Nr. 37/2010 vom 16.09.2010

Wie liberianische Kautschukbäume Europas ­Energiehunger befriedigen

In Liberia fällt ein Unternehmen, das zum Grossteil einer Stiftung mit Sitz in der Schweiz gehört, alte Kautschukbäume und verkauft sie als Biomasse nach Europa. Eine soziale Investition und ein gutes Geschäft für alle, sagt die Firma. Eine Zementierung der Ungleichheit, erklären KritikerInnen.

Von Marc Engelhardt, Buchanan

Eine lässige Handbewegung der Baustellenleiterin Sharon Smallshaw, dann dröhnt der Motor der riesigen Sägemaschine auf den kahlen Hügeln, die sich in Buchanan in den blauen Himmel erheben – eine Fahrstunde von Liberias Hauptstadt Monrovia entfernt. Ein Roboterarm greift sich gleich mehrere Stämme und schiebt sie in den Schacht der Maschine, an deren Ende rotierende Messer das Holz in Stückchen schneiden, so gross wie Streichholzschachteln.

In der Luft hängen Sägemehl, der Gestank von Maschinenöl und ein Geruch, der an jenen von Autoreifen auf heissem Asphalt erinnert. Die Holzchips regnen in die wartenden Lastwagen. «Der schafft einen Baum pro Minute», brüllt Smallshaw, eine bullige Britin. «Zwanzig Minuten, dann ist ein Truck voll.» Im Minutentakt verschwinden so die Bäume, die vor mehr als vierzig Jahren auf der gröss­ten Kautschukplantage der Welt gepflanzt wurden. Aus dem Naturkautschuk macht der Reifenhersteller Firestone seit mehr als achtzig Jahren Reifen. Seit Anfang Januar ziehen Maschinen die alten Kautschukbäume samt Wurzelwerk aus dem Boden – wie faule Zähne.

Ökologisch sinnvoll?

Liam Hickey steht im Schatten der dröhnenden Sägemaschine. Er ist Direktor von Buchanan Renewables, der Firma, die hier fällen und häckseln lässt. Für ihn ist das nicht nur ein Job: «Ich würde das nicht machen, wenn es nicht das Richtige wäre.» Sein blau kariertes Hemd trägt er über der Hose, eine leicht getönte Designerhornbrille unter den rotbraunen Haaren, die in alle Richtungen abstehen. Zu Hickeys Job gehört es auch, zu erklären, warum es ökologisch sinnvoll ist, täglich Tausende von Bäumen zu fällen und sie als Brennstoff für Biomasseanlagen vor allem nach Europa zu exportieren. «Ein Kautschukbaum», setzt Hickey an, «produziert 25, vielleicht 30 Jahre lang Kautschuk, danach ist er ausgelaugt und wirtschaftlich tot.»

An Kautschukbäumen, so viel steht fest, herrscht in Liberia kein Mangel. Bis zum Bürgerkrieg in den neunziger Jahren war Liberia der grösste Naturkautschuk-Exporteur der Welt. Doch dann stürmten die Kindersoldaten des brutalen Kriegsherren Charles Taylor das Land. Sie plünderten und ver­ge­wal­tig­ten. Die Truppen des seit 1980 herrschenden Putschisten Samuel Doe waren nicht weniger gewalttätig gewesen. Überall kämpften RebellInnen. Die Bevölkerung floh in Panik, auch von den Plantagen.

Fast zwei Jahrzehnte lang lagen diese brach. Heute fehlt den zurückgekehrten BäuerInnen oft das Geld für Neuanpflanzungen. «Da kommen wir ins Spiel», sagt Hickey. «Wir holzen die alten Kautschukbäume ab, bezahlen für das Holz und pflanzen ausserdem neue Bäume.» Die alten Bäume wirft der Roboterarm zum Schreddern in den Schacht. Zehntausende Tonnen von Holzchips, die unten herausrieseln, werden als Brennstoff verkauft. Allein die deutsche Tochterfirma des europäischen Energieriesen Vattenfall (vgl. Text «Lieberianisches Holz fürs Image» auf Seite 14) will innerhalb von fünf Jahren eine Million Tonnen abnehmen. Zur Sicherheit hat sich Vattenfall bereits mit zwanzig Prozent bei Buchanan Renewables eingekauft.

Geschenk des Himmels

Biomasse wie Holz ist eine klimafreundliche Alternative zu Kohle und Öl, weil Bäume in ihrer Lebenszeit so viel Kohlendioxid binden, wie sie bei der Verbrennung freisetzen. Anders als durch Kohle wird der Treibhauseffekt durch die Verbrennung von Holz nicht verstärkt – jedenfalls dann nicht, wenn die alten durch neue Bäume ersetzt werden. Genau das garantiert Hickey, schon aus Eigennutz: «Wir wollen in dreissig Jahren ja neues Holz haben, das wir häckseln können.» Selbst der Transport von Kontinent zu Kontinent verschlechtere die Umweltbilanz vermutlich nicht zu sehr, heisst es beim Deutschen Biomasseforschungszentrum.

