Nr. 19/2012 vom 10.05.2012

Das Dach über dem Kopf des Poeten ist der freie Himmel

Ganze Fussballstadien füllten der Palästinenser Mahmud Darwisch oder der Syrier Nizar Kabbani, und auch auf dem Tahrirplatz rezitierten DichterInnen vor Hunderttausenden. Dass Lyrik im arabischen Sprachraum noch etwas zu sagen hat, ist einer Moderne geschuldet, die klaffende Wunden schlägt.

Von Roland Merk

Adonis: «Ein Grab für New York» (1971); ausgewählt von Roland Merk, projiziert und fotografisch inszeniert von Andreas Bodmer. Aus dem Arabischen von Roland Merk und Kathrin Lötscher.

Als 1960 das epochale «Museum der Modernen Poesie» erschien, herausgegeben vom deutschen Dichter Hans Magnus Enzensberger, schweifte der Blick noch nicht in alle Richtungen. Die lyrische Moderne, die man dabei ins Museum verfrachtete, war eine des Westens und Lateinamerikas, mit Ausnahme des Türken Nazim Hikmet und der Stimme der Négritude, Léopold Senghor. Es fehlten also nicht DichterInnen der Weltliteratur, wohl aber ganzer Welten. Kein Autor aus dem arabischsprachigen Raum war im «Museum» präsent, weder die Dichterin Nazik al-Mala’ika, die Dichter Abd al-Wahab al-Bayyati, Badr Schakir al-Sayyab, Amal Dunqul oder Nizar Kabbani noch der mittlerweile weltbekannte syrisch-libanesische Dichter Adonis und Mahmud Darwisch, die Stimme Palästinas.

Immerhin zählt die arabische Sprache eine Viertelmilliarde SprecherInnen, und sie wird in über zwanzig Ländern gesprochen. Irgendwie, so bekommt man den Eindruck, ist auch diesbezüglich der Krieg der Vater aller Dinge – so auch der Aufmerksamkeit deutschsprachiger LeserInnen, die erst im Schatten des Elends der Golfkriege und schliesslich der arabischen Revolutionen endgültig anwuchs.

Dass die Dichtung im arabischen Sprachraum noch etwas zu sagen hat, ist nicht, wie Apologeten des «Prozesses der Zivilisation» verführt sein könnten zu denken, einer angeblich verspäteten Säkularisierung geschuldet, sondern einer Moderne, die aussen- wie innenpolitisch klaffende Wunden schlägt. Deshalb schliesst ein «Gespräch über Bäume» (Bertolt Brecht) immer auch das Schweigen über so viele Tote und so vieler Toter mit ein, deshalb hat die Poesie angesichts der Kriege im Libanon, im Irak und in Syrien, der Besatzung in Palästina, der Korruption in allen Ländern, um es mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel auf den Punkt zu bringen, «das Recht, bis zur äussersten Qual der Verzweiflung fortzugehen». Hier geht die Wahrheit nicht beliebig im «anything goes» auf, sondern sie schmerzt als Leid, Unterdrückung und Krieg – ist nicht der selbstgerechte Schlaf des Westens genau das, was die Welt im Innersten zusammenhält?

Ein Gedicht als Fanal

Es ist kein Zufall, dass die tunesische Revolution von einem der grössten arabischen Dichter, dem Tunesier Abu al-Qasim asch-Schabbi, mit ausgerufen wurde. Seine Zeilen «Wenn eines Tages das Volk das Leben will, dann muss das Schicksal sich beugen, dann muss die Nacht zum Tage und die Kette gesprengt werden» sind noch immer das Fanal der empörten arabischen Strasse – und der Albtraum jedes Potentaten. Abermillionen rezitieren Poesie zu jeder Gelegenheit. Umm Kulthum oder Fairuz vertonten die populärsten Gedichte, und auch auf dem Tahrirplatz sprachen DichterInnen vor Hunderttausenden.

Ich konnte selber erleben, wie das Institut du Monde Arabe in Paris zum Bersten voll war, als einer der grössten zeitgenössischen Dichter überhaupt, Adonis, seine Gedichte vortrug. Poesie ist also beliebt, und fast jedes Kind aus der Pariser Banlieue ruft sich gerne Darwischs Gedicht «Ausweis» in Erinnerung, wenn es gedemütigt wird: «Schreib auf! Ich bin Araber, ich habe einen Namen ohne Titel, ich bin geduldig in einem Land, wo jeder schon vor Zorn entbrannt.»

