Nr. 22/2011 vom 02.06.2011

Poesie als Zuflucht und Notwehr

Seit Jahren wirtet, verlegt und dichtet Werner Bucher im Appenzellischen. Dieses Jahr sind gleich zwei neue Gedichtbände von ihm erschienen: widerständig und originell wie von jeher.

Von Alexander J. Seiler

Unter den Aussenseitern der gegenwärtigen Schweizer Literatur ist Werner Bucher, geboren 1938, einer der vielseitigsten und tätigsten, man könnte auch sagen: ein Aktivist der Abseitigkeit. Früh kehrte er der Kleinmetropole Zürich den Rücken, pachtete mit seiner Partnerin Irene Bosshart die Wirtschaft Kreuz in Zelg/Wolfhalden im Appenzeller Vorderland und verwandelte sie – ohne das Wirten einzustellen – stetig in eine immer geräumigere Herberge der Literatur. Dort schrieb er ein halbes Dutzend Romane, dort gab er die Zeitschrift «orte» heraus – vor kurzem hat die Nummer 166 den 34. Jahrgang eröffnet –, dort gründete er den gleichnamigen Verlag. Und dort legte er sich mit den lokalen und regionalen Behörden und Machthabern und mit der grossen Mehrheit der Bevölkerung an, als sie dem Autorennfahrer Michael Schumacher den Bau einer Luxusvilla ausserhalb der Bauzone ermöglichen wollten.

«... nicht von diesem Land»

Der Widerstand gegen diese Konspiration hatte Erfolg, und dem «Agitator» Bucher wurde umgehend gezeigt, wo Bartli den Most holt: Bucher und Bosshart mussten Zelg/Wolfhalden verlassen. In Oberegg (AI), noch ein bisschen abgelegener, übernahmen sie die Wirtschaft Rütegg. Zwar wirten sie dort nur drei Tage in der Woche, führen ihre literarischen Aktivitäten aber unbeirrt weiter. Soeben sind im Orte-Verlag die «Rütegger Gedichte» erschienen: Buchers – wenn ich richtig gezählt habe – 16. Gedichtband. Er dokumentiert erneut, dass Buchers literarische Abseitigkeit eine unverrückbare Mitte hat: die Poesie. Indem sie ihm Zuflucht bietet, ermöglicht sie ihm Widerstand, genauer: Notwehr.

Ein erster Teil des Bandes knüpft bruchlos an die Gedichte an, die zu Beginn dieses Jahres unter dem Titel «Spazieren mit dem gelbgrünen Puma» erschienen sind. Dort heisst es: «Ausgelaugt vom Denken, vom Schreiben, vom / Arbeiten und dem vergeblichen Beten siehst du / dem Bauer zu, wie er mit seiner Mähmaschine / gnadenlos das erste Gras enthauptet, nicht / vom Krach gestört wie du. Irgendwo / kräht ein einsamer Hahn, irgendwo / zirpen Vögel, du bist / nicht von diesem Land, darum / stehst du auf, spürst das Blut in dir, das Leben. Ganz / nah wird es dir zufallen, ganz nah.»

Und in den «Rütegger Gedichten» steht: «Wann immer die Sehnsucht und die Morgenlust sich auf dieser Bank begegnen, ver- / schwindet ganz unverhofft der Schnee, das Grün der Wiese sieht uns leicht pflotschig an, dann / freilich reisst das Glück die Wolken auf, und du bist ein wenig wie angekommen, sei’s für ein paar Stunden oder etwas mehr. Nichts / säuselt länger im Wind, nichts verärgert die Bäume dort drüben. Und sobald der Verrat sich auflöst / und deine Seele still zu jubeln beginnt, hat Früheres keine Bedeutung mehr, absolut keine, o ja!»

Das Format sprengen

Schon Werner Buchers erster Gedichtband «Nicht solche Ängste, du ...» (1974) fiel auf durch einen im deutschen Spachgebiet noch kaum bekannten poetischen Gestus. Paul Nizon schrieb damals: «Ich lese diese saloppen, zähneknirschend wuterfüllten, unterschwellig traurigen, dann wieder rabiaten, nebenbei schüchtern schönen Zeilen (...) mit wachsender Beteiligung.»

Im zweiten Teil der «Rütegger Gedichte» geht Bucher in der «Prosaisierung» der Poesie noch einen grossen Schritt weiter und sprengt alle Fesseln des Formats (und der Formatierung). Unwillkürlich und etwas widerwillig wird man nicht nur an Hölderlin erinnert, der in Buchers persönlichem Olymp schon immer einen Spitzenplatz einnahm, sondern auch an Rilkes «Duineser Elegien». Engel werden nicht angerufen, doch «... nie habe ich Alexander den Grossen gemocht, nie Napoleon oder Rommel, der die Wüste gehasst hat. Aneinandergezurrt müssen alle drei fortan dort drüben auf meiner Bank hocken samt anderem Gesindel aus der politischen Welt, dazu ununterbrochen das ferne & nähere Gemuhe von Kühen hören, die in ihre Ställe wollen & nicht ahnen, dass vielleicht schon morgen von uns Menschen gnadenlos erfundene Schlachtmaschinen sie zerteilen werden.»

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