Nr. 35/2010 vom 02.09.2010

Für einen Sack Bohnen

Jahrzehntelang ist in der Hauptstadt Managua ein Abfallberg gewachsen, auf dem Menschen unter schrecklichen Bedingungen ihr Leben fristen. Eine Reportage von der grössten Abfallhalde Zentralamerikas.

Von Franziska Engelhardt, Managua

Dicker Rauch trübt die Sicht. Auf zwei Meter Entfernung ist die Silhouette eines Menschen in gebeugter Haltung zu erkennen. In der nächsten Sekunde ist die Sicht klar – wie bei dickem Nebel auf einer Bergspitze, der im nächsten Moment vorbeigezogen ist.

Der Blick ist frei auf die Gestalt, die neben Dutzenden anderen mit einem Stock mit einer Greifhand an der Spitze in Bergen von Abfall herumstochert. Unweit davon suchen Kühe, Geier und Hunde nach Futter. Überall steigt Rauch empor, Flammen züngeln zwischen feuchtem Karton, Mangoschalen und Plastikflaschen hervor. Der ganze Berg brennt. Es ist die Abfallhalde der nicaraguanischen Hauptstadt Managua, genannt «La Chureca». «Chureca» ist der populäre Ausdruck für hässlich, unangenehm. Der Berg ist nicht nur das, sondern auch die grösste Müllhalde Zentralamerikas.

María González füllt mit blossen Händen ihre bereitstehende Plastiktüte mit ausgebuddelten PET-Flaschen. Ihr Pullover war einmal weiss, ebenso das Kabel eines MP3-Players, das zu ihren Ohren führt. Aus den Kopfhörern tönt allerdings nichts, den losen Stecker hat sie hinten in die Hosen gestopft. Sie schaut unter ihrer Nike-Baseballmütze hervor. Auf ihrem rundlichen Gesicht formen aufgeplatzte Lippen ein erwartungsvolles Lächeln, die Augen sind wässrig. Beiläufig wischt sie die Tränen mit ihrem verschmutzten Pullover ab und beginnt zu erzählen.

Sie hat sich auf das Sammeln von PET-Flaschen spezialisiert. Pro Kilo erhält sie zwei Rappen. Sie muss viele Säcke füllen, damit sie 2.50 Franken pro Tag verdient. Damit ernährt die 37-jährige alleinerziehende Mutter sich und ihre beiden Kinder. Sie wohnen nur rund 200 Meter entfernt von ihrem Arbeitsplatz auf dem Areal der Chureca.

Territorium der Ärmsten

Seit 21 Jahren dasselbe Ritual: täglich um fünf Uhr morgens aufstehen, kurz vor der Ankunft der ersten Müllwagen, die den Abfall der Millionenstadt hierhin karren. «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben», lacht sie. Die verzweifelte Suche nach Arbeit hat sie hierher getrieben. So wie alle anderen, die nicht auf dem Areal aufgewachsen sind. Hier landen die Ärmsten des ganzen Landes – und ehemalige Gangmitglieder, die heute ein ehrliches Leben führen wollen, erzählt González.

Während sie spricht, nähern sich sechs junge Männer, deren Kleider vor Dreck starren. Die Mundpartien mit einem Stück Stoff bedeckt, sehen sie aus wie eben solche Exbanditen. Sie stützen sich auf ihre eisernen Wühlstäbe und verfolgen das Gespräch.

González‘ beide kleinen Kinder gehen morgens zur Schule innerhalb des Areals, die den hoffnungsvollen Namen «La Esperanza» trägt. Ihr ältestes Mädchen, das sie kurz nach der Ankunft in der Chureca mit siebzehn Jahren auf die Welt brachte, ist inzwischen erwachsen. Am Nachmittag helfen die Kleinen beim Eingang der Müllhalde, wo die gesammelten Flaschen für die Käufer bereitgestellt werden. «Ich möchte nicht, dass meine Kinder hier arbeiten müssen, denn das Schlimmste an dieser Arbeit ist dieser Rauch.» Die jungen Männer nicken. Auch ihre zusammengekniffenen Augen schimmern wässrig.

