Nr. 49/2010 vom 09.12.2010

Die rote Jungfrau

Von Pit Wuhrer

Sie wollte «die absolute Freiheit, nichts als die Freiheit», und da ihr Credo für alle galt, verteidigte sie nach einem Mordanschlag den Attentäter, der auf sie geschossen hatte. Er sei «von einem bösartigen System fehlgeleitet», sagte sie im Alter von 58 Jahren. Konsequent war die zu ihrer Zeit meistgehasste und meistgeliebte Frau immer gewesen. 1830 als uneheliche Tochter einer Dienstmagd in der ostfranzösischen Provinz auf die Welt gekommen, verzichtete die überzeugte Republikanerin trotz ihrer Ausbildung zur Grundschullehrerin auf eine Anstellung im Schuldienst, weil sie einen Eid auf den Kaiser ablehnte. Und in Paris, wohin sie im Alter von 26 Jahren umgezogen war, unterrichtete sie nicht nur an einer privaten Mädchenschule: Sie engagierte sich in Frauengruppen und schloss sich der sozialistischen Opposition an.

Konsequent blieb sie auch, als im Schatten des deutsch-französischen Kriegs 1871 die Pariser ArbeiterInnen die Macht übernahmen und die erste Rätedemokratie der Geschichte ausriefen. Sie organisierte Suppenküchen, versorgte die Verwundeten im Kampf zur Verteidigung der proletarischen Republik, zog sich eine Uniform an und kämpfte mit ihrem Frauenbataillon auf den Barrikaden.

Die Niederschlagung der Pariser Kommune kostete 30 000 Aufständische das Leben; die meisten wurden exekutiert. «La pétroleuse», die Zündlerin, wie sie von den Bürgerlichen genannt wurde, verschonte man jedoch. Die siegreiche Bourgeoisie wollte keine Märtyrerin schaffen und verbannte die von den Massen verehrte «Jeanne d‘Arc des Anarchismus» auf die französische Kolonial­insel Neukaledonien. Doch auch dort gab sie keine Ruhe: Sie unterstützte die UreinwohnerInnen bei einer antikolonialen Revolte. Nach einer Amnestie 1880 kehrte sie zurück, half streikenden Textilarbeiterinnen und führte 1883 eine Demonstration an, bei der drei Bäckereien geplündert wurden. Erneut wurde sie verurteilt, kam aber aufgrund von Protesten nach drei Jahren frei, schrieb Aufrufe und hielt flammende Reden, bis sie mit 74 Jahren während einer Vortragsreise in Marseille starb.

Wie heisst die Revolutionärin, deren Sarg über 100 000 Menschen begleiteten und nach der in Paris eine Metrostation benannt ist?

Wir fragten nach der französischen Pädagogin, Schriftstellerin, ­Anarchistin und Feministin Louise Michel (1830–1905). In vielen französischen Städten tragen Strassen den Namen der Frau, für die Freiheit ohne Gleichheit nichts war. Zu Beginn der Pariser Commune hatte sie die bürgerlichen Truppen mit dem Appell «Schiesst ihr auf uns, auf eure Brüder und Kinder?» zu entwaffnen versucht. Kurz danach wollte sie den damaligen Staatspräsidenten Adolphe Thiers töten, erkannte jedoch – wie sie in ihrer Autobiografie schrieb – in den gesellschaftlichen Strukturen das Hauptübel, weil in ihnen «selbst die Redlichen, einmal an die Macht ge­kommen, zu Schurken werden».

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