Nr. 36/2010 vom 09.09.2010

«Man hört sie stöhnen»

Ein neues Buch untersucht, wie Homosexualität während fünfzig Jahren in der Jugendzeitschrift thematisiert wurde.

Von Martin Büsser

Als es noch kein Internet gab, war die «Bravo» für Jugendliche sexuell so ziemlich das Freizügigste, was man sich im deutschsprachigen Raum erträumen konnte. Mit Nacktfotos und der offenen Thematisierung von Onanie und Petting hat die «Bravo» mindestens drei Generationen «aufgeklärt» und damit Aufgaben übernommen, die in Schulen und Elternhäusern lange tabu waren. Doch halfen die BeraterInnen wirklich dabei, an einer unverkrampften Einstellung zur Sexualität zu arbeiten?

Erwin In het Panhuis hat in einer Studie untersucht, wie die «Bravo» mit dem Thema Homosexualität seit der Gründung 1956 umgegangen ist – und kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Die «Bravo» ist nie liberaler als der Rest der Gesellschaft, sondern bestenfalls deren Spiegelbild gewesen.

1963 erschien die erste Aufklärungsreihe unter dem Titel «Knigge für Verliebte». Ein gewisser Dr. Christoph Vollmer beantwortete LeserInnenbriefe und schrieb selbst grössere Reportagen. Hinter dem Pseudonym verbarg sich die Erfolgschriftstellerin Marie Louise Fischer (1922–2005). Ein 16-Jähriger schrieb, dass er den Annäherungsversuchen des Sitznachbars in der Schule ausgesetzt sei. Dr. Vollmer hierzu: «Geh zu Deinem Klassenlehrer und bitte ihn mit Nachdruck, auf einen anderen Platz gesetzt zu werden. Fragt er nach Gründen, dann sagst Du, dass Du darüber nicht sprechen möchtest. Du wirst sehen, dass Dein Lehrer Dich verstehen und Deinen Wunsch erfüllen wird.»

Krank – wenn auch heilbar

Homosexualität galt in der «Bravo» noch bis 1966 als Krankheit, dem Thema Transsexualität wird gar völlig ratlos begegnet. 1966 erklärt der 16-jährige Lutz in einem Leserbrief, dass er oder es sich in allen Punkten für ein Mädchen hält, und fragt: «Könnte es sein, dass ich ein Hermaphrodit bin?» Die Antwort: «Du solltest Dich [...] nicht in die Idee verrennen, ein Mädchen werden zu wollen – viel besser wäre es, Du würdest doch noch ein richtiger Mann.»

Dieses «richtig» ist das Schlüsselwort in der Sexualaufklärung der «Bravo» bis in die späten sechziger Jahre: Es geht darum, heterosexuellen Paaren den Weg zu ihrem (Ehe-)Glück zu ebnen. Alles andere gilt als krank – wenn auch heilbar – oder vorübergehende Phase.

Im Oktober 1969 kommt es schliesslich zu einer Wende. Dr. Martin Goldstein übernimmt unter dem Pseudonym Dr. Sommer die Aufklärungsseiten der «Bravo». Doch weder er noch die LeserInnenschaft waren so weit, homosexuelles Begehren offen zum Ausdruck zu bringen. Viele LeserInnenbriefe zu diesem Thema waren verschlüsselt. So berichtete etwa ein Leser davon, dass sein Vater nach der Trennung von seiner Mutter schwul geworden sei und seitdem einen Mann mit nach Hause bringe: «Man hört sie die ganze Nacht stöhnen.» Dieser Mann habe einen Sohn, im gleichen Alter wie der Leserbriefschreiber. «Mir war es peinlich, ihm nicht.»

Dr. Sommer erklärt, dass man solche Briefe erst «übersetzen» müsse, da das ganze Drumherum nur dazu diene, das eigene Begehren zu kaschieren. Die Antwort der Redaktion liest sich allerdings weniger fantasievoll als der Brief selbst: «Das Einzige, was Dir also fehlt, ist mehr Kontakt mit Gleichaltrigen und auch mit Mädchen.» Denn auch wenn der Umgang mit Homosexualität in der «Bravo» im Laufe der Zeit unverkrampfter wird, bleibt bis in die späten siebziger Jahre hinein ehernes Gesetz: Homosexuelle Handlungen unter Jugendlichen sind meist Ersatzhandlungen, weil das andere Geschlecht nicht zur Hand ist oder man dem anderen Geschlecht gegenüber noch zu schüchtern ist.

Obwohl sich die «Bravo» nicht besonders weit aus dem Fenster lehnte, wurden 1972 zwei Hefte wegen Beiträgen zu gleichgeschlechtlichen Handlungen indiziert. Anstoss erregte laut Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften «die Schilderung der gegenseitigen Onanie [...] Sie hat ausgesprochenen Aufforderungscharakter.» Ein anderer Artikel über gleichgeschlechtliche Sexualität unter Mädchen wurde als «sozial-ethisch begriffsverwirrend» indiziert. Für die Bundesprüfstelle wurden in den Artikeln «lesbische und onanistische Praktiken Minderjähriger [...] in allen Einzelheiten mit Aufforderungs- und Rechtfertigungscharakter» vorgeführt. Im Klartext: Wer das liest, möchte onanieren oder lesbisch werden.

Fatale Doppelmoral

Ab den achtziger Jahren trat eine gewisse Normalität im Umgang mit dem Thema ein. Homosexualität wurde nicht mehr als Lebensphase bezeichnet, sondern als «gefestigte sexuelle Orientierung» anerkannt. Hatte die «Bravo» aus alten Fehlern gelernt? Über schwul-lesbisches Begehren wird in der «Bravo» seit der Zeit, als die Zeitschrift im Zuge des sich ausbreitenden Mainstreams ihre Sprechmacht in Sachen Jugendaufklärung verloren hat, ganz selbstverständlich berichtet.

Zu jener Zeit allerdings, als die Jugendzeitschrift im deutschsprachigen Raum die wichtigste und zum Teil sogar einzige Anlaufstelle für sexuelle Fragen war, versagte die Redaktion auf der ganzen Linie. Bis in die achtziger Jahre hinein wurde zum Thema Homosexualität herumgedruckst und eine fatale Doppelmoral gefahren: Schwule sind zwar nicht krank, sollten aber dennoch einen Arzt oder Familienberater aufsuchen. Oder aber: Schwule sollte man nicht belachen, sondern tolerieren ... wenngleich es sie eigentlich gar nicht gibt, denn gleichgeschlechtliche Zuneigung ist nur eine vorübergehende Phase.

Ähnlich ignorant ging die «Bravo» auch mit Aids um. Statt Schwulen Tipps zur Verhütung zu geben, richtete sich die «Bravo» fast ausschliesslich an ein heterosexuelles Publikum und beschwichtigte: «Junge Leute sind weniger gefährdet und können sich vor Aids schützen, wenn sie einem gesunden Partner treu bleiben.» In einer heterosexuellen Beziehung, versteht sich.

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