Nr. 18/2011 vom 05.05.2011

Bei der «BaZ» war man wohl kaum amüsiert, oder?

Urs Buess, bis vor kurzem stellvertretender Chefredaktor der «Basler Zeitung» («BaZ»), erklärt, weshalb es in der Stadt am Rheinknie nicht einfach ist, eine Zeitung zu machen – und er trotzdem ein neues Abenteuer wagt.

Von Jan JirátMail an Autor:in (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Urs Buess: «Markus Somm hätte es sicher lieber gesehen, wenn ich in ein Schulhaus statt zu einem Konkurrenzprodukt gegangen wäre.»

WOZ: Herr Buess, seit Anfang April (2011) sind Sie nicht mehr stellvertretender Chefredaktor der «Basler Zeitung». In den Medien war von einem «Abgang» die Rede. Sind Sie gegangen, oder mussten Sie gehen?
Urs Buess: Es war mein persönlicher Entscheid, die Kündigung einzureichen. Ende März waren meine Frau und ich eine Woche in den Ferien im Bergell. In der ersten Nacht lag ich wach im Bett – nicht schlaflos oder nervös, aber ich habe lange nachgedacht über meine Situation bei der «BaZ». Und am Morgen wusste ich: «Jetzt musst du gehen, und zwar sofort!» Es war eine grosse Erleichterung, zu wissen, dass ich etwas Neues machen kann. Seit Anfang April bin ich nun freigestellt.

Sie hatten ja auch allen Grund, erleichtert zu sein. Wenige Tage nach Ihrer Freistellung bei der «BaZ» ist bekannt geworden, dass Sie gemeinsam mit Remo Leupin eine neue Basler Online- und Wochenzeitung leiten werden. Diese wird von der Stiftung für Medienvielfalt finanziert, hinter der mit Beatrice Oeri eine potente Mäzenin steht.
Ich habe Ende März von diesem Projekt erfahren, weil ich mit dem ehemaligen «BaZ»-Chefredaktor Ivo Bachmann, der das Konzept der neuen Zeitung entwickelt, einmal darüber gesprochen habe, aber das war nicht der ausschlaggebende Grund für meine Kündigung.
Eigentlich habe ich in Erwägung gezogen, Schule zu geben. Ich bin ja nicht nur Journalist, sondern auch ausgebildeter Primarlehrer. Meine Überlegung war, dass ich durch meine sofortige Kündigung eine Lehrerstelle im Sommer finden könnte. Nach meiner Freistellung bei der «BaZ» hat sich dann sehr schnell ergeben, dass ich in das neue Basler Medienprojekt einsteigen werde.

Ich gehe mal davon aus, dass man bei der «BaZ» über diesen Schritt nicht gerade sehr amüsiert war?
Es gab wegen meiner Freistellung bei der «BaZ» keinen persönlichen Krach zwischen Chefredaktor Markus Somm und mir. Wir kennen uns ja aus gemeinsamen Zeiten beim «Tages-Anzeiger» in den neunziger Jahren. Somm hat durchaus nachvollziehen können, dass es ein Problem für mich war, nicht genau über die Eigentums­verhältnisse bei der «Basler Zeitung» informiert zu sein. Ich weiss ja genauso viel wie Sie: dass der ehemalige Crossair-Chef Moritz Suter der Besitzer ist und dafür eine Million Franken bezahlt hat. Markus Somm sagte mir, er wüsste auch nicht, ob er für eine Zeitung arbeiten könnte, hinter der möglicherweise Fidel Castro stecke.

Und wie hat er reagiert, als er von Ihrer neuen Arbeitsstelle erfahren hat?
Er hätte es sicher lieber gesehen, wenn ich in ein Schulhaus statt zu einem Konkurrenzprodukt gegangen wäre. Mehr möchte ich dazu im Moment nicht sagen.

Sie haben vorhin erwähnt, dass Sie nach Ihrem Entschluss, bei der «Basler Zeitung» aufzuhören, erleichtert waren. Haben die letzten Monate Spuren hinterlassen? Seit Anfang des letzten Jahres bekannt wurde, dass die «Basler Zeitung» vom Tessiner Financier Tito Tettamanti und dem Basler Wirtschaftsanwalt Martin Wagner übernommen wird, ging es ja drunter und drüber – bis hin zum unrühmlichen Höhepunkt im letzten November, als die «NZZ am Sonntag» enthüllte, dass SVP-Stratege Christoph Blocher ein Beratermandat ausübte.
Ja, diese Entwicklungen waren in der Tat sehr belastend. Aber ich muss andererseits auch festhalten, dass nicht alles schlecht war in den letzten Monaten. Markus Somm hat zu Beginn seiner Tätigkeit als Chefredaktor die Zeitung entschlackt und von vielem überflüs­sigen Krimskrams befreit. Ausserdem hat er viele gute Fremdautoren, die nicht immer auf seiner rechtsbürgerlichen Linie waren, ins Blatt geholt. Und durch sein journalistisches Credo, die besten Texte ganz vorne im Blatt zu platzieren, hat die «BaZ» schon auch an Format gewonnen.

Ich warte gespannt auf das «Aber» …
Ich spreche jetzt nur von journalis­tischen Aspekten. Markus Somms Blickwinkel ist sehr klar definiert: Hier ist der bürgerliche Standpunkt, und damit meint er seinen eigenen – und alles andere ist nicht bürgerlich, also links. Mit dieser stark ideologisch geprägten Sicht- und Herangehensweise an Themen und Debatten ging viel Energie verloren. Ausserdem konnte ich nicht begreifen, weshalb er den unsäglichen Ex-«Weltwoche»-Kolumnisten Max Frenkel ins Blatt eingebaut hat. Das waren sicher Gründe, die zu meinem Entschluss führten.

Trotzdem: Sprach man jüngst mit Leuten aus Basel über die «BaZ», waren die Haltungen kritisch bis ablehnend.
Die Basler haben nicht erst seit den letzten Monaten ein eigenartiges Verhältnis zu ihrer einzigen Tageszeitung. Vor ungefähr einem halben Jahr besuchte uns eine Schulklasse auf der Redaktion. Ein achtzehnjähriger Schüler sagte damals, seit die «Nationalzeitung» und die «Basler Nachrichten» fusioniert hätten, sei es einfach nicht mehr dasselbe. Dabei fand diese Fusion 1976 statt! Und noch immer ist sie ein Trauma in dieser Stadt.
Ich habe 1983 als Volontär bei der «BaZ» begonnen und lernte von Anfang an, mit einer gewissen Kritik und Häme zu leben. Mit dem typischen «Früher war alles besser». Aber es ist in letzter Zeit definitiv noch schwieriger geworden.

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