Vom Sprengen der Sprache

Kurzum, das arabische Gedicht hat im Gegensatz zu unserer Lyrik, die unter dem kulturindustriellen Gattungsmonopol des Romans und Romänchens noch ganz vor die Hunde gehen wird, noch Gewicht und auch politische Visionen. Und so ist das Dach über dem Kopf des armen arabischen Poeten nicht aus hartem Holz, an dem sich unsereiner die Stirn einschlägt, sondern der freie oder nach Freiheit lechzende Himmel!

Aber zugegeben, auch in der arabischen Lyrik regnet es trotz Hitze viel, wie im kanonischen Gedicht «Das Lied vom Regen» von Badr Schakir al-Sayyab: «Weisst du, welche Sorgen der Regen bringt? / Wie die Rohre stöhnen, wenn er sie durchspült? Wie ein Verlassener sich darin verloren fühlt? Endlos wie die Hungersnot, wie vergossenes Blut …» (Darf man hier, trotz aller Empfindlichkeiten, an das Embargo gegen Saddam Hussein erinnern, an dem eine halbe Million irakischer Kinder starben, weil sie medizinisch nicht versorgt werden konnten, während der Diktator trotzdem an der Macht blieb?) Kriege, Hunger, Besatzung, Bürgerkrieg, Repression und Korruption: Dies sind die Themen der arabischen Lyrik, die sich um die ewigen Themen der Trauer, Liebe und Hoffnung erweitern, wie anderswo.

Die arabische Lyrik, deren klassische Variante durch die Poetik von Chalil Ibn Ahmad al-Farahidi (718–791) festgeschrieben wurde, erweiterte sich explosionsartig während des arabischen Nationalismus und Panarabismus. In der Zeit zwischen 1948 – als die PalästinenserInnen die Nakba (arabisch für «Katastrophe») erlitten – und dem Sechstagekrieg 1967 und der Niederlage Gamal Abd en-Nassers haben die DichterInnen radikal ihr Selbstverständnis infrage gestellt – sie haben ihre Sprache, so Adonis, «gesprengt».

Mit dem neuen Inhalt der Dekolonisation kam die neue Form automatisch hinzu: freie Rhythmen, Prosa- und Kurzgedicht und vor allem Einheit des Gedichts vor Einheit des Verses. Souverän wird die Lyrik des Westens in den Korpus integriert und werden Surrealismus, Écriture automatique und Hermetismus rezipiert. Dabei spielten und spielen auch heute noch Literaturzeitschriften im arabischen Raum wie «Schi’r», aber auch anderswo, wie etwa die deutschsprachige Zeitschrift für arabische Literatur «Lisan», die in der Schweiz erscheint, eine Vermittlerrolle, um den «west-östlichen Divan» in Schwung zu halten.

Die leeren Blätter der Geschichte

Auch Adonis’ Gedicht, dessen erste Zeilen im Bild auf Seite 10 auf Arabisch zu erkennen sind, war kein «politisch korrektes» Gedicht, als es 1971 nach dem algerischen Unabhängigkeitskrieg, den Bombenteppichen in Vietnam und der Besetzung der Westbank nach dem Sechstagekrieg geschrieben wurde (und schon gar nicht aus der Perspektive nach 9/11).

Ganz im Gegenteil, es wollte und sollte nie schweigen. Was gesagt werden muss – Besatzung, Unterdrückung und Heuchelei des Westens –, das nannte Adonis unmissverständlich beim Namen in «Ein Grab für New York»: «Die Erde – bis jetzt – wurde als Birne gezeichnet / ich meine, in der Form eines Busens / aber vom Busen zum Grab ist es nur eine List der Technik: / New York / Zivilisation auf allen Vieren, jede Richtung im Geviert ein Mord / und ein Weg dazu / und bis in alle Fernen / die Klagen der Schiffbrüchigen. / New York / eine Frau – Statue einer Frau! / In der einen Hand hält sie einen löchrigen, lumpigen Fetzen Stoff / den die leeren Blätter der Geschichte Freiheit nennen / mit der anderen Hand erwürgt sie / ein Kind namens Erde.»

