Nr. 40/2010 vom 07.10.2010

Die Revolution aus dem Schiefer

Vor ein paar Jahren noch war die Rede von einer Knappheit und von steigenden Preisen für Erdgas. Jetzt heisst es plötzlich, einer der weltweit wichtigsten Energieträger sei in Hülle und Fülle vorhanden und er sei erst noch sauberer als Erdöl. Trotzdem gibt es keinen Grund zum Jubeln.

Von Daniel Stern

Immer öfter ist von «Revolution» die Rede, wenn Wirtschaftszeitungen über die Förderung von Erdgas berichten. Euphorisch schreibt etwa das «Wall Street Journal» von der «grössten Energieinnovation dieses Jahrzehnts». Die USA machen es vor: Erdgas kann nicht nur im grossen Stil von den klassischen Erdgasfeldern unter dem Boden an die Oberfläche geholt werden, sondern auch aus Schiefergestein, Kohleflözen und dichten Gesteinsformationen gewonnen werden. Dieses sogenannte unkonventionelle Gas macht bereits gegen die Hälfte der gesamten Gasfördermenge der USA aus und verschafft dem Land grössere Unabhängigkeit von Importen. Und laufend werden neue Vorkommen entdeckt. Das hat Auswirkungen auf den globalen Markt: In einer Einschätzung der Deutschen Bank ist von «Gasschwemme» die Rede. Ein Überangebot an Erdgas könnte auch politische Auswirkungen haben, indem es etwa die Macht des grossen Gasexporteurs Russland schwächt.

Besonders vielversprechend sollen die Gasvorkommen in den Schiefergesteinen sein. An das sogenannte Shale-Gas (Schiefergas) gelangt man durch zahlreiche Bohrlöcher. Das bedeutet allerdings, dass auch Zufahrtsstrassen gebaut und sehr viele Pumpstationen errichtet werden müssen.

Weltweites Interesse

Dieses in den USA entwickelte Fördermodell soll weltweit Anwendung finden: In der EU etwa stehen Probeanlagen in Deutschland, Ungarn, Rumänien, Polen, Britannien, Frankreich, Österreich und Schweden. Im grossen Stil wollen auch China und Indien einsteigen. Bei der Förderung werden die beiden Länder von den USA technologisch unterstützt. Vor kurzem hat der staatliche indische Öl- und Gaskonzern ONGC erste Bohrungen zur Gewinnung von Shale-Gas im Bundesstaat Westbengalen gestartet. Erdgas macht laut der Internationalen Energieagentur derzeit rund 22 Prozent des weltweiten Energiemix aus und steht damit an dritter Stelle hinter Erdöl und Kohle.

Allerdings gibt es zu diesem Boom verschiedene Fragezeichen: Der Grund, weshalb die USA in Sachen unkonventionelles Gas so weit vorne liegen, ist laut einer kürzlich veröffentlichten Studie des britischen Thinktanks Chatham House nicht nur auf neue Fördermethoden zurückzuführen, sondern auch auf Steuererleichterung durch den Staat sowie eine lasche Umweltgesetzgebung. Im Juli 2005 wurde in den USA ein Energiegesetz, der Clean Energy Act, verabschiedet, das sich stark an den Interessen der Öl- und Gasindustrie orientiert. Darin ist unter anderem festgehalten, dass Öl- und Gasförderaktivitäten nicht dem Gewässerschutzgesetz der USA unterstehen. Der Clean Energy Act hat dazu beigetragen, dass die Shale-Gas-Förderung ausgeweitet wurde.

Opposition wächst

Die Marcellus-Formation gilt als grösstes Reservoir für Shale-Gas in den USA. Die Gesteinsschicht erstreckt sich über eine Fläche von rund 240 000 Quadratkilometern vom Bundesstaat New York bis in den südlichen Teil Virginias. Im Bundesstaat Pennsylvania ist der Abbau von Shale-Gas bereits in vollem Gange. Inzwischen mehren sich allerdings die Anzeichen dafür, dass es schon bald mit dem sorglosen Gasabbau vorbei sein könnte. Immer mehr Initiativen von BürgerInnen entstehen, die sich gegen die Förderung von unkonventionellem Gas in ihrer Gegend wehren. Dabei geht es nicht primär darum zu verhindern, dass die eigene Umgebung wegen der vielen Bohrlöcher in einen Emmentaler Käse verwandelt wird. Vielmehr befürchten AnwohnerInnen, dass das Grundwasser durch die Gasförderung vergiftet wird. Nach Einschätzung der wissenschaftlichen Informationsstelle Energy Watch Group werden sich solche Proteste noch häufen, sobald die Förderfirmen in dichter besiedelte Gebiete vordringen.

Die US-Behörden haben inzwischen reagiert. So hat die Umweltbehörde EPA im März mit einer Studie begonnen, die die Auswirkungen der neuen Fördermethoden auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt untersuchen soll. Eine eigene Untersuchung hat zudem die Energie- und Handelskommission des US-Repräsentantenhauses angekündigt.

Auch die Steuererleichtung für die Gasförderfirmen – dazu zählen inzwischen ganz grosse wie Exxon Mobile – werden infrage gestellt. Bei den Gouverneurswahlen in Pennsylvania vom kommenden 2. November ist genau dies ein zentraler Punkt: So will der demokratische Kandidat Dan Onorato die Gasfirmen stärker zur Kasse bitten, während sein republikanischer Widersacher Tom Corbett eine solche Steuer bekämpft. Corbett hat für seinen Wahlkampf bisher 284 000 US-Dollar von der Gasindustrie erhalten.

Die Art und Weise, wie in den USA Shale-Gas gefördert wird, lässt daran zweifeln, dass Shale-Gas in Europa mit seinen weitaus strengeren Umweltgesetzen jemals eine ernst zu nehmende Energiequelle wird. Da die Vorräte an konventionellem europäischem Gas stark schwinden, rechnen ExpertInnen auch bei einer stärkeren Förderung von unkonventionellem Gas mit einer zunehmenden Abhängigkeit Europas von Gasimporten. Sollte zudem in den USA die Gasrevolution scheitern – also die Umweltauflagen zunehmen –, so ist schon bald wieder mit einem Anstieg der Gaspreise und einem Ende der Gasschwemme zu rechnen.

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