Nr. 19/2011 vom 12.05.2011

Mit Gülle und Verfassungsartikel

Von Helen Brügger

Am Wochenende haben die WaadtländerInnen das Wort: Sie stimmen über die Endlagerung von Atommüll ab. Zwar ist das Deutschschweizer Mittelland, wo die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) den Schweizer Atommüll in einer Opalinustonschicht verscharren will, weit entfernt. Doch der Bundesrat will wissen, was die Kantone vom Endlagerprojekt der Nagra halten. Und was in den meisten Kantonen Sache der Regierung oder vielleicht noch des Parlaments ist, wird im Kanton Waadt vom Volk entschieden.

Das kam so: Bevor sich die Nagra auf den Opalinuston festgelegt hat, suchte sie im Granit. Etwa im idyllischen Waadtländer Weindorf Ollon am Ausgang des Rhonetals. Das war 1989. Damals rückten die bedächtigen WinzerInnen mit Mistgabeln und Jauchewagen aus und bespritzten die Forscher der Nagra mit dicker brauner Gülle. Seither hat niemand in Ollon je wieder den Zipfel eines Nagra-Kittels gesehen. Sieben Jahre später hat das Bundesamt für Justiz stillschweigend die Enteignungsanträge gestrichen, die die Atomlobby vorsorglich deponiert hatte.

Ollon ist zum Symbol geworden. Wie Verbois im Nachbarkanton Genf, wo in den siebziger Jahren die Industriellen Werke ein Atomkraftwerk bauen wollten, oder Creys-Malville in der französischen Nachbarschaft Genfs, wo 1977 der Aktivist Vital Michalon im Kampf gegen den Schnellen Brüter von einer Handgranate der Polizei getötet wurde.

Der Reaktor von Creys-Malville ist gebaut, aber nie in Betrieb genommen worden. Weder das AKW Verbois noch das Endmülllager Ollon sind gebaut worden. Dafür gibt es jetzt in beiden Kantonen einen Verfassungsartikel. Im Kanton Genf verpflichtet er die Regierung, welcher Couleur auch immer, sich mit allen juristischen und politischen Mitteln gegen Atomenergie zu wehren. Im Kanton Waadt verlangt er, dass jeder Entscheid über Atomenergie vom Volk gefällt werden muss.

Das Waadtländer Nein sei so gut wie sicher, sagt Lausannes Stadtpräsident Daniel Brélaz voraus. Vom grünen Riesen Brélaz heisst es, er täusche sich in seinen Prognosen nie.

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