Nr. 05/2011 vom 03.02.2011

«Da wellet se grosse Fürz lasse»

Die massenhaften Proteste gegen das Immobilien- und Bahnprojekt Stuttgart 21 (S21) beschäftigen längst die internationale Öffentlichkeit – und mittlerweile auch Verlage. Aber nicht alle Bücher sind gut.

Von Pit Wuhrer

Sie haben offenbar noch immer nichts gelernt. Das Vorgehen am Schwarzen Donnerstag sei «rechtmässig und verhältnismässig» gewesen, sagte etwa der CDU-Landtagsabgeordnete Ulrich Müller am vergangenen Mittwoch. Über mehrere Sitzungstage hinweg war ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss des baden-württembergischen Landtags der Frage nachgegangen, ob Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) vor dem massiven Polizeieinsatz am 30. September 2010 Druck ausgeübt habe, um ein Exempel zu statuieren. Damals hatten Polizeieinheiten Hunderte von meist jugendlichen GegnerInnen des S21-Projekts zusammengeschlagen; ein älterer Demonstrant, der sich schützend vor SchülerInnen stellte, verlor dabei sein Augenlicht (siehe WOZ Nr. 40/10).

Doch nicht die Polizei war schuld, auch nicht die Politik. Die harten Massnahmen, so der CDU-Obmann im Ausschuss Müller, seien «ausgelöst worden vom aggressiven Widerstand einiger Demonstranten gegen die Durchsetzung des Baurechts». Von «gewaltbereiten Chaoten» hatte CDU-Innenminister Heribert Rech schon unmittelbar nach dem Schwarzen Donnerstag gefaselt. Einen Beleg dafür konnte die Landesregierung bis heute nicht vorlegen – weil es Gewalt nur von einer Seite gab.

Der Bonatz-Bau

Alles wie gehabt also. S21 sei eine «Jahrhundertchance», verkündete Mappus auf dem CDU-Landesparteitag Mitte Januar. Und so lassen auch die GegnerInnen nicht locker: Am letzen Samstag demonstrierten bis zu 40 000 gegen den geplanten unterirdischen Durchgangsbahnhof und für die Modernisierung des alten Kopfbahnhofs. An der 61. Montagsdemo zu Beginn dieser Woche waren erneut Tausende unterwegs. Und an diesem Freitag könnte es wieder zu Blockaden kommen: Dann nämlich will die Bahn etliche Bäume im Schlossgarten «versetzen», wie sie das nun nennt.

Der Stuttgarter Hauptbahnhof – bis vor kurzem in seiner Gesamtheit denkmalgeschützt – sei doch nur ein Stück Nazi-Architektur, argumentieren manche S21-BefürworterInnen. Ihre Denunziation ist unsinnig. Paul Bonatz mag zwar ein konservativer Baumeister gewesen sein, aber sein Meisterwerk entwarf der einflussreiche Architekt (er konzipierte auch das Basler Kunstmuseum und das Opernhaus in Ankara) noch während der Herrschaft der liberalen württembergischen Monarchie, mit dem Bau wurde 1914 begonnen. Sein funktionaler, von kubischen Elementen geprägter Bahnhof mag heute monumental erscheinen – aber er fügte sich ins damalige Stadtbild ein, war ein Meilenstein in der Entwicklung der modernen Architektur und hat nichts von der Monstrosität der Nazibauten an sich. Die Nazis wollten die Kopfbahnhöfe abreissen lassen und verfolgten das Konzept «autogerechte Stadt».

Seit Jahren beschäftigt sich der Kunsthistoriker und Renovierungsfachmann Matthias Roser mit der Baugeschichte von Stuttgart und dem Hauptbahnhof. Angesichts der aktuellen Auseinandersetzungen (der Nordflügel des Bahnhofs wurde mittlerweile abgerissen) hat der Schmetterling-Verlag sein detailreiches und schön bebildertes Buch über die Entstehungsgeschichte des Bahnhofs in einer überarbeiteten Ausgabe neu aufgelegt. Wer wissen will, warum die StuttgarterInnen so sehr an ihrem alten Bahnhof hängen, findet hier eine Antwort.

