Nr. 43/2010 vom 28.10.2010

Einiges läuft schief in den Schluchten des Colorado River

Edward Abbeys Kultklassiker «Die Monkey Wrench Gang» erscheint Jahrzehnte nach seiner Erstveröffentlichung wieder auf Deutsch und ist noch immer äusserst unterhaltsam und brandaktuell: eine Anleitung zum zivilen Ungehorsam.

Von Stephan Pörtner

«Dieses Buch, obwohl seiner Form nach Fiktion, beruht strikt auf historischen Fakten. Alles in diesem Buch ist real oder ist tatsächlich geschehen. Und es begann alles nur ein Jahr nach heute.»

So lautete das kryptische Vorwort der Originalausgabe von «The Monkey Wrench Gang», die 1975 erschien. Der Autor, Edward Abbey, täuschte sich. Drei Jahre vergingen, erst dann formierte sich die Gruppe Earth First! Militante UmweltschützerInnen, die «nicht viel vom Rechtsweg und viel von direkten Aktionen» hielten, oder wie der Londoner «Guardian» schrieb: «Sie hatten ihren Abbey studiert.»

Die vier ProtagonistInnen der Monkey Wrench Gang (wörtlich: Die Schraubenschlüsselbande; «to throw a monkey wrench in the works» heisst so viel wie «Sand ins Getriebe streuen») und ihre NachahmerInnen nahmen den Umweltschutz in die eigene Hand: «In den Reportagen tauchte die Formulierung ‹organisierte Banden von Umweltaktivisten› auf, eine sprachliche Wendung, die bald zu dem viel griffigeren und dramatischeren Schlagwort ‹Öko-Terroristen› verkürzt wurde», heisst es im Roman.

Inspirationen für Stuttgart

Das klingt doch sehr aktuell. Nachdem es um die militante Ökobewegung nach ihrer grossen Zeit in den siebziger und achtziger Jahren (Brokdorf, Startbahn West et cetera) eher ruhig geworden war, taucht sie in der letzten Zeit plötzlich wieder in den Schlagzeilen auf.

Stuttgart 21 und die wiedererstarkte Anti-AKW-Bewegung zeugen von einem Unbehagen gegenüber Grossprojekten, die die Umwelt auf Generationen hinaus verändern. Ein Unbehagen, das den Einzelnen zum Handeln treibt, ohne die Zustimmung der Mehrheit abzuwarten. Seit den nach Ned Ludd benannten Ludditen, die im Roman auch erwähnt werden, hängt den MaschinenstürmerInnen aber stets der Ruch an, gegen Windmühlen zu kämpfen.

Niemand kann den Fortschritt aufhalten. Als zivilisierter Mensch gegen die menschliche Zivilisation zu sein, ist paradox. Wie kann man, so fragen die BefürworterInnen von Stuttgart 21, gegen schnellere Eisenbahnverbindungen in Europa sein? Mit diesem Zwiespalt müssen UmweltaktivistInnen leben, auch damit, selbst Teil des Problems zu sein.

Die Monkey Wrench Gang ist sich dieses Widerspruchs und des donquichottischen Charakters ihres Unterfangens auch voll bewusst.

Und so steht das bei Abbey geschrieben: «‹Sieh sie dir nur an, wie sie auf ihren Gummirädern in ihren zwei Tonnen schweren windkanal-gestylten Autos dahinrollen, die Luft verpesten, die wir atmen, die Erde vergewaltigen, um für ihre fetten, trägen, gut gepolsterten amerikanischen Ärsche freie Fahrt zu haben. Sechs Prozent der Weltbevölkerung schlucken vierzig Prozent der weltweiten Ölproduktion. Schweine!›, brüllte er und schüttelte seine riesige Faust den vorbeifahrenden Autos entgegen. ‹Und was ist mit uns?›, sagte sie. ‹Davon rede ich doch gerade.›»

Woher kommt es also, dass diese Bewegungen immer wieder aufflackern? Warum schafft es der Fortschritt nicht, sie ganz zum Schweigen zu bringen? Gerade die (scheinbare) Machtlosigkeit des Einzelnen angesichts der riesigen Maschinerie mag es sein, die als Antrieb dient, sich als Sandkorn in der Maschine zu versuchen. Wer weiss denn, wie viele das gleiche Unbehagen teilen, wenn sich niemand traut, es zu äussern?

«Der FEIND sonnte sich tatsächlich noch immer voller Stolz in der Annahme, die Gunst der Öffentlichkeit zu geniessen und zwar der gesamten Öffentlichkeit, ohne jede Ausnahme», schreibt Abbey.

Daran kann der Einzelne sehr wohl etwas ändern. Oft sind es ein paar wenige, als SpinnerInnen angesehene Individuen, die den Protest entfachen. Doch auf einmal sind die Ewiggestrigen die Avantgarde. Genau wie die Monkey Wrench Gang, die sogar den Sprung von der Fiktion in die Realität geschafft hat.

Was auch daran liegt, dass die Lektüre des Buches noch immer viel Spass macht. Schwer, dem Charme der Monkey Wrench Gang nicht zu erliegen: Dem Vietnamveteranen und Bierbüchsen vernichtenden Haudegen George W. Hayduke, dem polygamen Mormonen Seldom Seen Smith, der radikalen Feministin Bonnie Abbzug und dem Chirurgen Dr. Sarvis, der in seiner Freizeit Reklametafeln abfackelt.

Mit Sirup, Sand und Sprengstoff

Das ungleiche Quartett, das davon träumt, den Glen-Canyon-Damm zu sprengen (er steht noch), beginnt mit kleinen Sabotageaktionen im Südwesten der USA, im Gebiet von Utah, Arizona und Colorado. Die Gang zerstört Bulldozer, Hochspannungsleitungen, Eisenbahnbrücken. Anfangs mit Sand und Sirup, später mit Sprengstoff. Menschen kommen keine zu Schaden.

Die Geschichte liest sich als Mischung zwischen modernem Western, Actionkomödie und ökologischem Roadtrip. Vor allem ist es aber ein Aufruf und eine Anleitung zum zivilen Ungehorsam.

Der 1989 verstorbene Autor Edward Abbey kannte die Gegend, in der der Roman spielt. Er arbeitete jahrelang als Ranger und Feuerwächter in Nationalparks. Auch das Thema hat er studiert. Seine Abschlussarbeit an der Uni trug den Titel «Anarchismus und die Moralität der Gewalt».

Wie aktuell der Roman immer noch ist, zeigt unter anderem die Tatsache, dass das Maskottchen der heute aktiven, militanten Earth Liberation Front einen Schraubenschlüssel über der Schulter trägt und die Gruppe Abbey auf ihrer Myspace-Seite als Inspiration erwähnt.

Zurzeit wird The Monkey Wrench Gang sogar verfilmt. Wobei das nicht unbedingt Gutes verheisst. Denn dafür, dass man sich die RomanheldInnen vorstellen kann, sorgen ja bereits die prächtigen Illustrationen des grossen Robert Crumb, die das Buch abrunden.

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