Gegen einen Körper stolpern Wie umgehen mit dem Tod? Lyrik als Trost oder Werkzeug bei der Suche nach Antworten

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Kurz nach der russischen Invasion in die Ukraine eröffnete der Berliner Trabanten-Verlag einen Instagram-Kanal, auf dem unter der Überschrift «Antikriegslyrik» Gedichte eingereicht werden können. Zu Beginn gingen fast hundert Werke täglich ein, eine Auswahl davon hat der Verlag, der eine ähnliche Aktion schon mit «Lockdownlyrik» gemacht hatte, kürzlich in einem Band veröffentlicht. Überhaupt ist in den sozialen Medien anlässlich des Kriegs gerade viel Lyrik zu lesen; auch «Das Magazin» reagierte in seiner ersten Ausgabe nach Ausbruch des Kriegs mit Gedichten eines ukrainischen Autors.

Einmal abgesehen von der fragwürdigen Qualität mancher Werke und den Problemen, die bei einer solchen Internetaktion entstehen – das Gelöbnis etwa, alle Gedichte zu veröffentlichen, ermöglicht auch die Publikation nationalistischer oder kriegsverherrlichender Texte –, stellt sich doch die Frage: Wie kommt es, dass in einer Krisensituation auf einmal ein Bedürfnis nach Lyrik entsteht, nach dieser sonst so stiefmütterlich behandelten, wahlweise als unzeitgemäss, pathetisch oder belanglos verschrienen Sparte der Literatur?

Pragmatisch könnte man sagen: Es geht schneller, ein Gedicht zu schreiben oder zu lesen als einen Roman. Ausserdem passt auf ein Bild im Instagram-Format nicht so viel Text – beides Argumente für eine rasche, unmittelbare Reaktion auf die schockierende Erfahrung eines Kriegs. Abgesehen davon aber scheint Lyrik auch etwas auslösen zu können: diese so rhythmische, musikalischste aller Literaturgattungen, die einem Lied am nächsten kommt und vielleicht auch deshalb ein so grosses Trostpotenzial hat, diese verdichtete Form der Literatur, die so viel Gefühl in sich ballen kann. Natürlich ist Lyrik deshalb auch anfällig für Kitsch und Belanglosigkeit. Aber ein gutes Gedicht kann in seiner Knappheit unglaublich tröstlich sein, kann einen Punkt machen, beim Verstehen helfen. Und das ist, so hilflos es wirken mag, angesichts von Tod und Krieg gar nicht mal so wenig.

Immer wieder auflaufen

Sich mit dem eigentlich Unfassbaren auseinandersetzen: Das tut Eva Maria Leuenberger in ihrem Langgedicht «kyung». Hier ist die Lyrik ihr Werkzeug im Versuch, zu verstehen. Eine Frau wird in einem Parkhaus in New York City von einem Sicherheitsangestellten vergewaltigt und danach erwürgt; sie war auf dem Weg, ihren Partner zu besuchen, der in diesem Haus arbeitete. Das Opfer: Theresa Hak Kyung Cha, Avantgardekünstlerin, Schriftstellerin. 1951 in Korea geboren, migrierte sie mit dreizehn mit ihrer Familie nach San Francisco, studierte später Keramik, Performance und Film. Kurz vor ihrem Tod im Parkhaus hatte sie ihr erstes Buch, «Dictée», fertig geschrieben, das posthum veröffentlicht wurde. Das war 1982, Theresa Hak Kyung Cha war 31-jährig, als sie ermordet wurde.

Eva Maria Leuenberger kehrt immer wieder zum Moment im Parkhaus zurück. Sie arbeitet mit Wiederholungen, den gleichen Sätzen oder Worten, anders zueinander gestellt, immer wieder fällt Theresa Hak Kyung Cha zu Boden, werden ihre schwarzen Haare beschrieben und die Finger, die sich zur Faust einrollen.

«ich suche die worte / und stolpere gegen einen körper»: Leuenbergers Text zwingt einen, sich die Tat plastisch und extrem körperlich vorzustellen – und dann ist der Körper doch das Erste, das nach dem Tod von der Welt verschwindet. Ein Teil der Faszination am Fall Theresa Hak Kyung Cha rührt auch daher, dass ihr erstes schriftliches Werk erst nach ihrem Tod erschien – ein ungewolltes Vermächtnis.