Wem gehört die Stadt?

Einen ganz anderen Charakter hat das im Papyrossa-Verlag erschienene «Stuttgart 21». In dieser Streitschrift sind faktenreich alle Argumente gegen das wohl teuerste und unsinnigste Verkehrsvorhaben in der deutschen Nachkriegsgeschichte aufgeführt – vorgetragen von sachkundigen KritikerInnen des «CDU-Immobilienprojekts zur Reduzierung der Bahnschulden und zur Stärkung der Bauwirtschaft», wie Egon Hopfenzitz schreibt, der vierzehn Jahre lang Leiter des Stuttgarter Hauptbahnhofs war.

In einer ausführlichen Analyse widerlegt da der Verkehrsfachmann (und WOZ-Autor) Winfried Wolf die «sieben Lügen» der S21-BetreiberInnen, die den bestehenden Kopfbahnhof als Hindernis für einen effizienten Schienenverkehr darstellen, S21 als «grünes Projekt» verkaufen, die Risiken als beherrschbar bezeichnen, kürzere Reisezeiten versprechen, den ökonomischen Nutzen von S21 und der Neubaustrecke nach Ulm beschwören, von Alternativlosigkeit reden – und zudem auch noch mit der Behauptung «alles demokratisch beschlossen» hantieren. Nichts davon stimmt, schreibt Wolf. Und er kann es belegen.

In dieselbe Kerbe, nur aus anderem Blickwinkel, haut Arno Luik. Kein anderer Journalist hat in den letzten Monaten so erfolgreich die «Geheimniskrämerei und Schummelei» der Deutschen Bahn AG (DB) und der staatlichen Behörden aufgedeckt wie der Autor der Wochenzeitschrift «Stern». Sein Bericht liest sich wie ein Wirtschaftskrimi. Er schreibt von unterschlagenen Dokumenten, geheimen ProfiteurInnen, anonymen Zeugen, reumütigen Tätern. Es geht ja auch um ein politisches Verbrechen, wie andere Beiträge in dem Sammelband hervorheben: Die Art und Weise, wie S21 bisher durchgesetzt werden sollte, verstösst eklatant gegen Demokratie und Bürgerrechte.

Neben vielen verständlichen Fachexpertisen (ein langjähriges DB-Führungsmitglied erinnert zum Beispiel an vergleichbare, aber falsche Bahnprognosen; ein ehemaliger Informatikprofessor prüft und verwirft die Fahrpläne für den geplanten Kellerbahnhof) bietet das Buch auch einen guten Einblick in die Protestbewegung: Es sind nicht nur, wie diffamierend berichtet wird, gut betuchte StuttgarterInnen, die auf die Barrikaden gehen. Fazit: Trotz mancher Wiederholungen und kleiner Fehler («Zürcher Tagesspiegel») höchst lesenswert!

Oben bleiben!!!

Vom dritten S21-Buch kann man das nicht sagen. Der Fotoband – Untertitel «Manifeste und Bilder des Protests» – bietet nur eine magere Impression von der Kreativität, die sich im Zuge des Protests entfaltet hat: Er dokumentiert lediglich selbst gefertigte Plakate und Notizen, die irgendwelche S21-KritikerInnen am Bauzaun aufgehängt haben. Einzelne sind treffend («da wellet se grosse Fürz lasse, und no send d Lecher z gloi», kommentierte jemand den Tunnelbau) – aber meist kommen die Aussagen ziemlich bräsig daher: weil die Menschen fehlen – und Inhalte kaum vermittelt werden. Vielleicht liegt das aber daran, dass sich so manche schwäbische Wortspielerei am Bauzaun Ortsfremden nicht so leicht erschliesst und der Zürcher Verlag deshalb auf sie verzichtete.

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