Nr. 25/2009 vom 18.06.2009

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Findet in der Wirtschaft ein Umdenken in der Aus- und Weiterbildung statt? Und: Welche Alternativen gibt es zum Mainstream?

Von Elvira Wiegers

Die weltweite Wirtschaftskrise wütet wie eine Pandemie. Auf das Köpferollen in den Chefetagen folgen nun Massenentlassungen an der Basis. Die Zeitungen füllen sich mit Nachrichten über Konkurse und Werkschliessungen.

Für viele ist klar: Gier, Grössenwahn und Spekulationsexzesse sind schuld an der Wirtschaftsmisere. Internationale Gesetze und Regeln sollen die ManagerInnen künftig von kurzfristiger Profitmaximierung abhalten, doch so einfach ist das nicht: Wie erlernen Führungskräfte und Finanzverantwortliche Langfristdenken und verantwortungsvolleres Handeln? Es reicht nicht aus, die Kontrollen zu verschärfen, die Veränderung muss von innen kommen. Der Hebel muss bei der Ausbildung ansetzen.

Die «Süddeutsche Zeitung» veröffentlichte Anfang Juni einen kritischen Artikel über das Studium der Betriebswirtschaftslehre (BWL). Darin hält Peter Ulrich, Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen (HSG), eine Neuausrichtung dieser Fachdisziplin für dringend erforderlich, «da dort die Unternehmensführung allein aus der Marktlogik heraus betrachtet wird». Doch mit Ethikvorlesungen allein sei es nicht getan, vielmehr brauche es die Verknüpfung von ethischen Verantwortungsfragen mit konkreten Fragestellungen der BWL. «Eigentlich ist dieses disziplinübergreifende Wissen ebenso wie die kritische Befragung von Entwicklungen immer ein zentraler Auftrag von Universitäten gewesen, aber das ist vor allem in den Wirtschafts- und Technikwissenschaften in grossen Teilen verloren gegangen», ergänzt Arno Rolf, Informatikprofessor an der Universität Hamburg.

Die Universität St. Gallen organisierte etwa zur gleichen Zeit eine Ehemaligenveranstaltung mit dem Titel «HSG und Krise - Verantwortung, Lehren und Vertrauensbildung». Das erste Referat hielt Christoph Blocher zur Frage, ob das freiheitliche Wirtschaftsmodell gescheitert sei. Die Einladung dieses knallharten Neoliberalen legt nahe, dass die HSG wohl eher nicht auf dem Pfad der ernst zu nehmenden Selbstkritik wandelt. Geredet, oder gar Kritik geäussert, wird vor allem hinter vorgehaltener Hand (es sei denn, man ist Ethikprofessor). Etwa, dass die Jungen zuerst etwas Richtiges, Ingenieurwesen oder Naturwissenschaften, studieren sollen, bevor sie sich den betriebswirtschaftlichen Schliff holen. Oder dass ein Wirtschaftsstudium ohne Praxisbezug sinnlos ist.

MBA ...

Von einem Versagen der Aus- und Weiterbildung von TopmanagerInnen will Björn Johansson nicht sprechen. Der HSG-Absolvent gehört laut «BusinessWeek» zu den einflussreichsten Headhuntern weltweit. Johansson glaubt aber, dass sich einiges verbessern liesse. So müsste vermehrt verantwortungsvolle Unternehmensführung, sogenannte Corporate Governance, vermittelt werden. Zudem sei der Einbezug von Umwelt- und ethischen Fragen in der Ausbildung höher zu gewichten. Vom Titel MBA (Master of Business Administration), einem Persilschein für einen schnellen Aufstieg in jede Chefetage, hält der Vermittler von Führungskräften wenig: «Er wird heute an jeder Ecke angeboten. Man kann diesen Titel kaufen. Er ist nichts mehr wert.»

Seit Jahrzehnten prägen diese drei Buchstaben das Denken von Führungskräften auf dem ganzen Globus. Heute werden weltweit jährlich mehr als 100 000 MBAs verliehen. Die Kosten dieser Weiterbildung betragen bis zu 100 000 Franken oder mehr.