Es sieht nach einer idealen Lösung aus, nicht zuletzt für die Energieversorger, die händeringend nach Alternativen vor allem zu Kohlekraftwerken suchen, um ihre CO2-Emissionen zu senken. Biomassekraftwerke boomen, in Europa wird bereits der Brennstoff knapp. Deshalb sind die liberianischen Kautschukbäume für die UnternehmerInnen ein Geschenk des Himmels.

Liam Hickey sieht sich entsprechend nicht als Holzhändler, sondern eher als Entwicklungshelfer. «Wir wollen Holz vor allem von Kleinbauern kaufen und sie dabei unterstützen, wieder eine Existenz aufzubauen.» Die neu gepflanzten Kautschukbäume müssen sieben Jahre wachsen, bevor Kautschuk abgezapft werden kann. «Die Bäume und das Land bleiben im Besitz der Bauern, aber wir kümmern uns diese ersten sieben Jahre darum, dass die Bäume richtig gepflegt werden», verspricht er. Zwischen den Bäumen will Buchanan Renewables den BäuerInnen Nutzpflanzen anbauen, damit sie ein Einkommen für die kautschuklose Zeit haben, verspricht Hickey. «Wir empfehlen den Farmern Pfeffer, grüne Bohnen oder Erdnüsse.» Ab dem siebten Jahr, wenn der Kautschuk fliesst, sollen die BäuerInnen damit eine sichere Einkommensquelle haben, bis Buchanan Renewables zurückkehrt, die Bäume erneut fällt und der Kreislauf von vorne beginnt.

Geklaute Bohnensaat

Hill Vivion ist einer der ersten Bauern, mit denen Buchanan Renewables einen Vertrag abgeschlossen hat. Der ausgezehrt wirkende 67-Jährige lebt in einer kleinen Hütte nicht weit vom Stammsitz der Firma entfernt. Seine Augen sind vom Rauch des Feuers in seiner Hütte gerötet und vielleicht auch von all dem, was sie im Bürgerkrieg sehen mussten. «Als die Rebellen kamen, bin ich geflohen», sagt er. Vier seiner zwölf Kinder sind bei den Kämpfen um Buchanan herum gestorben. Vivion hatte sich versteckt und überlebte. Als der Krieg vorbei und Charles Taylor geflohen war, kehrte Vivion zurück auf die Kautschukbaumplantage, die seine Grosseltern angelegt hatten. Als er versuchte, Kautschuk vom Stamm abzuzapfen, kam nichts mehr. Die Bäume waren tot. Auf Buchanan Renewables Angebot ging er sofort ein.

2460 Bäume hat Hickey vor zwei Jahren auf Vivions zehn Hektaren grosser Farm schlagen lassen, 5000 neue Bäume wurden gepflanzt, in einem exak­ten Raster. 1225 Tonnen Holzchips hat der Schredder aus Vivions Bäumen gemacht, die Tonne zu 1 Franken 50. «Das Geld ist längst weg», sagt der alte Mann. «Ich habe eine grosse Familie, jeder wollte etwas haben.» Seine Setzlinge sind zu dünnen Bäumchen herangewachsen, die im Wind hin und her schaukeln. An eine Ernte ist noch lange nicht zu denken. Wenn man ihn fragt, wie viel Geld er mit den Bohnen und Erdnüssen verdient, von denen Manager Hickey erzählt hat, schaut Vivion erstaunt. «Welche Bohnen? Hier wächst nichts; das Einzige, was zwischen den Bäumen steht, ist dieses Gras.» Deckgras, das aus Malaysia importiert wurde. Es soll Schädlinge abhalten, einen anderen Nutzen hat es nicht. Offenbar hält Hickey nicht alle seine Versprechen.

Nelson Hill nickt. Der junge Liberianer ist zuständig für den Kontakt zu den Bäuer­Innen. Er setzt um, was Liam Hickey plant   so gut, wie es in der Realität machbar ist. «Wir haben zunächst versucht, zwischen den Setzlingen Bohnen zu pflanzen», verteidigt er sich. Aber es habe nicht funktioniert. «Die Bohnen wurden gestohlen. Deshalb probieren wir das inzwischen nirgends mehr.» Die Mehrheit der LiberianerInnen hat keinen Job. Bohnensaat bringt Geld. Ohne Übergangsfrucht, die er verkaufen kann, ist Vivion auf die Erträge eines kleinen Feldes angewiesen, auf dem er Trockenreis anbaut: «Wir haben sonst nichts zum Überleben. Auch meine Söhne sind arbeitslos.»

