Nr. 19/2011 vom 12.05.2011

Entgrenzt leben und schaffen

Das Kunsthaus Grenchen zeigt «Lilly Keller – entre ciel et terre», die Einzelausstellung zum immensen Werk einer Künstlerin, die seit sechzig Jahren immer wieder Neues erprobt.

Von Fredi Lerch

Ausstellungshalle des neuen Erweiterungsbaus im Kunsthaus Grenchen: Der Raum ist verstellt mit Gemälden, Glasstelen, «Büchern» und andern Objekten. Über dem Einrichtungsplan brüten Marco Eberle und Jürg Ottiger, die Ausstellungstechniker. Weiter hinten im Raum zwei Frauen, die eine grossformatige Tapisserie durch den Raum ziehen. Während Eva Inversini, die künstlerische Leiterin des Hauses, noch letzte Falten aus dem gewobenen Teppich streicht, steht die Künstlerin schon an der gegenüberliegenden Wand und sagt: «So, dort passts.»

Die Künstlerin, das ist Lilly Keller, schlank, yogageschmeidig, flink auch im Kopf, voller präziser Argumente, polemischer Durchblicke, starker Episoden. Eine Fünfzigjährige mit Jahrgang 1929. Seinerzeit neben Meret Oppenheim eine der prägenden Figuren jener nonkonformistischen Berner Kunstszene der fünfziger und sechziger Jahre, für die heute Namen wie Spoerri, Tinguely, Luginbühl oder Szeemann stehen. Kellers Name fehlt gewöhnlich. Zwar umfasst ihr Werk unterdessen mehr als tausend Nummern, aber sie ist halt bloss eine Künstlerin.

Künstlerinnen waren damals nicht vorgesehen. «Die Männer», sagt Lilly Keller, «haben dich nicht als Kollegin, sondern bloss als attraktives Wesen wahrgenommen. Ging es um Ausstellungen, wurdest du gewöhnlich übergangen.»

«Frau La Roche» unterm Kreuz

Das Argument, dass in jener Berner Kunstszene die Frauen doch immerhin eine Gegenmacht gebildet hätten, bringt Lilly Keller zum Lachen: «Ach was! Nehmen wir Meret Oppenheim zum Beispiel: nie Geld, kein Erfolg bis kurz vor dem Tod, hat bescheiden gelebt in ihrem kleinen Atelier an der Zieglerstrasse. Den Auftrag für ein grosses Wandbild, das sie so gern gemacht hätte, hat sie nie bekommen, bloss für eine kleinere Arbeit im Treppenhaus der damaligen Mädchenschule Monbijou – übrigens neu renoviert, man kann sie besichtigen.»

Nur selbstgewählte Grenzen

«Bei ihrer Beerdigung stand auf dem Wegweiser zur Abdankungshalle auf dem Basler Friedhof Hörnli ‹Frau La Roche›, der Name ihres fast zwanzig Jahre zuvor verstorbenen Ehemanns.» Und während der Abdankung hätten die Überreste von Meret Oppenheim unter einem riesigen, schwarzen Kreuz gestanden. «Ausgerechnet! Meret, die grösste Atheistin!» Und erst die Reden: «Loblieder auf Merets Pelztasse, die sie so oft zum Teufel gewünscht hat. Lauter salbadernde Männer. Grauenhaft!» Nein, wirklich: «Frauenszene? Ich bin mein Leben lang eine Einzelkämpferin gewesen.»

Klar habe es daneben einzelne Männer gegeben, von denen sie habe profitieren können. Einen erwähnt sie: den Kunstmaler Toni Grieb, ihren 2008 verstorbenen Ehemann. «La’s nume gsorget si», habe er jeweils gesagt, sie ins Atelier und ins Ausland gehen lassen und im Haushalt gemacht, was habe gemacht werden müssen.

Lilly Kellers Gesamtwerk ist riesig. Die Einzelausstellung, die jetzt im Grenchner Kunsthaus zu sehen ist, ist deshalb weniger eine umfassende Retrospektive als ein repräsentativer Einblick in alle zentralen Schaffensphasen.

Der Kunstkritiker Konrad Tobler spricht im Zusammenhang mit diesem Werk von einer Kunst der «Entgrenzungen». Tatsächlich hat Lilly Keller immer wieder Grenzen niedergerissen und überschritten: als Frau und als Reisende, die ausser Ostasien alle Kontinente gesehen hat; vor allem aber als Kunstschaffende, die vom amerikanischen Expressionismus herkommend immer weitergegangen ist: von der zweiten in die dritte Dimension, vom Bild zum Objekt, von der Tapisserie zum Environment, vom Metall zum Polyurethan – immer wieder offen für Neues.

Was Lilly Keller ärgert: dass ihr von der Kunstkritik vorgeworfen wurde, ihr Werk könne nicht eingeordnet werden. «Materialsprünge», sagt sie, gebe es in ihrem Werk ungefähr alle zehn Jahre – von Pinsel und Leinwand über das Weben, die «Bücher», die mittels Collage und Malerei zu Kleinskulpturen werden, die Lithografie, das Glas bis zum Kunststoff. «Jede Periode dauert, bis ich anstosse. Ich arbeite mit dem Material so lange, bis es für mich ausgeschöpft ist.»

Inhumane Erniedrigungen erleben

Die Formel «Kunst der Entgrenzung» gefällt ihr: «Der Bürger hat sein Heim, der Kleinbürger sein Gärtchen, der Kleinstbürger sein Schrebergärtchen, und jeder hat eine Grenze mit einem Zäunchen, und wenn’s nur um seine zwei Quadratmeter ist.» Aber auch offenere Menschen seien von Grenzen umgeben: Landesgrenzen, materielle und soziale Grenzen, Grenzen durch Heirat. «Ich habe mich weder an den Kunstmarkt noch an Konventionen anpassen müssen. Insofern konnte ich wirklich entgrenzt leben und schaffen. Ich hatte nie einen Vorgesetzten; die einzige Grenze, die ich jeweils akzeptierte, um sie zu überwinden, gab mir mein freier Wille vor – zum Beispiel, um eine riesige, komplizierte Tapisserie fertigzukriegen.»

Was Lilly Keller von jemandem, der Kunst macht, erwartet, ist nicht politisches Engagement, sondern «eine geistige und ethische Haltung. Von wem sonst könnte man sie verlangen?» Es geht Keller nicht darum, die Welt zu verbessern, sondern um den unbedingten Willen zur grenzenlosen Selbstrealisation. «Solange das Militär mit dem Panzer nicht durch meinen Garten fährt, gibt es keinen Krieg», sagt sie.

Was sie heute einer jungen Künstlerin raten würde? «Vor allem: keine Kunstschule besuchen, dort wird sie bloss zur Marktfrau verzogen. Dafür reisen. Aber so, dass sie sich als eine der Armen unter den Ärmsten erfährt und sich inhumanen Erniedrigungen bewusst wird. Wenn sie zurückkommt und noch etwas zu sagen hat, dann soll sie es sagen. Dann muss sie es tun.»

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