Unweigerlich kommt Leuenberger der Gedanke auch an den eigenen Körper, doch vermeidet sie es, sich selbst zu stark in den Text hineinzunehmen. Es ist das Schöne an diesem Gedicht, dass sich die Autorin nicht als Erklärende, sondern eher als gemeinsam mit der Leserin Ratlose präsentiert. «kyung» ist ein ständiges Suchen, das durch die lyrische Form nur an Intensität gewinnt, dieses Immer-wieder-Anfangen, Immer-wieder-Auflaufen in knappen Sätzen, verdichteten Wortansammlungen. Umso mehr wirkt es als Kontrast, dass die kurzen Lauftexte im ersten Teil von Leuenbergers Buch «kyung» biografische Angaben zu Theresa Hak Kyung Chas Leben sowie Beschreibungen und Gedanken zu ihrem Werk «Dictée» enthalten: In einigen Absätzen aufschreiben, was man wissen kann. Wo das klar Festzumachende aufhört, fliegt der Text buchstäblich auseinander. Leuenberger arbeitet grosszügig mit Zeilenumbrüchen, Tabulatoren, Abständen und stellt die plötzliche Leere nach dem Verschwinden so auch bildlich dar.

Die Lyrik kann sich diese Leere zum Vorteil machen: Sie verbindet Autor:in und Leser:in, indem Dinge offengelassen werden. Der Verzicht auf Erklärungen sperrt den Raum zur Interpretation weit auf. Gerade im Umgang mit der Biografie einer Person ist das zwar kein historisches, faktenbasiertes Vorgehen, hat aber das Potenzial, Fragen nach Wahrheit und unterschiedlicher Wahrnehmung mitschwingen zu lassen. «das ich / ist ein schwarzes loch / die leerstelle / wo ein körper war», schreibt Leuenberger.

Wie scheue Tiere

Der Umgang mit dem Tod und die Frage, was danach mit dem Körper passiert, beschäftigt auch Eva Seck in ihrem kürzlich erschienenen Band «Versickerungen», der neben Gedichten auch kurze Prosatexte enthält. Bei ihr ist es etwa Eric Garner, der in einer halb schlaflosen Nacht auf einmal aufscheint: «und übrig bleibt / ein Puls ohne Körper». Der Schwarze Garner wurde 2014 von einem Polizisten im Würgegriff festgehalten und erstickte dabei; der Vorfall war der Auftakt zu den Black-Lives-Matter-Protesten, die 2020 dann von den USA auf die ganze Welt überschwappten.

Der Tod ist bei Seck nur eine von vielen Möglichkeiten, aus der Gesellschaft zu verschwinden, wenn auch eine drastische. Viele ihrer Gedichte drehen sich um die Frage, wer in einer Gesellschaft wie und wieviel Raum einnimmt, welche Leben mehr zählen und welche weniger, wer durch die Maschen fällt. «Monatelang liegengeblieben / und während die anderen / auszogen, um zu erobern / kamen die Meinen / wie scheue Tiere / aus dem Dickicht hervor.» Als Schwarze Schweizerin selber mit Rassismus konfrontiert, reflektiert sie unter anderem diskriminierende Erlebnisse – ebenso die Wut auf sich selbst, zu still zu sein, sich zu klein zu machen. Es geht darum, gehört zu werden, aber auch, sich zu behaupten.

Was bleibt von einem Menschen, der stirbt? Was bleibt von einer, die nicht gehört wird? Bei Seck wie Leuenberger ist die Lyrik Werkzeug zur Suche nach einem Umgang mit dem Verschwinden von Menschen und ihren Körpern, Arbeit der Übriggebliebenen. Die Texte selbst tragen ihren Teil zur Erinnerung bei. Eva Seck bringt sich dabei stärker als Eva Maria Leuenberger in die Texte ein, reflektiert den Umgang mit den eigenen komplizierten Gefühlen, ihrer Alltäglichkeit, ihrer potenziellen gesellschaftlichen Relevanz: sprachlos oder zu wenig schlagfertig sein, sich allein fühlen, Angst haben oder stolz sein. Ihre Lyrik ist für sie auch eine Möglichkeit, sich selbst in der Welt zu verorten. Und damit Mittel, sich zu Lebzeiten ein Stück weit vor dem Verschwinden, vor dem Verlorengehen zu retten.

Eva Maria Leuenberger liest in Solothurn am Freitag, 27. Mai 2022, um 14 Uhr, Eva Seck am Samstag, 28. Mai 2022, um 12 Uhr.

Podiumsgespräch «Achtung, Lyrik!» am Samstag, 28. Mai 2022, um 11 Uhr in Solothurn.

Eva Maria Leuenberger: kyung. Droschl. Graz 2021. 136 Seiten. 32 Franken

Eva Seck: Versickerungen. Gedichte und andere Gedanken. Verlag Die Brotsuppe. Biel 2022. 88 Seiten. 25 Franken

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