Nr. 38/2008 vom 18.09.2008

Die Sicherheit im Supermarkt

El Salvador wollte sein Wohnungsproblem nach dem Bürgerkrieg mit sogenannten Streichholzschachtelsiedlungen lösen. Für Baugesellschaften sind solche Quartiere ein garantiertes Geschäft. Für die BewohnerInnen sind sie ein neues Problem.

Von Toni Keppeler und Cecibel Romero, San Salvador

Eigentlich sieht es hier ganz ordentlich aus. Winzige, bunt gestrichene Reihenhäuschen, eines ans andere geklebt, in 200 Meter langen Passagen. Vier Meter breit ist die Front eines Häuschens; alle vier Meter wechselt die Farbe. Das wirkt freundlich. Es scheint so, als seien die Wände aus kleinen, fast putzigen Ziegelsteinen gemauert. Aber es scheint nur so. Sie sind aus Beton, gegossen in eine Form, die Ziegelsteine nur vortäuscht. Jedes Häuschen hat 25 Quadratmeter Wohnfläche, dazu einen winzigen Hinterhof und einen schmalen Fussweg davor. Dann kommt die nächste Reihe. 25 Wohneinheiten passen auf jede Seite einer Passage. 5000 solcher Häuschen stehen in Alta Vista. In jedem wohnen durchschnittlich fünf Menschen. Macht 25 000 EinwohnerInnen auf einem knappen Quadratkilometer.

Alta Vista ist eine sogenannte Streichholzschachtelsiedlung, eine der grössten in El Salvador. Sie liegt am Rand von Ilopango, einem Vorort der Hauptstadt San Salvador. Im Norden donnert der Verkehr auf der panamerikanischen Strasse vorbei. In Richtung Westen, zum Zentrum hin, schliesst sich die zollfreie Wirtschaftszone von San Bartolo an, schnell errichtete Fabrikhallen, in denen meist Firmen aus Fernost Textilien nähen oder einfache Elektroartikel montieren lassen. Nach Osten hin kommt man am Militärflughafen vorbei, danach liegt rechter Hand der Ilopango-See, ein zugelaufener riesiger Krater. Im Jahr 429 war hier ein Vulkan explodiert, der das meiste von dem, was heute El Salvador ist, unter einer Meter dicken Ascheschicht begraben hat. Heute ist der See ein Naherholungsziel der HauptstädterInnen.

Dort, wo Alta Vista liegt, war früher eine Kaffee-Finca. Die Grupo Roble, eine der grössten InvestorInnen in Zentralamerika, hat das Gelände in einer der vielen Kaffeekrisen einem bankrotten Finquero für ein Spottgeld abgekauft und nach dem Bürgerkrieg die erste Etappe von Alta Vista gebaut. Ein einziges Modellhaus, 5000-fach reproduziert. So wollte die Regierung das Wohnungsproblem nach dem Krieg lösen – und hat ein neues geschaffen: Alta Vista ist eine soziale und ökologische Wüste.

Angst bei Nacht

Wer Alta Vista besuchen will, wird vorher gewarnt: Fahr nie nachts hin und parke auch am Tag nur an Orten, die du immer im Blick haben kannst. Vorsicht mit der Kamera. Nimm besser jemand mit, der aus dem Viertel ist ... «Mir ist noch nie etwas passiert», sagt Mayra Martínez. «Aber nachts geht hier niemand aus dem Haus.» Sie wohnt seit acht Jahren in einer der Streichholzschachteln, der ersten in einer langen Passage. Die Fenster ihrer Wohnung sind wie die aller anderen vergittert. Nie wird das Haus allein gelassen. Ihre NachbarInnen schalten nachts das Licht nicht aus. Viele haben einen Hund. Mayra Martínez hat keinen.

Sie wohnt mit ihren vier Kindern auf 25 Quadratmetern: drei Töchter, dreizehn, neun und acht Jahre alt, ein dreijähriger Sohn. Ihr Mann hat sie verlassen. Auf seinen Namen ist das Haus im Grundbuch registriert. Er bezahlt auch die monatliche Rate von fünfzig US-Dollar – inzwischen die Hauptwährung des Landes – für den Kredit. Meistens zumindest. «Gerade ist er zwei Monate im Verzug», sagt Mayra. Es ist Sonntag, und sie wirkt todmüde. Von Montag bis Samstag arbeitet sie in San Bartolo in einer sogenannten Maquila, einer jener Textilfabriken in fernöstlichem Besitz. Dort verdient sie den gesetzlichen Mindestlohn, rund 170 Franken im Monat. «Um 7 Uhr morgens gehen wir rein», sagt sie. «Immer um dieselbe Zeit. Aber wann wir wieder herauskommen, weiss man nie.» Vor 19 Uhr jedenfalls nicht.