Wenn es Nacht wird, legt sich die Dunkelheit wie ein undurchdringlicher Schleier über Liberias zweitgrösste Stadt Buchanan. Strom gibt es nur da, wo Geschäftsleute am Abend einen ratternden Dieselgenerator anwerfen. Der einzige andere Brennstoff ist Holzkohle. Sieben Jahre nach Ende des Bürgerkriegs haben nur Teile der Millionenstadt Monrovia Strom. Der Generator des staatlichen Ener­gie­ver­sor­gers erzeugt nur vier Megawatt und fällt oft aus. Buchanan Renewables plant nun ein Biomassekraftwerk, das 36 Megawatt erzeugen und so Liberia eine verlässliche Stromversorgung garantieren soll. Bislang haben sich keine InvestorInnen getraut, eine ähnliche Unternehmung zu finanzieren.

Buchanan Renewables kann sich das Risiko nicht zuletzt deshalb leisten, weil das Unternehmen hauptsächlich dem kanadischen Millionärspaar John und Marcy McCall MacBain gehört. Ihre Stiftung Pamoja Capital (Pamoja heisst «Zusammenhalt» auf Swahili) mit Sitz in Genf hält siebzig Prozent von Buchanan Renewables und stellt vor allem Kapital für soziale und nachhaltige Projekte zur Verfügung. «Das liberianische Kraftwerk verstehen wir als soziale Investition», sagt Hickey. «Ein Teil der Profite fliesst zurück in ein Gesundheitsprogramm und den Aufbau von Berufsschulen.» Rechnen müssten sich die Investitionen natürlich trotzdem, setzt Hickey nach. Damit das Unternehmen Profit macht, muss möglichst viel Holz gefällt werden. «Wir haben hohe Fixkosten. Gewinne machen wir nur durch die Menge», sagt Hickey. Vattenfall etwa zahlt nach Hickeys Angaben pro Tonne umgerechnet 55 Franken. Das ist 36 Mal mehr, als Hill Vivion für seine Bäume bekommt. Buchanan Renewables hat hochgerechnet, dass es in Liberia rund 250 000 Hektaren Kautschukplantagen gibt – ein Sechzehntel der Fläche der Schweiz. Das wären mehr als sechzig Millionen Tonnen Holz.

Altes Unrecht zementiert

Wie sozial die Investitionen in Liberia wirklich sind, darüber sind sich längst nicht alle einig. Thomas Nah etwa warnt, dass nur die herrschende Elite von der Aufforstung der Kautschukplantagen profitiert. «Fast alles Land ist im Besitz einiger weniger einflussreicher Familien aus der politischen Klasse», sagt der Direktor der liberianischen Sektion von Transparency International, einer nichtstaatlichen Organisation, die sich in der Korruptionsbekämpfung engagiert. Durch das einzige Fenster in seinem Büro in Monrovia dringt das Rumpeln der Lastwagen von der nahen Ausfallstrasse. Es ist heiss und stickig, Nah hat keinen Strom für eine Klimaanlage.

Dass das Land nur wenigen gehört, hat his­torische Gründe. Bis zum Putsch vor dreissig Jahren herrschte in der Republik, die befreite US-amerikanische SklavInnen 1847 gründeten, nur die kleine Clique der Ameriko-LiberianerInnen. UreinwohnerInnen, die 95 Prozent der Bevölkerung stellen, wurden von den ExsklavInnen und ihren Nachkommen kaum anders als SklavInnen behandelt. Landeigentum konnten die Einheimischen praktisch nicht erwerben, während die ZuwanderInnen aus den USA gesetzlichen Anspruch auf Land hatten. Reiche BeamtInnen und Kaufleute aus Monrovia kauften Kautschukplantagen als Wertanlage und überliessen es den Einheimischen, sie zu bestellen. «Es war ein Apartheidsystem», sagt Nah. «Und die gleiche Klasse, die es damals unterstützt hat, profitiert auch jetzt wieder von Buchanan Renewables.» Mit dem Wiederaufbau der alten Plantagen, warnt er, werde das alte Unrecht neu zementiert.

Andere befürchten gar, dass mit den Plantagen auch die Sklaverei zurückkehrt. «Auf den Firestone-Plantagen herrschen bis heute unzumutbare Arbeitszustände», sagt Yurfee Shaikalee, ein liberianischer Umweltschützer. «Zapfer müssen an einem einzigen Tag 550 Bäume abarbeiten. Das schaffen sie aber nur mit Hilfe ihrer Kinder.» Für etwa vier Franken am Tag müsse die ganze Familie arbeiten. Das alles ohne Schutzkleidung. Gifte aus der Kautschukbehandlung würden ungeklärt in Bäche geleitet, die den Dörfern als einzige Trinkwasserquelle dienten.

Auch Buchanan Renewables sei mitschuldig an diesen Zuständen, sagt Shaikalee. Derzeit bezieht die Firma noch zwei Drittel ihrer Holzchips von Firestone und nicht von KleinbäuerInnen. Und die von Buchanan Renewables neu gepflanzten Plantagen schaffen neue Arbeitsplätze für ZapferInnen. Ob dort die Arbeitsbedingungen dann besser sind, bleibt fraglich.

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