Nr. 40/2014 vom 02.10.2014

Der ewige Wettlauf mit der Maschine

Die NeoludditInnen stürmen nicht mehr gegen Strick- und Dreschmaschinen, sondern gegen Computer. Übernimmt die Automation nach der Handarbeit bald auch die Kopfarbeit?

Von Eduard Kaeser

In einer Kolumne der «New York Times» bekundete der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman unlängst «Sympathien für die Ludditen». Das ist insofern ungewöhnlich, als man heutzutage unter einem Ludditen einen eher dümmlichen, rückwärtsgewandten Technophoben versteht, wenn nicht gar einen durchgedrehten Zivilisationshasser wie den Unabomber Ted Kaczynski.

Zur Zeit der ersten Industrialisierung, im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert, setzten sich englische Textil- und Landarbeiter gegen die Einführung von Strick- und Dreschmaschinen zur Wehr, indem sie versuchten, die industriellen Geräte und Anlagen kurz und klein zu schlagen. Sie nannten sich «Ludditen», nach dem Weber Ned Ludd, der 1779 zwei Strickmaschinen zerstört haben soll. Ihr sabotierendes Bemühen, das Rad der industriellen Revolution zurückzudrehen, war ein Kampf auf verlorenem Posten.

Ade, Kopfarbeit

Seitdem sind Technisierung und Automatisierung unaufhaltsam vorangeschritten – und Dissidenz meldet sich heute aus dem Kreis der ExpertInnen, mitten aus dem Silicon Valley. Gleich zu Beginn des neuen Jahrtausends publizierte Bill Joy, Mitbegründer von Sun Microsystems, im amerikanischen Technikmagazin «Wired» einen Artikel mit dem Titel «Why the Future Doesn’t Need Us». «Die Pandorabüchsen von Genetik, Nanotechnologie und Robotik sind geöffnet, aber wir scheinen es kaum bemerkt zu haben», schreibt Joy. Und weiter: «Nicht mehr in den Kernenergien der Materie lauert die Gefahr. Was – ausgerechnet im ‹Zeitalter des Wissens› – zum schlimmsten Feind zu werden droht, ist das Wissen selbst.»

Das trifft ins Mark. Die Parade neuer Technologien bricht nicht ab. Fast jeder Schritt wird uns heute als Durchbruch angedreht, und die Liste der «next big things» wächst, nicht zuletzt, um potenziellen InvestorInnen den Mund wässrig zu machen. Diese sehen am liebsten Ideen, die alles Dagewesene auf den Kopf zu stellen versprechen. Das McKinsey Global Institute führte 2013 ein Dutzend sogenannt disruptive Technologien auf, die existierende Märkte und soziale Ordnungen von Grund auf verändern können. An zweiter Stelle – gleich nach dem mobilen Internet – figuriert die Automation der Wissensarbeit. Das bedeutet, dass sich unter den Opfern der «Disruption» zunehmend Werktätige befinden, deren Arbeit man bisher als höher qualifiziert einstufte. So wie die neuen Maschinen den Weberinnen und Webern die Arbeit aus den Händen nahmen, nehmen heute Wissensroboter den WissensarbeiterInnen Tätigkeiten aus dem Kopf. In Leeds fragten TextilarbeiterInnen 1786 in einer Petition: «Wie sollen jene, die ihre Arbeit verloren haben, nun für ihre Familien sorgen? Und wo sollen sie ihre Kinder in die Lehre schicken? Wer wird unsere Familien unterhalten, während wir uns der beschwerlichen Aufgabe stellen, ein neues Handwerk zu lernen?» Müssen sich bald viele AkademikerInnen dasselbe fragen, nur dass sie jetzt «Handwerk» durch «Kopfwerk» ersetzen?