Nirgends in der Chureca kann man dem Rauch entkommen. Besonders wer sich auf den brennenden Berg wagt, dem tränen innerhalb weniger Sekunden die Augen. Der Rauch frisst sich innert Minuten die Lungen hinunter. Hier wird jeder vorstellbare Müll verbrannt: Pneus, verrottetes Gemüse, Spitalabfälle, gebrauchtes Toilettenpapier, Batterien. Täglich sind das 1250 Tonnen Abfall, 83 Prozent des gesamten Mülls, der in und um die Hauptstadt produziert wird. «Saubere Hände, sauberes Managua», wirbt die Stadt auf den modernen Müllwagen in grossen Buchstaben.

Folgen des Erdbebens

Ein Jahr nach dem Erdbeben, das 1972 fast die gesamte Hauptstadt zerstört hatte, wurde dieser Platz am Ufer des Sees von Managua zur Mülldeponie – ohne Planung oder ökologische Überlegungen. Zur gleichen Zeit liess die Regierung das Abwasser der Stadt in den See leiten, erst vor wenigen Jahren nahm dieser Albtraum für das Ökosystem des Sees ein Ende. Jener des Abfalls besteht noch immer.

Auf einer einstündigen Schiffsrundfahrt, die seit kurzem nicaraguanische TagesausflüglerInnen und eine Handvoll EntwicklungshelferInnen auf dem toten See herumfährt – was früher wegen des Fäkaliengestanks unzumutbar gewesen wäre –, sieht man von weitem die rauchende Hügellandschaft am Ufer. Auf dem 40-Hektar-Areal haben sich in bald vier Jahrzehnten acht Millionen Kubikmeter Müll angesammelt.

Über 2000 Männer, Frauen und Kinder suchen hier täglich nach PET-Flaschen, Metallen oder Textilien, um sich dafür Bohnen und Reis für die nächste Mahlzeit kaufen zu können.

Parasiten und Blei im Blut

Die «Churequeros», wie sie sich auch selbst nennen, tragen weder Masken noch Handschuhe. «Weil sie so ungeschützt im Abfall herumwühlen, werden sie krank», sagt Lesly Ruíz, der Arzt des Gesundheitszentrums der NGO Funjofudess. Die nichtstaatliche Organisation sei als einzige permanent hier. Die Leute des Gesundheitsministeriums schauten nur gelegentlich vorbei, beklagt er sich.

Die Praxis von Funjofudess steht etwas zurückversetzt auf dem Areal, wo auch die kleine Schule und die Häuser von rund 220 Familien angesiedelt sind. Der Rauch dringt trotzdem bis hierhin in die Räume. «Die meisten Patienten haben Lungenbeschwerden, Parasiten, Hautkrankheiten und Blei im Blut.» Über die Lebenserwartung dieser BewohnerInnen gibt es ebenso wenig eine Studie wie über den Zustand ihrer Lungen. «Ihr Zustand ist viel schlimmer als der jedes Rauchers», erklärt Ruíz und fügt an, dass viele Churequeros an Krebs sterben.

Alte BewohnerInnen wie die 76-jährige Hilma Silva sind die Ausnahme. Sie wäscht mit ihrer Tochter neben ihrer Hütte Kleider. Die Müllwagen donnern vorbei zum Abfallberg, der nur ein paar Schritte entfernt ist. Ein Maschendrahtzaun grenzt die Hüttensiedlung von der Strasse ab. Darin hängen unzählige farbige Plastiksäcke, die vom Wind hergeweht wurden. Die meisten Behausungen sind notdürftig konstruiert. Schwarze Blachen und ein Wellblechdach. Nicht weit von Señora Silva entfernt krächzen Hähne, die an einem Holzpfahl angebunden sind.

Ein nacktes Teletubby

Seit 35 Jahren lebt sie hier. Die Frau mit den struppigen weissen Haaren ist fast blind. Als sie noch gut sah, arbeitete sie auf dem Berg, um zu überleben. So wie es heute ihre Kinder und Enkelkinder tun. «Das ist ein Opfer, aber es ist mir trotzdem lieber, als dass sie auf der Strasse herumlungern», sagt die Grossmutter.

Aus einer Nachbarshütte nähert sich ein etwa zweijähriges dunkelhäutiges Mädchen. Barfuss überquert es ein Abwasserbächlein. Es trägt eine Plastikpuppe, die fast so gross ist wie es und aussieht wie ein nacktes Teletubby. Auf den Backen des Mädchens haftet eingetrockneter Dreck. Fast ein Drittel der BewohnerInnen ist jünger als dreizehn Jahre. Jede Familie hat durchschnittlich sieben Kinder. In Hilma Silvas Familie teilen sich je drei Leute ein Bett.

