Nr. 39/2010 vom 30.09.2010

Heikle Themen

Von Wolf Kantelhardt

Wir rasen über die neue Provinzautobahn von Guizhou im ebenfalls neuen Dienstwagen der Marke «Grosse Mauer». Wang Haoming, der Vizevorsitzende des Kreises Liangshan, sitzt neben mir und erzählt, dass er von seiner Ausbildung her Lehrer ist: «Oh. Für welches Fach denn?» «Politische Geschichte.»

Wir kommen also auf politische Geschichte zu sprechen. Als ich das Wort «Kolonie» gebrauche, zuckt Wang zusammen und will wissen, was ich damit meine. Ach du Schreck! Habe ich das falsche Wort benutzt? Eines, das in China einen den Kolonialismus rechtfertigenden Beigeschmack hat? Ich sage, dass ich leider keine andere Bezeichnung dafür kennen würde.

Wang lacht gequält. Als Chinese fühle er sich unwohl, wenn einer aus dem Westen ihm gegenüber von Kolonien spreche. Hongkong! Und dann beginnt Wang, sich über erlittenes Unrecht zu beschweren: Japan habe sich nach dem Zweiten Weltkrieg gegenüber China nicht entschuldigt wie Deutschland gegenüber Polen.

Da ich als westlicher Ausländer schon beim Thema Kolonie alle Bezüge zu Tibet und dem uigurischen autonomen Gebiet Xinjiang vermeiden muss, gehe ich beim Thema «offizielle Entschuldigung» auch nicht auf die Kulturrevolution oder den Angriff der Volksbefreiungsarmee auf Vietnam von 1979 ein. Am besten gar nicht über China sprechen:

«In der Mongolei wird Dschingis Khan bis heute verehrt, obwohl er in Zentralasien ganze Völker ausgerottet hat», sage ich.

Wang wiegt den Kopf. «Viel wichtiger ist doch, dass Dschingis Khans Enkel [Ende des 13. Jahrhunderts] China wiedervereinigt hat. Denn die Mongolei gehört auch zu China.»

«Das ist schwer zu sagen: Welches Volk gehört zu wem?» «Doch», sagt Wang mit Nachdruck, «bei der Mongolei ist das so. Die hat schon immer zu China gehört.» «Nein», erwidere ich, «nur in der Qing-Dynastie», die von 1644 bis 1911 dauerte. «Nein, auch in der Ming-Dynastie», hält Wang dagegen, also von 1368 bis 1644. «So? Und warum haben die Chinesen dann die Grosse Mauer gebaut?» Der Wall war Ende des 14. Jahrhunderts als Schutz vor den zuvor vertriebenen MongolInnen gebaut worden. Wang wechselt das Thema und sagt, er sei ein Bewunderer von Long-Mei-Er. «Nie gehört. Wer ist denn das?» «Long-Mei-Er. Ein deutscher General. Auch Wüstenfuchs genannt.»

«Ach, Rommel.» Aber über die Heldentaten deutscher Generäle will ich nicht sprechen.

Dann herrscht Schweigen im Dienstwagen. Nur noch das Geräusch von neuen Reifen auf Asphalt ist zu hören.

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