Dabei wird die Arbeit immer mehr zu einem Kernbegriff unserer Gesellschaft. «Die Arbeit wird immer weniger – einerseits. Andererseits wächst das Volumen der Arbeit unaufhaltsam. Wie ist das zu vereinbaren, zu erklären?», fragte der Soziologe Ulrich Beck. Seine Antwort: «Ganz einfach: Alles, was wir tun, drängt ins allein selig machende, Anerkennung spendende Wertzentrum der bezahlten Arbeit – oder gilt als Nichts. Wer für seine Tätigkeit Geld erhält, auch wenn das, was er tut, höchst zweifelhaft ist, ‹arbeitet› selbstverständlich.»

Der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann hat einen schlagenden Begriff dafür geprägt: «Laborisierung». Eine Aktivität, die etwas gelten will, muss den Index der Arbeit tragen, sie muss verarbeitlicht, laborisiert werden. Nichts ist gegen dieses Prinzip gefeit. Es wird auf Körper, Intellekt, Kommunikation, Emotion angewendet. «Wer zu Hause kocht und putzt, leistet selbstverständlich Hausarbeit; wer mit seinem Partner die Frage erörtert, ob als sexuelles Stimulans die erotische Literatur der Jahrhundertwende oder ein Video vorzuziehen sei, leistet Beziehungsarbeit; wer seine Grossmutter, anstatt sie ins Altersheim abzuschieben, bei sich behält, leistet Betreuungsarbeit; wer, wie zahllose Manager, vom Stress der Tätigkeit in alpine Regionen flüchtet, um sich dort für den nächsten Stress fit zu machen, leistet für das Unternehmen natürlich wertvolle Regenerationsarbeit.»

Evangelium der Automatisierung

Eben gegen diese Laborisierung wendet sich der Neoluddismus, weil sie leicht mit einer Entwertung menschlicher Arbeit einhergeht. Hat man nämlich eine Tätigkeit erst einmal «im Prinzip» laborisiert, folgt darauf oft der nächste Schritt: diese Tätigkeit in möglichst kleine Teilvorgänge zu zerlegen. Arbeit verwandelt sich in einen Prozess, der vom Management geplant und im besten Fall auch von einer Maschine erledigt werden kann. Auf jeden Fall wächst so der Anreiz, eine entsprechende Maschine zu entwickeln. Als Antwort bleibt dem Arbeiter und der Arbeiterin nichts anderes übrig, als selber maschinenhaft zu werden. Und damit austauschbar. Das ist die Logik des Fliessbands oder, moderner: das Evangelium der Automatisierung. Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson, zwei Ökonomen am Massachusetts Institute of Technology (MIT), schrieben 2011 ein Buch, das schon im Titel vom Wettlauf mit der Maschine sprach, und entfachten damit erneut die Debatte um Robotik und Arbeitswachstum. Heftig diskutiert werden derzeit die ersten Versuche von Roboterjournalismus – Sport- und Wirtschaftsmeldungen gelingen den Maschinen schon ganz gut. Auch Empfehlsysteme werden immer schlauer, das könnten die Buchhändlerinnen ebenso zu spüren bekommen wie die Mediziner beim Diagnostizieren.

Der «virtuose Zirkel»

Das Delegieren sowohl manueller wie intellektueller Tätigkeiten an Automaten erweist sich als der zentrale Motor heutiger technischer Innovationen. Das Zahlenverhältnis von Mensch und Maschine in der Arbeit ist ein wichtiger kompetitiver Weltmarktfaktor. Die Wirtschaftsjournalistin Annie Lowrey verstieg sich vor kurzem in der «New York Times» gar zur Vision eines «virtuosen Zirkels» (als Gegenstück des «vicious circle», des Teufelskreises): Automatisierung schraube uns unaufhaltsam auf Ebenen hinauf, wo wir, von Routinearbeit befreit, nur noch höherwertige Aufgaben zu erledigen hätten.