Nur Mayras Älteste geht zur Schule. Die Acht- und die Neunjährige bekamen keinen Platz im staatlichen Institut, und für eine Privatschule reicht das Geld nicht. So ist wenigstens immer jemand zu Hause und passt auf den Kleinen auf und auf das Haus. Es gab Monate, da reichte das Geld nicht für den Strom. Eines Tages hat ihn das Elektrizitätswerk dann einfach abgestellt. Jetzt bekommt ihn Mayra illegal von den Nachbarn. «Die wollen neun Dollar im Monat haben. Vorher musste ich fünf bezahlen.» Der Wasseranschluss funktioniert, zumindest theoretisch. Oft genug wird die Leitung nach Alta Vista für drei oder vier Tage einfach gekappt. Der Staat hat jahrzehntelang nicht ins Leitungsnetz investiert. Obwohl es in El Salvador in etwa so viel regnet wie in der Innerschweiz, ist Wasser deshalb trotzdem ein knappes Gut. Mayra hat in ihrem Hinterhof ein grosses Plastikfass und eine Pila – einen betonierten Waschstein mit grossem Becken, wie er in jedem Haus in El Salvador zu finden ist. Damit kommt sie über die trockenen Tage.

Das grosse Geschäft

«Solche Siedlungen wurden ohne jegliche Planung gebaut», sagt Patricia Fuentes, Architekturprofessorin an der Zentralamerikanischen Universität von San Salvador. «So etwas wie Raumordnung gab es bis vor einem Jahr in diesem Land nicht. Auch das Umweltministerium ist nicht viel älter.» Beim Bau von Alta Vista machte sich niemand Gedanken über die Wasserversorgung. Es gab kein Abwasser- und kein Müllkonzept, keine Vorschriften für Parks oder sonstige Infrastruktur. Nur eine einzige Regelung gab es: Zehn Prozent der Fläche müssen grün bleiben. «Dafür reservierte man in aller Regel die Böschungen und Schluchten», weiss Fuentes. Und in die wurde das Abwasser geleitet und der Müll geworfen.

Für die Bauunternehmen waren solche Siedlungen ein Bombengeschäft. Das Modellhaus, das einmal ein Architekt entwarf, findet sich heute zehntausendfach in El Salvador: Der Wohnraum ist längs in zwei Hälften geteilt, je knapp zwei Meter breit und gut sechs Meter lang. Der Schlauch, zu dem die Haustür führt, umfasst Wohnzimmer, Esszimmer und Küche. Auf der anderen Seite zwei Schlafzimmer und eine Nasszelle mit Dusche und Klo, in der sich ein korpulenter Mensch kaum umdrehen kann.

Auf Türen – ausser jener zur Toilette – verzichtet die Grundausstattung ebenso wie auf eine Trennwand zwischen den beiden Schlafzimmern. Alle Häuschen sind eingeschossig. Eine Zwischendecke wäre für die dünnen Wände zu schwer. Das Dach besteht aus Eternitplatten, die auf Eisenträger geschraubt sind. Im Sommer erreichen die Temperaturen in Ilopango an heissen Tagen über 35 Grad Celsius. Unter dem Dach sind es dann noch einmal fünfzehn oder zwanzig Grad mehr.

Zur Not wird besetzt

Mayra hat die Wände ihres Wohnzimmers rosarot gestrichen. Ein durchgesessenes Sofa hat dort Platz, ein kleiner Esstisch und ein Regal für den Fernseher und die Spielsachen der Kinder. Neben dem Ausgang in den Hof steht ein Herd mit zwei Gasflammen. Die Schlafzimmer haben weder Türen noch Trennwand. Der Architekt hatte sich ausgedacht, diesen Teil des Hauses mit einer von beiden Seiten bestückbaren Schrankwand zu trennen. So würde ein Minischlafzimmer für die Eltern und ein ebenso kleines für die Kinder entstehen. Doch Mayra hat dafür kein Geld. Sie schläft mit den Kindern in einem Raum, in zwei an die Wand gestellten Stockbetten aus Metall. Der Kleine kommt zu ihr ins Bett.

