Nr. 04/2012 vom 26.01.2012

Die Herkunft der Bösen

Pedro Lenz über ein literarisches Muster, das im Fussball angekommen ist

Seit dem Mittelalter gehört die Figur des portugiesischen Bösewichts zu den Grundbausteinen der spanischen Literatur. Der böse Portugiese ist in spanischen Romanen gleichsam ein Topos. Selbst Nobelpreisträger wie Camilo José Cela oder zeitgenössische Autoren wie Arturo Pérez-Reverte lassen in ihren Werken gerne den einen oder andern Portugiesen sein Unwesen treiben. Die spanische Leserschaft weiss jeweils, dass sich jeder Portugiese im Lauf der Geschichte als Lump entpuppen wird.

Aus heutiger Sicht erscheint uns diese Gleichsetzung des Portugiesen mit dem Bösen vielleicht anachronistisch oder rassistisch. Gleichzeitig gilt es jedoch zu verstehen, dass es sich dabei um ein über Jahrhunderte gewachsenes literarisches Grundmuster handelt, ähnlich dem der bösen Stiefmutter in manchen Märchen der Gebrüder Grimm.

Spätestens seit letzter Woche, genauer gesagt seit dem Hinspiel des Viertelfinals im spanischen Fussballcup zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona, beginnt nun der Fussball, in die Literatur überzugreifen. Die Szene, in der Pepe, der portugiesische Verteidiger von Real Madrid, dem am Boden liegenden Weltfussballer des FC Barcelona, Lionel Messi, absichtlich auf die Hand tritt, ist um die Welt gegangen. Dass dieser Pepe, der mit richtigem Namen Képler Laveran Lima Ferreira heisst, das Zeug zum Bösewicht hat, ist unbestreitbar. Dass er unmittelbar nach besagtem Spiel von seinem Trainer und Landsmann José Mourinho in Schutz genommen wurde, passt ebenfalls zum literarischen Vorurteil.

Seit diesem Vorfall gleicht sich die spanische Sportberichterstattung der literarischen Tradition an. Real Madrid wird nun als Klub dargestellt, in dem die bösen Portugiesen Stil und Anstand vermissen lassen. Einzelne Kommentare gehen noch weiter: Seit ein Portugiese die Geschicke des Traditionsvereins leite, habe Real Madrid sein Ansehen in der Welt eingebüsst, beklagte neulich die Real-Legende Alfredo Di Stéfano. Mit seiner unflätigen Art und seiner Manie, die Schuld für Niederlagen immer bei den Schiedsrichtern zu suchen, missachte Mourinho sämtliche ungeschriebenen Verhaltensnormen des Klubs aufs Schändlichste.

Als würde das alles nicht genügen, scheint es nun innerhalb der Mannschaft zu ernsthaften Differenzen zwischen portugiesischen und spanischen Spielern gekommen zu sein. Die Fraktion der Portugiesen, zu denen die portugiesischsprechenden Brasilianer einfach hinzugezählt werden, umfasst ein halbes Dutzend Spieler und ist damit ungefähr gleich gross wie diejenige der Spanier. Zufällig gehören zu den Spaniern bei Real Madrid mit Iker Casillas und Xabi Alonso zwei der beliebtesten Fussballer im Land. Von beiden heisst es, sie seien skandalfrei, hochanständig, untätowiert, höflich und wohlerzogen, was das Gefälle zwischen Bösen und Guten noch augenfälliger macht.

Spaniens KulturskeptikerInnen, die lange schon befürchtet haben, der Sport werde die schönen Künste irgendwann verdrängen und ablösen, können nun erleichtert aufatmen. Selbstverständlich hat der Profifussball auf der ganzen Welt in den letzten Jahren eine beinahe unvorstellbare Bedeutung erlangt. Dennoch gibt es zumindest in Spanien ab sofort keinen Grund mehr, sich Sorgen um die Literatur zu machen. Auch wenn die breite Masse der Bevölkerung viel lieber zum Fussball als ins Theater geht, bleibt diese Masse den literarischen Traditionen unbewusst treu. Jedes Fussballspiel ist ein literarisches Werk mit einem mehr oder weniger ausgeklügelten Plot und einem mehr oder weniger geglückten Spannungsbogen. Und wie in einem Roman oder in einem Theaterstück gibt es beim Fussball gute und böse Figuren. Zu Beginn kann niemand wissen, wie die Geschichte ausgehen wird. Sicher ist wenigstens eines: Die Portugiesen sind immer die Bösen.

Einer der Lieblingsfussballer von Pedro Lenz ist die portugiesische Stürmerlegende Eusébio.

Der Schriftsteller hält in den kommenden Tagen mehrere Lesungen in: 
Lavin, Bistro Bahnhof, Fr, 27. Januar; 
Arlesheim, Tadl-Theater, Sa, 28. Januar; 
Biel, Théâtre de Poche, Fr, 3. Februar.

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