Nr. 03/2015 vom 15.01.2015

Ein junges, brennendes Herz

Von Florian Vetsch

Miriam Spies hält in Mainz den Gonzo-Verlag seit vielen Jahren am Laufen. Im weiten Gebiet der originellen Bücher, die sie verlegt, bepflanzt sie seit kurzem ein neues Feld: die Reihe «Verstreute Gedichte». Die extrem preiswerten Bändchen der Reihe sind zwischen zwölf und sechzehn Seiten stark, geheftet und haben das Format von Postkarten – Kleinodien der Counterculture.

Als Band IV der Reihe ist soeben «Leda» erschienen, ein Langgedicht des 1989 geborenen Luzerners Pablo Haller. Ganz anders als William Butler Yeats’ Zeus lässt Haller seine Leda nicht mit «gleichgültigem Schnabel» fahren. «verlust ist der samen der poesie», schreibt Haller. Sein Gedicht ist eine Elegie in neun Kapiteln, ein Klagelied auf eine Liebe, die durch einen tragischen Unfall – einen Suizid? – endete. Im Wahnsinn der seelischen Verstümmelung lässt das Ich die Vergangenheit Revue passieren. Stationen sind das Emmental, der Balkan – Hallers Leda stammt aus Sarajewo – und Istanbul. Die Liebenden sind ständig auf Achse, eine unaufhörliche Fluchtbewegung fort von der eigenen Vergangenheit treibt sie vorwärts. Dieser Fluchtbewegung entspricht auch ihr exzessiver Alkohol- und Drogenkonsum. Doch «wo kann man hin, wenn man wegmuss?», geht die Frage mehrfach.

Nach dem Tod der Schönen kann der verlassene Geliebte seine Trauer nur zu Papier tragen. Der fürchterlichen Leere, die dieser Tod hinterlässt, verleiht er ekstatischen Ausdruck: «weisst du, dass sterne brennende gänse sind, leda? / krieger-leda, ich möchte deinen toten körper / an einen baum hängen / für die möven, die raben, weiss der geier / wie die tapfersten der alten // leda, kühl wie die erde, die dich verdaut / ich schaffte es nie, satt zu werden / an dir». Ja, hier ist einer nicht satt geworden. Hier ist ein junges brennendes Herz, das schreit und in seinem Schrei Klage und Anklage im Versfluss verbindet. Pablo Hallers «Leda» ist eine würdige Nachfolgerin seines Roadpoems «Südwestwärts 1&2»; das Minibuch belegt eindrücklich, dass die Schweizer Literatur um eine Stimme reicher geworden ist.

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