Das ist ein halbgares Argument. Denn es ist immer mehr abzusehen, dass auch sogenannt höherwertige Tätigkeiten nicht von der Automatisierung verschont bleiben. Der Facebook-Aufsichtsrat und Netscape-Mitbegründer Marc Andreessen brachte es auf den Punkt: «Software frisst die Welt auf.» Gleichzeitig sprechen Arbeitsmarktspezialisten von einem beunruhigenden Phänomen, dem «deskilling», also der Erosion von Fertigkeiten und qualifizierten Tätigkeiten. Jüngst haben die Ökonomen Paul Beaudry, David Green und Ben Sand in einer Studie festgestellt, dass es HochschulabgängerInnen in den USA zunehmend schwerer haben, eine ihrer Ausbildung entsprechende Beschäftigung zu finden. Ein anderer Ökonom, David Autor vom MIT, spricht gar von einer «Abwärtsrampe» der Fertigkeiten. Das Austrocknen des Markts für anspruchsvolle, kognitiv fordernde Beschäftigungen erzeuge einen Kaskadeneffekt: HochschulabgängerInnen sähen sich zur Annahme von Arbeiten gezwungen, die unter ihrem Ausbildungsniveau und ihren Fertigkeiten lägen. Dadurch würden sie die weniger Qualifizierten die Rampe hinunterstossen. Ohne hier nun einen direkten Zusammenhang mit der Automatisierung zu unterstellen, kann man sich trotzdem fragen, wohin eine solche Entwicklung führt, wenn man immer mehr automatische Systeme in den Arbeitsprozess integriert.

Die Ideologie hinter den Maschinen

Das Hauptargument gegen die alten LudditInnen lautete, dass technische Innovationen Jobmotoren seien. Aufs Ganze gesehen, würde mehr Arbeit geschaffen als vernichtet. Dieses triumphierende Mantra des wachsenden Arbeitskuchens hat zwar lange leidlich gut funktioniert, ist aber nicht unerschütterlich. Gerade kapitalintensive Technologien stellen es infrage. Bis zum Jahr 2000, schreibt Krugman, «war das Verhältnis von (…) Löhnen und Profit während Jahrzehnten stabil. Seither aber ist der Anteil der Arbeit am Kuchen stark geschwunden. Und das ist nicht bloss ein amerikanisches Phänomen.»

In der Tat. Woran das liegt – darüber kann und soll man debattieren. Neoluddismus misstraut den Flötentönen der ZukunftsvermarkterInnen, die uns einreden, technische Innovationen führten zwangsläufig in eine Gesellschaft, die Arbeit für alle bietet. Tatsache ist: Die Zukunft konzentriert sich zusehends in den Händen einiger weniger Technologiegiganten. Ob ihr oberstes Ziel Arbeit für alle ist, darf bezweifelt werden – und gesellschaftspolitische VorkämpferInnen beispielsweise eines bedingungslosen Grundeinkommens, das die Mehrheit der Bevölkerung von der Bürde der Arbeit befreien könnte, darf man in ihnen noch viel weniger sehen.

Es geht dem Neoluddismus also nicht um die Rückkehr zu einem vorindustriellen Leben. Es geht ihm um die Einsicht, dass Arbeit für die Menschwerdung des Menschen zu wichtig ist, als dass sie Maschinen überlassen werden könnte und sollte. Arbeitsplätze kann man auch schaffen, indem man die Arbeit neu denkt. Wie der Wirtschaftsjournalist Olaf Gersemann jüngst in einer Kolumne in der «Welt» schrieb, wird es weiter Arbeit geben, «wir wissen nur nicht welche. Vermutlich wird sie zu einem grossen Teil mit sozialer und kreativer Intelligenz zu tun haben: (…) Trost spenden, subtile Witze erzählen, Paare therapieren (…).»

Warum nicht? Jedenfalls hat Neoluddismus nichts mehr mit dem Zertrümmern von Maschinen zu tun. Er hinterfragt die Ideologie hinter den Maschinen – und ihre Rolle in unserer Gesellschaft. Man muss ihn als Bewegung einer Avantgarde begreifen.

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