Umgerechnet gut 7000 Franken kostet so ein Häuschen in der Grundausstattung. Das Geld stellt der Staat bereit. Wer zwei Mindestlöhne Familieneinkommen nachweisen kann, bekommt vom Fondo Social de Vivienda FSV, dem Sozialen Wohnungsfonds, Kredit. In monatlichen Raten von fünfzig Dollar lässt sich das aufgenommene Geld in dreissig Jahren abstottern. Am Ende haben die Besitzer fast den dreifachen Preis bezahlt. «Für die Baugesellschaften», sagt die Wissenschaftlerin Patricia Fuentes, «ist das ein sicheres Geschäft.» Sie sehen ihr Geld immer. Dafür steht der FSV, also letztlich der Staat, gerade. Vielen KäuferInnen aber geht im Lauf der Jahre das Geld aus. Vierzig Prozent der Bevölkerung El Salvadors sind arbeitslos oder unterbeschäftigt. Für die sind selbst fünfzig Dollar im Monat zu viel.

«In keiner anderen Siedlungsform gibt es so viele Wechsel», sagt Fuentes. Bei denjenigen, die den Kredit nicht mehr bezahlen können, wird nach ein paar Monaten geräumt. Danach stehen die Häuschen meist nicht lange leer. Sie werden von Familien besetzt, die sonst nichts zum Wohnen haben. Ein paar Wochen und manchmal monatelang geht das gut, dann werden auch die BesetzerInnen vertrieben. Doch meist finden sie ein paar Passagen weiter das nächste leer stehende Haus.

Hass auf die NachbarInnen

Wer es sich leisten kann, zieht weg von Alta Vista und vermietet seine Streichholzschachtel. Achtzig Dollar im Monat sind der übliche Preis. So bezahlt sich das Häuschen von alleine und die BesitzerInnen machen sogar noch ein bisschen Gewinn. «Es gibt Leute, die haben drei oder vier Häuser», sagt Mayra. «Sie selbst wohnen schon lange nicht mehr hier.» So etwas wie Nachbarschaft kann bei so vielen Wechseln nicht entstehen.

Eher entsteht Hass auf die NachbarInnen. «Ich habe Glück», sagt Mayra. «Ich wohne am Anfang einer Passage und habe nur einen Nachbarn.» Vom Nebenhaus trennen sie gerade fünf Zentimeter Beton. Ihre Wohnzimmerwand ist die Schlafzimmerwand der Streichholzschachtel nebenan. Wer von beiden Seiten eingeklemmt ist, hört den Mann linker Hand schnarchen und kann rechts das abendliche Fernsehprogramm mitverfolgen. Oder den Familienstreit. «So etwas wie Privatsphäre gibt es hier nicht.» Früher war Mayras Hinterhof mit dem des Nebenhauses verbunden, die Kinder konnten von einem Hof in den anderen springen. «Den Nachbarn hat das nicht gefallen», erzählt die Mutter. «Einmal haben sie die Polizei geholt.» Die drohte damit, die Kinder mitzunehmen, ins Fürsorgeheim. «Sie sagten, ich müsse auf sie aufpassen. Aber wie soll ich das tun? Ich muss doch arbeiten.»

Die Nachbarn haben die beiden Höfe mit Wellblechplatten getrennt. Jetzt ist der Auslauf des Jüngsten gerade noch zweieinhalb mal vier Meter gross. Draussen auf der Strasse spielt niemand. Und Bolzplätze oder gar kleine Parks gibt es nicht. Dafür jede Menge arbeitslose Jugendliche, und die haben das Viertel unter Kontrolle.

Der Kampf der Maras

Im Bürgerkrieg von 1980 bis 1992 waren Zehntausende aus den umkämpften Gebieten im Hinterland geflüchtet und hatten die Lager und Slums um die Hauptstadt gefüllt. Nach dem Krieg zogen die Flüchtlinge in die neu entstehenden Streichholzschachtel-Siedlungen. Kaum eine Familie war vollständig. Die Kinder hatten meist nur ein oder zwei chaotische Schuljahre hinter sich, konnten kaum lesen und schreiben und hatten keine Chance, eine Erwerbsarbeit zu finden. Und in den Siedlungen gab es keinen Raum für eine wie auch immer gestaltete Freizeit. Die Jugendlichen schlossen sich in Banden – sogenannten Maras – zusammen, die ihr Stadtviertel gegen andere Gangs verteidigten und sich mit Diebstählen und Überfällen Taschengeld für Bier oder Crack besorgten.

