinhalb Monaten – genau so viel, wie sie bereits abgesessen hatte. Auch Silsby flog sofort in die Heimat zurück. Ein Richter, der mit dem Fall befasst war, sagt: «Es gab Druck von der US-Botschaft.» Die USA wollten, dass die Frau sofort freikommt, Haiti wollte eine Verurteilung. Auf Kinderhandel aber stehen fünfzehn Jahre Haft. So suchten die Richter in den Gesetzen und fanden schliesslich einen Ausweg, der einerseits eine Verurteilung, andererseits die Freilassung möglich machte: Silsby wurde schuldig gesprochen, mit den Kindern eine «irreguläre Reise» unternommen zu haben. Das Urteil stützt sich auf ein Gesetz, das der damalige Diktator Jean-Claude Duvalier 1980 erliess. Um mehr Kontrolle über Personenbewegungen zu haben, mussten Busfahrten unter der Diktatur registriert werden.

Jorge Aníbal Torres Puello (das ist wahrscheinlich sein richtiger Name) war schon zwei Monate zuvor, am Abend des 18. März, festgenommen worden, als er in Santo Domingo ein McDonald’s-Restaurant verliess. Er sitzt seither in Auslieferungshaft. Seine Frau Ana Josefa Galvarina Ramírez Orellana wurde am 26. Juli in El Salvador wegen sexueller Ausbeutung zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Die 33 Kinder sind alle wieder bei ihren Angehörigen, und man weiss nicht so recht, ob Maletide Fenelon darüber ganz glücklich ist.

«Ich bin zufrieden, dass sie wieder hier sind», sagt sie zwar, aber richtige Freude oder Erleichterung ist bei ihr nicht zu spüren. «Der Kleinen kann ich nicht mehr die Brust geben. Seit ich sie weggegeben habe, habe ich keine Milch mehr.» Sie habe gehofft, dass es den Mädchen besser gehen werde als hier in der Not in Haiti. «Solange sie da sind, kann ich nicht arbeiten oder wenigstens auf der Strasse irgendetwas verkaufen.» Und wie war die Zeit, in der sie weg waren? «Da habe ich mich wohlgefühlt.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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