Hier dichtet einer mit Walt Whitman, dem Begründer der modernen amerikanischen Lyrik, gegen die Schnulze Frank Sinatras (nach Walter Benjamin die Historie der Sieger, die das Leid unterschlägt), zitiert die «leeren Blätter der Geschichte» (nach Hegel das Glück). Aber der Fetzen Stoff verweist auf zwei Bilder, die im Louvre in Paris, der Stadt, wo Adonis bis heute wohnt, als freudscher Versprecher in Weltkonstellation nebeneinander ausgestellt sind: Eugène Delacroix’ «Die Freiheit führt das Volk» (1830), auf dem die Heroin die Fahne des revolutionären Frankreichs in der Hand hält, und das wenige Jahre zuvor entstandene «Floss der Medusa» (1819) von Théodore Guéricault, auf dem ein dunkelhäutiger Schiffbrüchiger ebenfalls einen Fetzen Stoff in der Hand hält vor einer übergrossen Welle, die heranrollt.

Der Pyrrhussieg des Okzidents

Hier sind zwei Versionen der einen Geschichte, der Sieger und der Kolonisierten, ausgestellt. 1830 wird Algerien erobert, im folgenden Jahrhundert setzt New York, die Hauptstadt des 20. Jahrhunderts, die koloniale Tradition von Paris fort. Doch der Triumph einer Frau, Frankreich, und ihrer übermächtigen Statue, Amerika, über die Schiffbrüchigen dieser Welt gerät für Adonis selber zum Pyrrhussieg des Okzidents, ja zur «Seinsvergessenheit» wie für Martin Heidegger, auf den er sich bezieht. Hatte Adonis noch lange an eine Vermittlung zwischen Orient und Okzident geglaubt, in der sich die Kulturen beider um ihr Anderes bereicherten, so rollt im Spätwerk die Weltgeschichte über beider Köpfe hinweg zum seinsgeschichtlichen Clash of Civilizations mit zwei Verlierern.

Das «Gestell» (Heidegger) der Technik überrollt Herr und Knecht. Im kulturverflachenden Licht der Globalisierung erscheinen «Orient» und «Okzident» wie Ruinen: «Der Osten und der Westen sind ein einziges / Grab, aus seiner eigenen Asche gemacht», so lautet das Fazit im Spätwerk von Adonis.

Bis zur Morgendämmerung

«Vater unser in der Staatssicherheit / Wir sind deine Herde, und alle Macht / Sei dir ewig geweiht. / Ewig sei das Reich im Himmel unser / Und der, den du überbewachst, hab ewig Angst.»

Das späte Gedicht «Gebet» des Ägypters Amal Dunqul, der 1983 starb, öffnete der politischen Lyrik dieser Tage das Feld. So unverblümt wie Dunqul war keiner in Ägypten oder Tunesien, denn das Wort war nicht frei. Angesichts der Zensur gab es den Weg in die Abstraktion oder Mythologie. Erst in den letzten Jahren entstand mit der Blog- und Popliteratur eine literarische Strömung, die mit dem, was da ist, aufräumen will. AutorInnen wie die auch bei uns bekannten Ali al-Aswani und Chalid al-Chamissi oder Ahmed Towfik, in dessen düsterer Parodie «Utopia» die Reichen zum Zeitvertreib das Proletariat Ägyptens jagen und erschiessen, mobilisieren den kommenden Aufstand. Die dabei entstehende Literatur – teilweise, wie Dunqul selber empfahl, in Dialekt geschrieben – gewinnt das grosse Publikum.

Da spricht auch die neue Lyrik Klartext: «Kifaya – Jetzt reichts!», wie im Revolutionsgedicht «Panorama des Tahrirplatzes» von Ahmed Mustafa Saeed, das auf dem Tahrirplatz vor Hunderttausenden vorgetragen wurde: «An das Regime / Ihr seid Dummköpfe, habt ihr die Geschichte / der Völker nicht gelesen? Am Anfang war Tunesien / und solange die Dunkelheit herrscht, wird die Hoffnung / unser Weggefährte sein bis zur Ankunft / der Morgendämmerung.»

Für die Übersetzung der Gedichte aus dem Arabischen: Roland Merk, Kathrin Lötscher und Idris Kiwirra. Einige Gedichte stammen aus: «Arabesken der Revolution».

Roland Merk ist Schriftsteller und Redaktor der Zeitschrift für arabische Literatur «Lisan». Von ihm erschienen unlängst in der edition 8 «Wind ohne Namen», Gedichte, sowie als Koautor und Herausgeber «Arabesken der Revolution. Zornige Tage in Tunis und Kairo …», eine Zusammenarbeit mit arabischen SchriftstellerInnen zum Arabischen Frühling.

Im Juli 2012 erscheint im Aufbau-Verlag: Stéphane Hessel: «An die Empörten dieser Erde! Vom Protest zum Handeln», mit Roland Merk als Herausgeber und Gesprächspartner.

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