Nr. 07/2011 vom 17.02.2011

Die Gefährlichkeit der Harmlosen

Die St. Galler Inszenierung von Elfriede Jelineks Theaterstück «Die Kontrakte des Kaufmanns» hat an der HSG für Aufregung gesorgt. Am Freitag trafen sich Theaterleute und Uni-VertreterInnen zur mitternächtlichen Aussprache.

Von Kaspar SurberMail an AutorIn (text) und ursula häne (foto)

Elfriede Jelineks Abgesang auf die Finanzkrise endet in einem Familienmord mit der Axt. Es bleibt nur das Grab – wobei auch das nicht bestehen bleibt, wenn Bodenschätze gefunden werden. Eine blutverschmierte Schauspielerin spricht den letzten Satz immerfort ins Publikum: «Wenn sie aber unten sein sollten, die Schätze, Öl, Gas, Strom, Licht, Atom, Blumentröge, Wasserspülung, dann gehört Ihnen auch die Erde unter unsrem Boden nicht mehr, dann gehört Ihnen nicht das Schwarze unter dem Nagel mehr, dann gehört Ihnen nichts, nichts, nichts mehr. Gar nichts mehr. Nichts.»

Das Nichts müsste noch da sein

«Nichts» ist das Wort, das Jelinek in ihrem Stück «Die Kontrakte des Kaufmanns» am häufigsten verwendet, um die Zerstörungskraft des Geldes zu beschreiben: Von nichts kommt nichts. Doch schon mit der Bezeichnung als Nichts wird etwas geschaffen. Das Nichts, in das investiert wurde, müsste also noch da sein, vermutete ein Chor der KleinanlegerInnen.

Es ist 23 Uhr am vergangenen Freitag-abend im Theater St. Gallen, Bühnentechniker-Innen wischen die Spuren des Dramas weg, ein Podium wird aufgebaut. Die Derniere war ausverkauft, die Hälfte der ZuschauerInnen will sich die Diskussion zur vorgerückten Stunde nicht entgehen lassen: Weil in einer Szene der Inszenierung die HSG kritisch erwähnt wird, hat die Wirtschaftsuniversität um ein Gespräch gebeten. «Die HSG ist not amused», titelte das «Tagblatt».

Wer nun erwartet, dass die HSG-VertreterInnen ihren Ärger begründen, der sieht sich rasch getäuscht. Sie zeigen sich «very amused» und loben die Inszenierung als «innovativ». Wer darauf erwartet, die neoliberale Ausbildungsstätte starte zur Einseifung des Kulturbetriebs, sieht sich allerdings auch bald eines anderen belehrt.

Yvette Sanchez, Romanistin und an der Universität zuständig für das öffentliche Programm, möchte wissen: «Wie haben Sie sich denn kundig gemacht?» Es klingt, als frage sie ein Kind.

Schauspieler Matthias Albold erklärt, man habe sich von Fachleuten beraten lassen und sei dabei auf die HSG gestossen: Dem Stück zugrunde liegt der Skandal um die österreichische Meinl-Bank. Der Millionenbetrüger Julius Meinl V. hat in St. Gallen studiert.

Per Skype ist Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson zugeschaltet: Nicht nur seine Heimat Island, sondern auch die Schweiz sei von der Krise stark betroffen. Hier fehle es allerdings an einer öffentlichen Diskussion. Diese könne es nur geben, wenn man sie verorte. «Der HSG-Bezug ist aus einer künstlerischen Notwendigkeit entstanden.»

Das Ensemble macht, durchaus offensiv, mit Thesen und Fragen weiter: «Es gibt Leute, die sehen in der Thematisierung der HSG keinen Zusatz, sondern die Quintessenz des Stückes», sagt Schauspieler Marcus Schäfer. «Was denken Sie über Ihre Lehre, wenn Sie Betrügern wie Meinl erst die Werkzeuge in die Hand geben?», will Schauspielchef Tim Kramer wissen.

System im Spiegel

Die meisten Äusserungen verpuffen am Gegenüber: «Zur Wirtschaftsethik, fürchte ich, kann ich nicht viel sagen», sagt StudentInnenvertreterin Verena Witzig. Rektor Thomas Bieger kann seine Universität gleichzeitig als «Marktplatz der Ideen» wie als «Spezialistenuni» beschreiben. Einzig Betriebswirtschafter Günter Müller-Stewens bringt weitergehende Überlegungen ein, kritisiert etwa die «Verökonomisierung» der Gesellschaft.

Es knackt in der Leitung, Regisseur Arnarsson meint zum Schluss: Das Textkonstrukt von Jelinek sei eine Spiegelung des Systems: «Ihre endlose Wiederholung von Begriffen führt zu nichts. Die Frage lautet nicht, ob die Manager gut oder böse sind. Sondern: Führt dieses System ins Nichts, und müssen wir den Weg weitergehen?»

«Nichts», das zeigt der Abend, ist genau das Wort, das zu den HSG-VertreterInnen passt. Sie haben fast nichts zu sagen, und für WissenschaftlerInnen noch erschreckender, fast nichts zu fragen. Die Gefährlichkeit dieser Leute ist ihre Harmlosigkeit.

Immerhin hätte man das Publikum um Rat fragen können. Doch das Theater öffnet die Diskussion nicht. Es ist auch schon spät – oder fehlt es an Mut? Dem Gelächter nach scheint das Publikum kritisch gegenüber der HSG und ihrer Lehre zu sein. Ob sich die Kritik auf einen Theaterbesuch beschränkt – oder weitergeht?

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