Fussball und andere Randsportarten : Mit dem Fussball im Ohr

Nr. 35 -


Anders als in England oder Deutschland, gibt es in Spanien keine Boulevardpresse. Das hat damit zu tun, dass Spanien, als der Boulevardjournalismus in manchen Ländern Europas aufzukommen begann, noch zu wenig alphabetisiert war. Oder anders gesagt: Von der damaligen Zielgruppe für eine einfache Presse konnten viele nicht lesen. Spätere Versuche, hinter den Pyrenäen Boulevardtitel zu etablieren, scheiterten ausnahmslos. Der Rundfunk hatte das Boulevardpublikum längst aufgesogen. Deswegen ist Spanien seit vielen Jahrzehnten ein ausgeprägtes Radioland. Und weil fast alle Spanier und manche Spanierinnen fussballverrückt sind, spielt das Radio seit je eine wichtige Rolle in der Fussballberichterstattung.

Vielstimmige Radioübertragungen ganzer Meisterschaftsspiele gehören in Spanien so selbstverständlich zum Radioprogramm wie bei uns die Mittagsnachrichten. Dabei wird jeweils nicht bloss das laufende Spiel kommentiert, sondern alles, was damit zusammenhängt. Sind mehrere Spiele gleichzeitig angesetzt, gibt es die sogenannten Karussells, in denen das Mikrofon von Stadion zu Stadion wandert. Reporterinnen und Reporter ergänzen oder widersprechen sich, wie es ihnen gerade gefällt. Journalistische Distanz oder Ausgewogenheit sind unbekannt. Die Hörerschaft ist dankbar für jede Meinungsverschiedenheit und jeden emotionalen Ausbruch.

Der Liebe der spanischen Fussballfans zum Radio konnte selbst das ständig wachsende Fussballangebot am Fernsehen nichts anhaben. Unbestreitbarer Vorteil des Radios gegenüber dem TV ist die Möglichkeit, dass man selbst unterwegs ständig auf dem Laufenden bleiben kann. Für unzählige Fussballfans in Spanien endet das Wochenende erst mit der mitternächtlichen Kultsendung «El Larguero» (die Querlatte) der Radiostation Cadena SER, in der Spieler, Trainer und Fachleute die vergangene Runde analysieren.

Doch am letzten Sonntag wurde in spanischen Radiosendern für einmal weniger über Spielzüge geredet als über einen neuen Gebührenstreit. Künftig sollen nämlich Übertragungsrechte für Fussball im Radio, wie bisher erst beim Fernsehen üblich, für teures Geld gehandelt werden. Radiosender, die künftig über Fussball berichten wollen, sollen gehörig zur Kasse gebeten werden. Es darf uns nicht überraschen, dass die Radioleute in ihren Sendungen nicht sehr positiv über diese Entwicklung zu berichten wussten. Der Fussball gehöre allen, Fussball am Radio sei immer kostenlos gewesen, und die allgegenwärtige Vermarktung des Sports dürfe diesen Bereich nicht auch noch erfassen, das waren, grob zusammengefasst, die Argumente.

Das Gespräch verlief einigermassen geordnet. Doch als ein Statement von Pepe Guardiola, dem Trainer des FC Barcelona, eingespielt wurde, platzte einem Reporter der Kragen. Guardiola zeigte Verständnis für die Vermarktungsfirmen und sagte, die grossen Stars, die uns den Fussball lieben lassen, seien halt teuer, und deswegen brauche es immer wieder neue Einnahmequellen.

«Was sagt Guardiola?», fragte der betreffende Reporter, um dann gleich selbst zu antworten: «Guardiola sagt, das Radio soll seine Startruppe bezahlen. Aber das Radio sind wir alle. Das Radio ist ganz Fussballspanien. Unser Land hat den Fussball in den Ohren. Wenn Guardiola uns den freien Radiozugang zu den Spielen streitig macht, dann hat er keine Ahnung von Fussball, also vom Radio, was ohnehin dasselbe ist, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, wir haben alles über Puskas und Di Stefano gewusst, bevor wir sie je gesehen haben, dank dem Radio gibt es den Fussball überhaupt. Wer das nicht versteht, soll nun meinetwegen schlafen gehen, für alle andern geht es auf diesem Sender weiter mit der Analyse von Real Zaragoza gegen Real Madrid.» Dann lachte der Reporter, aber es war ein ernstes Lachen.

Als Pedro Lenz ein kleiner Junge war, kannte er die damaligen Schweizer Fussballstars Köbi Kuhn und Karli Odermatt nur durch die Ohren.