Nr. 27/2011 vom 07.07.2011

«Wir haben alles so erlebt»

Seit zwanzig Jahren treibt der Bürgerkrieg in Somalia die Menschen in die Flucht. Hunderttausende leben in Lagern im benachbarten Kenia. Christoph Schuler und Andrea Caprez haben das Leben in einem solchen Flüchtlingslager in einer Comicreportage festgehalten.

Interview: Sonja Wenger

WOZ: Sie zeichnen und schreiben für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) einen Comic über ein Lager für somalische Kriegsflüchtlinge: Darf man sich mit einem so schweren Thema überhaupt in dieser Form auseinandersetzen?
Christoph Schuler: Wir machen ja keinen Comic im Sinne einer lustigen Geschichte, sondern eine Comicreportage, also eine journalistische Arbeit, die mit dem Stilmittel des Zeichnens umgesetzt wird. Grundsätzlich bin ich aber der Meinung, dass man über ein Flüchtlingslager durchaus eine absurde, schräge und witzige Geschichte machen könnte. Das hat schon Art Spiegelman mit seinen Büchern «Maus. Die Geschichte eines Überlebenden» zum Thema des Holocaust gut gezeigt. Im Prinzip kann man alles mit Humor angehen. Aber das sehen natürlich nicht alle gleich, meine Ideen in diese Richtung entsprachen nicht ganz den Erwartungen unserer Auftraggeber.

Wie sind Sie denn zu dem Auftrag gekommen, und was für Vorstellungen hatten die Ärzte ohne Grenzen?
Andrea Caprez: MSF hat unseren Verlag Edition Moderne gefragt, wer in der Schweiz für eine Comicreportage infrage kommen könnte, und uns dann letzten Herbst kontaktiert. Wir sollten eine Reportage machen über die Tätigkeiten von MSF im Lager Dagahaley sowie über die Lebensbedingungen der Flüchtlinge und ihre Schicksale.

Schuler: MSF war es wichtig, dass vor allem über die neu angekommenen Flüchtlinge und über das Spital im Flüchtlingslager Dagahaley geschrieben wird.

Und wie erzählen Sie die Geschichte vom Flüchtlingslager Dagahaley?
Schuler: Es ist eine Mischung aus Porträts der Flüchtlinge sowie der MSF-Mitarbeiter und ihrer Tätigkeiten im Lager. Alles, was vorkommt, haben wir so erlebt. Viele Menschen im Lager haben uns gebeten, der Welt zu sagen, wie es ihnen im Lager geht und was in Somalia los ist, damit sich endlich etwas ändert.

Caprez: Im Lager selbst waren wir leider nur etwas über eine Woche. Es wollen einfach zu viele Journalisten dorthin, und die Mitarbeiter von MSF und vom Lager können nicht dauernd für die Presse abgestellt werden, schliesslich wurden wir die ganze Zeit über begleitet – was für uns natürlich sehr nützlich war.

Das heisst, Sie durften sich im Lager gar nicht frei bewegen?
Schuler: Nein. Man kann im Flüchtlingslager nicht einfach allein losmarschieren, auch aus Sicherheitsgründen. In der Vergangenheit hat es offenbar hin und wieder Zwischenfälle mit islamistischen Milizen aus Somalia gegeben, die Grenze ist ja nur etwa hundert Kilometer entfernt. Die Leute von MSF dürfen nach sechs Uhr abends nicht mehr auf die Strasse, egal ob zu Fuss oder mit dem Auto.

Caprez: Neben dem Sicherheitsaspekt sind aber auch die grossen Distanzen mit ein Grund dafür.

Schuler: Das Flüchtlingslager hat eine unvorstellbare Ausdehnung, immerhin leben dort schätzungsweise 120 000 Menschen.

Caprez: Hinzu kommt das Problem der Orientierung …

Schuler: Ja, man braucht jemanden, der sich auskennt. Das Lager ist ein endloses Gewirr aus Gassen und entspricht eher einer mit einfachsten Mitteln gebauten Stadt als dem, was man sich unter einem Lager für Kriegsflüchtlinge vorstellt. Zumindest sind Not, Elend und Verletzte so nicht sichtbar. Die Bewohner von Dagahaley stecken sich jeweils ein Stück Land ab und bauen dann hohe Zäune aus einem bambusähnlichem Material darum. Will man sich einen Überblick über das Lager verschaffen, muss man schon auf einen Wasserturm klettern.