Die Regierung reagierte erst gar nicht, dann mit blosser Repression – und zwang damit die Maras in den Untergrund und ins organisierte Verbrechen. Heute haben die Banden den Drogenhandel in El Salvador unter Kontrolle. Sie verlangen Wegezoll von PassantInnen, erpressen Schutzgelder von so gut wie jedem Tante-Emma-Laden, jeder Schule, jedem Busunternehmer. Und sie lassen sich als Killer mieten. Allein im Grossraum San Salvador soll es zwischen 20 000 und 30 000 Mara-Mitglieder geben. Ilopango und Umgebung ist eine ihrer Hochburgen. In dem Teil von Alta Vista, in dem Mayra wohnt, haben die Banden mehrere Streichholzschachteln angemietet. Es kommt immer wieder zu Überfällen und Einbrüchen. Aufgeklärt werden sie nie. Keiner sieht etwas oder greift gar ein. Jeder ist froh, dass es nicht ihn getroffen hat.

Kleine Korrekturen

Die BürgermeisterInnen der Satellitenstädte rund um San Salvador sind längst nicht mehr glücklich über die Streichholzschachtelsiedlungen. Was als billige und ordentliche Lösung des Wohnungsproblems nach dem Bürgerkrieg willkommen war, ist ein soziales Problem geworden. In viele dieser Siedlungen traut sich die Polizei nachts nicht oder nur in der Stärke einer Hundertschaft hinein. Manche meidet sie auch am Tag.

Und so verhandelten die BürgermeisterInnen mit den Baugesellschaften und rangen ihnen neue Regeln ab, die seit anderthalb Jahren gelten. Statt zehn Prozent des gesamten Areals müssen heute zehn Prozent des bebaubaren Grunds für Grünflächen reserviert bleiben. Der zweite, höher gelegene Bauabschnitt von Alta Vista ist deshalb ein bisschen luftiger als der erste. Der dritte ganz oben ist der beste. Dort gibt es keine endlos langen Passagen mehr, sondern Blocks von zehn Häuschen, die so etwas wie Nachbarschaft und damit soziale Kontrolle entstehen lassen sollen.

Nach Protesten von BewohnerInnen ist inzwischen auch ein Minimum an Infrastruktur Pflicht: Bushaltestellen, eine Polizeistation, ein Gemeindehaus. In Mejicanos im Norden von San Salvador wird sogar mit gemischten Wohnvierteln experimentiert: In neu entstandenen Quartieren stehen die üblichen winzigen Streichholzschachteln neben zweigeschossigen Reihenhäuschen für die Mittelschicht. Erste Erfahrungen zeigen, dass die soziale Durchmischung die Kriminalitätsquote senkt. Das ist selbst für die Mittelklasse ein Argument, in die direkte Nachbarschaft von Armen zu ziehen.

Zwischen Alta Vista und die panamerikanische Strasse hat die Grupo Roble eine riesige Mall gebaut. Keinen Glitzerpalast für die Reichen, sondern eine, die zugeschnitten ist auf die Bedürfnisse der Nachbarschaft. Das ist kein Entgegenkommen, sondern ein sicheres Geschäft. Irgendwo müssen sich die BewohnerInnen der Siedlung mit Lebenmitteln, billigen Klamotten oder Fast Food versorgen. Mitten in der Mall ist ein Büro der Geldtransferfirma Western Union. Wer Verwandte in den USA hat – und das hat fast jede zweite Familie in El Salvador - kann dort die Überweisungen abholen und das Geld gleich ausgeben. Mayra bekommt kein Geld aus dem Norden. Aber immerhin: Sie kann auf dem Weg von der Maquila nach Hause noch schnell die dringendsten Lebensmittel einkaufen. Meist sind das nur Reis und Bohnen. Der Supermarkt hat bis tief in die Nacht geöffnet. Davor steht ein Wächter mit einer Flinte. Zumindest dort ist Mayra sicher.

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