Das sind noch luxuriöse Bedingungen. Weiter entfernt, oben auf dem höchsten Punkt des Abfallbergs, mit Aussicht auf den See und das Areal, hausen vereinzelt ein paar Menschen in Hütten, die Ställen gleichen – ein Wellblechdach auf vier Pfählen. «Jeden Tag muss ich den Abfall wegräumen, den es hereinweht», erklärt María Fuentes, die mit ihrem Mann und einer Katze hier lebt. Andere haben gar kein Dach über dem Kopf. Wie Róger Molinas, der neben der Hütte sitzt, während seine roten Augen ununterbrochen tränen. Er zeigt auf eine Stelle, drei Meter entfernt. Da schlafe er auf einem Stück Karton – unter freiem Himmel auf dem Abfallberg: «Es lohnt sich nicht, eine Hütte zu bauen; wenn die Spanier die Halde sanieren, gibt es sowieso bald Häuser» (vgl. Kasten «Ein neues Dorf» am Schluss dieses Textes).

Maria Fuentes schält mit ihren ledernen Händen eine halbseitig verschimmelte Zwiebel. Es ist Mittagszeit. Auf der offenen Feuerstelle vor der Hütte brodelt eine braune Suppe, daneben schmort ein Stück Fleisch.

Die Männer warten auf das Essen, das sie am frühen Morgen ergattert haben. Lastwagen bringen vom Supermarkt altes Gemüse und Poulets, deren Verkaufsdatum abgelaufen ist. Vom Schlachthof werden Fleischreste herbeigekarrt: Köpfe, Augen, Knochen. Erwachsene und Kinder warten mit Messer und Eimer auf die Ankunft. Sie kämpfen gegen Geier und Hunde, um etwas Essbares zu erobern.

«Es ist nicht nötig, zum Markt zu gehen. Alles wird hierher gebracht. Und es ist gut, es kommt ja schliesslich vom Supermarkt», witzelt Fuentes’ Mann, wobei seine angefaulten Zähne sichtbar werden. Dass dieses Essen ein Risiko darstellt, wissen die Bewohner. Vor ein paar Jahren starben drei Kinder. Sie hatten Süssigkeiten vom Müll gegessen, die mit Rattengift verseucht gewesen sein sollen. Daran denkt heute niemand. Bevor sie ihren Hunger stillen, bedanken sie sich für den Besuch.

«Sie denken nicht an die Zukunft»

Vor dem Ausgang der Müllhalde sprechen zwei junge Frauen miteinander. Beide hübsch und sauber gekleidet. Sie kommen von der technischen Ausbildung, welche die Stadt seit Anfang März 2010 Frauen der Chureca bietet, bezahlt von der spanischen Regierung. Die 19-jährige Ana lernt Elektrikerin, die 23-jährige Keyling Maurerin. Beide sind alleinerziehende Mütter. Der Kurs dauert jeden Tag von acht bis vierzehn Uhr, während eineinhalb Jahren. Alle Frauen könnten sich einschreiben. Aber die wenigsten profitieren. «Damit verliert man einen halben Tag Arbeit», erklärt Keyling. «Die Leute wollen täglich etwas verdienen. Hauptsache, sie haben genügend Geld, um etwas zu essen. Sie denken nicht an die Zukunft.»

Viele junge Frauen sitzen schon zu tief im Elend. «Besonders jene, die Leim schnüffeln, prostituieren sich. Sie haben viele Krankheiten», meint Keyling. Aber das Geschäft laufe trotzdem. Für dreissig, fünfzig Pesos (zirka zwei Franken) verkaufen sie ihren Körper, zum Beispiel an Müllwagenfahrer, wissen die beiden jungen Frauen. «Dar una vuelta» (eine Spritztour machen), so heisse das hier. Es gebe auch eine Mutter, die ihr Mädchen zwinge, sich drei Tage in der Woche zu prostituieren.

Doch Keyling und Ana verströmen Zuversicht. «So hoffnungsvoll wie jetzt waren wir noch nie. Diese Hoffnung, etwas zu lernen und so vorwärtszukommen», sagt Ana mit einem Leuchten in den Augen, das für einmal nicht der Rauch verursacht hat. Dann gehen die beiden lachend weiter in Richtung Abfallberg, wo sie die zweite Tageshälfte nutzen, um möglichst viele Plastikflaschen einzusammeln und für einen Sack Bohnen zu verkaufen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch