Nr. 35/2010 vom 02.09.2010

Rechtsbürgerlicher Mainstream

Wird der neue Chefredaktor Markus Somm mit einem anderen Kurs Erfolg haben?

Von Hanspeter Spörri

Markus Somm, der neue Chefredaktor der «Basler Zeitung» («BaZ»), ist ein leidenschaftlicher Journalist; er schreibt flüssig, recherchiert gründlich, analysiert scharfsinnig; und er hat sich eine gewisse Unvoreingenommenheit erarbeitet. Das weiss, wer seinen Weg etwas verfolgt und schon mit ihm diskutiert oder gar gestritten hat.

Bewunderung für starke Figuren

Somm ist zudem seit je charmant und gewinnend, nicht nur ein eloquenter Erzähler, sondern auch ein Zuhörer. Aber er ist ein politischer Konvertit. Er stand einst links, weit links des angeblichen linksliberalen Mainstreams; er vermutet deshalb, die Linken seien generell so, wie er früher war: radikal, pathetisch, verblendet, eher ideologisch als demokratisch, eher missionarisch als aufklärerisch.

Somm ist ein Mann der festen Überzeugungen geblieben. Er neigt immer noch dazu, kraftvolle politische Figuren zu bewundern und ihre Stärken zu überzeichnen. Damit schafft er es, lesenswerte Bücher zu schreiben. Aber als Biograf hat er übersehen, dass es zwischen General Henri Guisan und Bundesrat Christoph Blocher einen bedeutenden Unterschied gibt: Der General hat als Charismatiker das Land in schwieriger Zeit geeint; er hat mit dem Entscheid für den Rückzug ins Reduit zwar eine problematische, aber vermutlich die einzige militärisch einigermassen glaubwürdige Strategie gewählt. Christoph Blocher und seine Epigonen aber spalten das Land und führen es in ein geistiges Reduit, das keine Perspektiven mehr bietet.

Basels kritisches Publikum

Für die neuen Besitzer der «BaZ» ist Somm der ideale Mann. Er soll eine Zeitung leiten, die nicht ganz so weit nach rechts driften darf wie die «Weltwoche», weil sie dann zu wenig Leser hätte. In ihr sollen Debatten geführt werden, unterschiedliche Meinungen zum Ausdruck kommen. Damit will man über die Grenzen des bisherigen Verbreitungsgebiets der «BaZ» hinaus Aufmerksamkeit erlangen. Die Themen, der Tonfall, die Dramaturgie dieser Debatten aber werden von rechts bestimmt – wie auch in der «Weltwoche». Die Investoren, welche die «BaZ» erworben haben, sind nicht einfach nur am finanziellen Return on Investment interessiert. Sie sind politisch ehrgeizig, getrieben von einer ideellen oder ideologischen Überzeugung, die fast einer Heilslehre gleicht. Und sie haben wohl auch eine Strategie und ein Ziel. Sie sehen sich selbst als Vordenker. Es handelt sich dabei nicht um eine Verschwörung. Dazu fehlt die Heimlichkeit. Aber unheimlich ist das Ganze schon. Es ist ein Programm, fast ein 68er-Programm mit umgekehrten Vorzeichen: radikal, anarchisch, missionarisch, libertär, aber nicht links – eigentlich ganz und gar unschweizerisch, jedenfalls der schweizerischen Konsens-, Kompromiss- und Konkordanzkultur zuwiderlaufend.

Basel hat ein kritisches, anspruchsvolles Zeitungspublikum. Es war schon mit der bisherigen «BaZ» nicht in allen Teilen zufrieden. Es wird mehrheitlich mit der neuen «BaZ» noch weniger glücklich sein. Denn diese wird eines nicht sein können: Ersatz für die einstige und bis heute vermisste Basler Vielfalt, für die Qualitäten, die Eleganz und die Radikalität der ehemaligen «Basler Nachrichten» und der «National-Zeitung».

Es mag aus Sicht der «BaZ»-Besitzer nun verführerisch sein, unter dem Titel «National-Zeitung» ein neues, grösseres Blatt zu kreieren, allenfalls zusammen mit der «Mittelland Zeitung». Aber es wäre frevelhaft, ein Etikettenschwindel, die Instrumentalisierung des Nationalen.

Engherziger Liberalismus

Auch die gewendete «BaZ» unter Markus Somm wird den Wandel der Medienkultur, den Bedeutungsverlust der Tageszeitung nicht aufhalten können. Somms gut formulierte Leitartikel und Kommentare werden auf einiges Interesse stossen. Aber sie werden einigermassen vorhersehbar sein: ein bisschen bissig, ein bisschen staatskritisch und wirtschaftsfreundlich eben, wie es Blocher und Tettamanti gefällt. «Liberal» nennt «BaZ»-Verleger Martin Wagner dies. Aber es ist wohl ein etwas eng definierter, an den engherzigen Zeitgeist angelehnter Liberalismus: der rechtsbürgerliche Mainstream halt.

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