Wie viel freie Hand ist Ihnen bei der Umsetzung dieser Auftragsarbeit noch geblieben?
Schuler: Es handelt sich beim Dagahaley-Projekt weniger um eine Reportage als um eine Auftragsarbeit. MSF hat uns ziemlich genaue Vorgaben gemacht, was im fertigen Werk vorkommen soll. Eine eigentliche Reportage hätte mehr Zeit und mehr freie Hand benötigt.

Caprez: Für mich als Künstler war es vor allem wichtig, mit der Arbeit nicht meinen Marktwert zu zerstören. Denn gerade bei Auftragsarbeiten gibt es die Gefahr, dass Künstler schnell in der Beliebigkeit und dadurch irgendwann in der Bedeutungslosigkeit versinken, wenn sie alles tun, was der Auftraggeber von ihnen erwartet. Aber ich war stilistisch völlig frei.

Was haben Sie während Ihrer Woche im Flüchtlingslager erlebt?
Caprez: Für mich war es eine der intensivsten zeichnerischen Erfahrungen meines Lebens.

Schuler: Auch ich habe in meiner journalistischen Laufbahn noch nie so etwas erlebt. Wir waren ununterbrochen am Schreiben und Zeichnen …

Caprez: … auch, weil wir wussten: Wir sind nur für eine beschränkte Zeit dort, und es ist eine so tragische Situation, ein so wichtiges Projekt, dass wir so viel wie möglich festhalten müssen. Danach sind wir nach Nairobi und noch weiter in einen kleinen Ort am Meer und haben dort während zwölf Tagen quasi in Klausur …

Schuler: … ein Tagebuch gezeichnet und geschrieben, das bereits jetzt auf der Website von MSF Schweiz unter dem Stichwort «Fumetto» publiziert ist.

Caprez: Am Meer haben wir auch das Storyboard erstellt, die Grundstruktur der Geschichte.

Woraus haben Sie diese Energie geschöpft?
Schuler: Mich erinnerten die Leute von MSF daran, wie engagiert wir waren, als wir Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre Untergrundzeitschriften wie das «Stilett» herausgegeben haben. Funken dieses «heiligen Feuers» sind auch auf uns übergesprungen.

Caprez: Das Engagement der MSF-Leute hat uns angesteckt und motiviert. Da herrscht die Haltung: Wir machen etwas Wichtiges und stellen uns gegen die Widrigkeiten der Welt.

Schuler: Und anders als die meisten Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in Kenia sind die MSF-Leute ohne bewaffnete Eskorten aus Uno-Soldaten unterwegs. Das finde ich sehr sympathisch. Die MSF-Autos tragen Aufkleber mit durchgestrichenen Kalaschnikows, um zu zeigen, dass Ärzte ohne Grenzen keine Soldaten transportiert. Aber auch als Hinweis darauf, dass es bei einem Überfall auf eines ihrer Autos keine Waffen zu erbeuten gibt.

Haben Sie im Lager Dagahaley auch mal Probleme bekommen, wenn Sie die Menschen zeichnen oder interviewen wollten?
Schuler: So gut wie nie. Wir haben immer zuerst gefragt, ob wir zeichnen oder fotografieren dürfen, und bei den meisten war die Bereitschaft gross.

Caprez: Es war auch eine Abwechslung für die Leute. So viele von ihnen haben keine Arbeit, keine Perspektive. Sie leiden unter der Langeweile im Lager.

Schuler: Problematisch war manchmal höchstens, dass es relativ schwer war, die Menschen zum Sprechen zu bringen. Besonders die Neuankömmlinge wollten nicht über ihre persönlichen Erlebnisse während der Flucht erzählen und gaben nur pauschale Antworten. Die Älteren und jene, die schon länger im Lager lebten, waren eher dazu bereit.

Gibt es eine Geschichte, die Sie besonders beeindruckt hat?
Schuler: Wir haben einen etwa fünfzehnjährigen Jungen getroffen, der gerade erst im Lager angekommen war. Er war von der Reise noch ganz staubig und sagte zu uns: «Ihr müsst nicht glauben, dass ich gerne so herumlaufe, aber wir haben zu wenig Wasser, um unsere Kleider zu waschen.» Ich fand diesen Appell anrührend. Der Wunsch nach sauberen Kleidern ist ein ebenso normales Bedürfnis der Menschen wie Essen und Trinken. Mir würde es genauso gehen, wenn ich auf der Flucht wäre.

Worunter leiden die Flüchtlinge am meisten?
Schuler: Ganz sicher unter der Hoffnungslosigkeit. Weder dürfen sie das Lager verlassen, noch können sie zurück nach Somalia. Gerade für die jungen Leute ist das eine schreckliche Situation.

Der Bericht über Dagahaley kann ab Ende Juli gelesen werden auf www.msf.ch.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch