Nr. 50/2010 vom 16.12.2010

Ein Phantom versendet Drohungen

Von einem Handy aus, das auf eine junge jüdische Frau registriert ist, werden Zürcher Neonazis, Szeneaussteiger und Hooligans massiv bedroht. Die vermeintliche Handybesitzerin lebt in den USA und weiss von nichts. Wer steckt hinter den Drohungen? Die Swisscom schweigt.

Von Daniel Ryser

Es ist ein Freitag im November 2010. In Zürich steht ein Schlägerkommando bereit, ein Drohkommando von Bedrohten. Sie wollen eine jüdische Familie «besuchen» und bedrängen – das Eskalationspotenzial ist hoch, auch wenn der Auftrag des Kommandos offenbar darin besteht, zuerst einmal herauszufinden, was genau Sache ist. Doch wenn Rechtsextreme eine jüdisch-orthodoxe Familie aufgebracht zur Rede stellen, dann ist das nicht die beste Voraussetzung für ein sachliches, klärendes Gespräch.

Die Vorgeschichte: In den Wochen zuvor hatten Rechtsextreme, Szeneaussteiger, Hooligans, Ex-Hooligans, insgesamt über dreissig Personen, von einem Handy aus massive Drohungen erhalten, von Beschimpfungen bis hin zur angedeuteten schweren Drohung gegen Leib und Leben. Mit einem einfachen Trick in einem Swisscom-Shop in Zürich hatte dann einer der Betroffenen die offiziell registrierte Inhaberin der Nummer herausgefunden: die jüdisch-orthodoxe Familie im Kreis 4 beziehungsweise deren Tochter. Seither kursierten deren Name und Adresse in der Szene, und als die Drohungen nicht aufhörten, organisierte einer der Bedrohten nun also ein Drohkommando.

Verletzte die Swisscom die Sorgfaltspflicht?

Einer, der einen der Bedrohten kennt, sah das Eskalationspotenzial dieses Aufeinandertreffens – und vor allem zweifelte er daran, dass jene Familie mit der Sache zu tun hat. Er könne seine Zweifel nicht erklären, sagte er, «aber die Person, welche die Drohungen verschickt, verfügt über ein extremes Wissen über die Zürcher Hooliganszene, Wissen, das eigentlich nur ein Insider oder ein Szenekenner haben kann». Die WOZ bekam also einen Tipp, Namen und Adresse der Familie, und klingelte, als das Drohkommando schon im Besitz der Adresse war, an der Wohnungstür. Die anwesenden Familienmitglieder hatten keine Ahnung, wovon der Reporter redete. Die betreffende Tochter lebe seit längerem in den USA, sei dort verheiratet. Vor allem aber habe sie in der Schweiz gar nie ein Handy besessen. Ein Anruf bei der Swisscom aber bestätigte alles: Auf die Tochter, nennen wir sie nach der US-Schauspielerin Lisa Edelstein, ist seit drei Jahren eine Nummer bei der Swisscom registriert – ein Natel Easy. Funktion: prepaid. Das heisst: Keine Rechnungen, keine Bestätigungen nach Hause. Und dann stutzte die Dame am Telefon: Für die Nummer fehle das nötige Registrierungsformular, das Formular, auf dem unter anderem eingetragen wird, von welchem offiziellen Dokument die Personendaten stammen. Eigentlich hätte der Account so niemals eröffnet werden dürfen, sagte die Swisscom-Frau am Telefon. Wie konnte das trotzdem passieren? Wurde intern geschummelt? Eine Antwort liefert die Frau nicht, dafür schickt sie – wohl kaum legal – eine Liste aller Anrufe, die in den letzten dreissig Tagen mit dem Handy von Lisa Edelstein getätigt wurden.

Die Liste zeigt: Das Handy wurde im Oktober und Anfang November 2010 als reines Drohhandy benutzt. Nur per SMS wurde kommuniziert. Beim Durchtelefonieren der über dreissig Nummern ergibt sich ein Muster: Betroffen sind in erster Linie Leute aus dem Zürcher Hooliganumfeld, ehemalige Mitglieder der Hardturm-Front, Anhänger des Rekordmeisters Grasshopper Club, die vor Jahren ausstiegen oder aussteigen mussten, weil es innerhalb der Gruppe zu Differenzen gekommen war, und von denen fast alle eine rechtsextreme Vergangenheit haben. Es finden sich aber ebenfalls einzelne Leute auf der Liste, die beteuern, weder mit Hooliganismus noch mit extremistischer Politik etwas zu tun zu haben, die aber auch angeben, von dieser Nummer aus massiv beschimpft worden zu sein. Einer sagt: «Ich schrieb zurück: Was soll das? Es kam eine Antwort. Offenbar muss das Handy früher einem Mitglied der Zürcher Hooligangruppe City Boys gehört haben. Ich habe die Nummer seit zwei Jahren. Ich schrieb, man solle mich in Ruhe lassen, ich hätte nichts mit der Person zu tun.»

Zudem erhielt der Vater eines Ex-Neonazis per SMS das Bild seines Autos zugeschickt, das vor seinem Haus parkte, darunter der Text: «Gruss an deinen Sohn. Jetzt läuft es.» Bedroht wurde zudem auch ein bekanntes Mitglied der Neonaziorganisation Blood and Honour Vorarlberg.

Eine Abrechnung in der Hooliganszene?

Und das alles also vom Handy einer jungen jüdischen Frau aus. Die Familie kam so in erhebliche Gefahr. Und nicht nur sie: «Ich wurde kürzlich von alten Bekannten im Zürcher Niederdorf zusammengeschlagen, weil sie glaubten, ich stehe hinter den Attacken», sagt einer der Angerufenen, ein Ex-Hooligan. Gleichzeitig mit den telefonischen Drohungen sei in seinem Namen ein Facebook-Profil eröffnet worden, sagt der Mann. In seinem Namen seien auch Hooligans in Zürich und in Basel massiv bedroht worden. Zudem sei auch Folgendes passiert, sagen mehrere der bedrohten Ex-Hooligans: Vom Grab des vor einigen Jahren verstorbenen Zürcher Hooligans K. S. sei dessen Foto gestohlen worden, es sei eingescannt worden. Dann sei unter dem Namen des Toten und mit der Fotografie des Grabes ein Profil eröffnet worden, mit dem Leuten aus seinem alten Umfeld gedroht wurde: Man sehe sich bald.

Handelt es sich bei dieser Geschichte um eine Vendetta unter alten Bekannten? Eine Abrechnung in der Hooliganszene? Kam ein jüdisch klingender Name gerade recht? Oder steckt hinter den Drohungen, wie einige meinen, eine linksextreme Gruppe aus Zürich? Oder ist es, wie ein betroffener Rechtsextremer nach wie vor vermutet, «eine Verschwörung extremistischer jüdischer, antizionistischer Kreise»? Eine gut informierte Person aus der Antifa-Szene kann sich aufgrund der «absurden Qualität der Drohungen» organisierte Antifaschisten als Urheber der Drohungen nicht vorstellen, «schon auch deshalb, weil solch wilde, unkontrollierte Drohungen früher oder später zu Gewalt führen, und wir wollen unsere Energien auf sinnvolle Aktionen fokussieren und nicht irgendwelche Einzelmasken oder gar deren Verwandte bedrohen».

Fakt ist: Wer auch immer hinter den Drohungen steckt, hat mehrere Leute, die der Urheberschaft verdächtigt wurden, in erhebliche Gefahr gebracht. Darunter Familie Edelstein: Vater, Mutter, Sohn, eine zweite, junge Tochter. Die Familie ist in erster Linie froh, dass niemand ihre Wohnung gestürmt hat. Sie liess dann, «nachdem wir uns einen Tag lang nicht mehr vor die Tür getraut haben», bei der Swisscom die Nummer sperren. Die Frage, welche die Familie beschäftigt und bisher unbeantwortet bleibt: Wurde die Tochter zufällig oder bewusst ausgewählt? Kommt es, wie ein Swisscom-Insider behauptet, bei der Swisscom öfter zu derartigem Datenmissbrauch, der mitunter Dritte gefährden kann? Indem auf fremde Namen Prepaidkonten erstellt werden (um keinen Verdacht zu erwecken, werden existierende Personen genommen), die dann von irgendwelchen Leuten für Umtriebe benutzt werden, die Anonymität erfordern?

Weil Prepaidkonten keine Korrespondenzen und keine Rechnungen erfordern, ist es technisch tatsächlich so, dass eine Person nie erfahren muss, dass auf sie ein Natel-Easy-Abonnement läuft.

«Wenden Sie sich an den Kundendienst»

Ob es bei der Swisscom bereits nachweislich zu solchen Missbräuchen gekommen ist, will die Pressestelle nicht beantworten. Zum vorliegenden Fall schweigt die Swisscom-Pressestelle ebenfalls – «aus Datenschutzgründen» – und empfiehlt allen Betroffenen, «sich an den Kundendienst zu wenden, dort erhalten sie Informationen für das weitere Vorgehen. Bei Drohungen sollten sich Kunden an die Polizei wenden.»

Die Geschichte könnte trotzdem noch aufgeklärt werden: Einer der Bedrohten sagt, er sei von verschiedenen Nummern aus bedroht worden und habe deswegen Anzeige erstattet.

Aus verschiedenen Quellen war zu erfahren, dass in Zusammenhang mit den Drohungen vor zwei Wochen eine Person vorübergehend verhaftet wurde, die früher Kontakte zu rechtsextremen Hooligans pflegte, während sie im gleichen Zeitraum auch an linken Demos anzutreffen war. Computer seien ebenfalls beschlagnahmt worden. Die betreffende Person streite aber vehement ab, mit den Drohungen zu tun zu haben. Die Geschichte behält Brisanz: Nachdem der Verdacht gegen die jüdische Familie ausgeräumt ist, kursiert nun offenbar der Name der vorübergehend verhafteten Person unter den Bedrohten. Schon macht das Gerücht von einem neuen Drohkommando die Runde.

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