Nr. 17/2011 vom 28.04.2011

Lyrik als Einspruch

Von Urs Heinz Aerni

Er schreibt Lyrik, kann sich aber in Rage reden, wenn von unserer Gesellschaft mit ihrem Getöse die Rede ist. Roland Merk rührt im Bahnhofsbuffet Basel in seinem Kaffee. Neben der Tasse liegt sein Buch «Wind ohne Namen». In lyrischer Sprache reflektiert Merk, der in Zürich, Berlin und Bern Philosophie, Germanistik und Soziologie studierte und heute in Basel und Paris lebt, Beobachtungen und Gedanken.

Wie als Theaterautor (für sein Dok-Theater «Replay Palestine» erhielt er eine Einladung an die Volksbühne Berlin) umkreist er nun lyrisch gesellschaftliche Themen. «Wo es Literatur heute mit dieser Welt aufnehmen will, so bescheiden ihre Strategien auch sind, so stösst sie, will sie nicht blind sein, immer wieder auf Verhältnisse, die Kritik an der Gesellschaft miteinschliessen.» Auf die Frage, warum er sich für die Lyrik entschieden habe, antwortet er: «Für dieses Buch hatte ich zunächst nur ein vages Gefühl. Mir schwebte vor, so etwas wie ein literarisches Bild dieser so ratlosen und gleichzeitig von Katastrophe zu Katastrophe eilenden Epoche zu zeichnen. Dafür eignet sich nur die Lyrik!»

Nach der Lektüre schwankt der Leser zwischen Streitlust und Resignation. Absicht? «Nein, es wäre fatal, das zur Absicht machen zu wollen. Umgekehrt kann man aber auch nicht so daherkommen und den Leuten sagen, wir haben zwar verdammt viele Probleme auf dieser Erde, aber das packen wir schon.»

Die Tasse ist leer, und Merk ist in seine Überlegungen vertieft: «Wir alle wissen, dass wir gewissermassen mit 160 Kilometern pro Stunde auf eine Wand zufahren, deren Beschaffenheit und Härte uns die Wissenschaft beschrieben hat. Trotzdem tun wir so, als ob nichts geschehen wäre.» Im Lauf des Gesprächs und der Lektüre mausert sich «Wind ohne Namen» zu einem «Sturm ohne Namen». Merk würde seine Lyrik als «Einspruch» bezeichnen.

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