Die «Financial Times» thematisierte jüngst in einem Artikel die Mitschuld der MBA-Anbieter an der globalen Wirtschaftskrise. Während vor allem nichtamerikanische Universitätsdekane fundamentale Veränderungen in der Aus- und Weiterbildung für notwendig halten, glauben ihre KollegInnen in den USA eher, dass punktuelle Anpassungen ausreichen, das System zu reformieren.

Zu den renommiertesten Ausbildungsstätten der künftigen Wirtschaftselite gehört das International Institute for Management Development (IMD) in Lausanne. Das IMD entstand 1990 aus dem Zusammenschluss der firmeneigenen Kaderschmieden von Nestlé und Alcan. Bettina Büchel ist am IMD als Professorin für Strategie und Organisation tätig: «Der MBA macht nur einen kleinen Teil unseres Angebotes aus. Wir bieten auch diverse Weiterbildungen zum Management von Krisen an. Auch thematisieren wir nicht erst seit gestern die schädlichen Auswirkungen von gierigen und kurzsichtig denkenden Managern auf Wirtschaft und Gesellschaft.» Doch der Haken laut Büchel ist: «Zurück im Betrieb muss man erst einmal umsetzen können, was man gelernt hat.» Oft scheitere man trotz guter Ideen an der Betriebsstruktur oder an mangelnder interner Unterstützung. «Deshalb wäre es wichtig, dass die Ausbildungsstätten mehr mit den Personalverantwortlichen und Entscheidungsträgern der Unternehmen zusammenarbeiten würden.» Eine Veränderung sei nie leicht und müsse immer von mehr als einer Person getragen werden. Auch dominiere in vielen Unternehmen weiterhin ein kurzfristiges Denken. «So werden beispielsweise ausgerechnet in Krisenzeiten die Aus- und Weiterbildungsbudgets reduziert. Dabei sollte man genau das Gegenteil tun.»

... und Alternativen

Zu den herkömmlichen Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es interessante Alternativen. So ist das Verbandsmanagementinstitut (VMI) - Teil der Universität Freiburg - auf Nonprofitorganisationen (NPOs) spezialisiert. Das VMI bietet diverse Kurse zur Führung und Finanzierung eines Verbandes, einer Stiftung, einer Genossenschaft oder anderer gemeinnütziger Einrichtungen an. Sogar ein MBA für NPOs gehört zum Angebot. Allerdings muss man auch für diese alternative Variante relativ tief in die Tasche greifen.

Eines der weltweit interessantesten Kontrastprogramme für Finanzverantwortliche und BankerInnen bietet das 2006 gegründete Institute for Social Banking (ISB) an. Das ISB im deutschen Bochum ist ein Pilotprojekt von zwölf alternativen Finanzinstitutionen aus neun europäischen Ländern. Seit 2007 kann man hier einen international anerkannten Master of Social Banking and Social Finance absolvieren. Auch die Alternative Bank Schweiz (ABS) gehört zu den Mitgründern des ISB. Laut ABS-Geschäftsleitungsmitglied Edy Walker waren die Menschen in unseren Breitengraden noch nie so gut ausgebildet wie heute, «doch zur Lösung der dringendsten Probleme hat dies nicht viel beigetragen». Dies sei vielmehr eine Frage des Wertesystems von Einzelnen, Unternehmen und der Gesellschaft, und genau dies stehe beim ISB im Zentrum. Sven Remer, ISB-Dozent und MBA-Absolvent, konkretisiert: «Der grosse Unterschied zum MBA oder einer anderen herkömmlichen Weiterbildung ist, dass wir nicht einfach die BWL-Theorie aus dem Lehrbuch übernehmen und herbeten. Stattdessen setzen wir bei der Praxis an und entwickeln entweder die bestehende Theorie weiter oder bauen eine eigene Theorie.» Dieser Ansatz klingt nicht nur logisch, sondern ist auch intelligent: Denn auf diese Weise laufen die StudentInnen gar nicht erst Gefahr, Bestehendes blind wiederzukäuen. Stattdessen sind sie gezwungen, sich mit der Realität, sprich mit den Widersprüchen des Lebens, auseinanderzusetzen, anstatt sie auszublenden, wenn sie nicht ins Lehrbuch passt. Remers Fazit: «Bei allem steht immer der Mensch mit all seinen Bedürfnissen im Zentrum. Dazu mögen Profitüberlegungen gehören, aber eben auch saubere Luft oder faire Arbeitsbedingungen.»

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