Nr. 39/2011 vom 29.09.2011

Autokunde in der Schule?

Von Marcel Hänggi

Wie muss die Weltwirtschaft im Jahr 2050 aussehen, wenn wir ohne ökologischen und ökonomischen Crash davonkommen wollen? Einer der prominentesten unter den zahlreichen AutorInnen, die diese Frage beantworten wollen, ist Jeremy Rifkin, der auch schon das Wasserstoffzeitalter, das «Access»-Zeitalter (Zugangsrechte lösen Eigentum ab) und das Zeitalter der Empathie ausgerufen hat. Nun verkündet er die «dritte industrielle Revolution» («DIR»). Sie werde die Gesellschaft der zweiten industriellen Revolution ablösen, die vor allem auf Erdöl gebaut war.

Da Rifkin Soziologe ist, hat er die Gesellschaft als Ganzes im Auge, und das ist schon einmal gut, verstehen doch allzu viele die «Energierevolution» als rein technische Angelegenheit. «Jeden Aspekt unseres Lebens», schreibt er, werde die DIR «fundamental verändern». Auch gut. «Dezentral», «intelligent» und «demokratisch» solle die Technik der Zukunft sein und mit ihr die Machtstrukturen. Nochmals gut.

Aber was Rifkin dann bietet, ist ein weiterer trauriger Beleg für die Oberflächlichkeit vieler mediengewandter «Revolutionäre». In künftigen Schulen müssten Lehrer den Schülern vermitteln, dass die Entscheidung, welches Auto sie fahren, einen Einfluss auf die Umwelt habe. Nicht ob, nur welches: Mehr Fantasie bringt Rifkin dann doch nicht auf, sich die «fundamental andere» Zukunft vorzustellen. Das Wirken der DIR sieht er, immer auf dem neuesten Stand, in den arabischen Revolutionen, wo doch die Facebookgeneration die Erdölregimes besiegt habe. Dass weder Mubarak noch Ben Ali ihre Macht auf Erdöl gebaut hatten, übersieht er grosszügig – da ist ihm alles irgendwie Arabien, alles irgendwie Ölscheich. Im Internet will er die neue, nicht hierarchische Wirtschaftsform erkennen – und übersieht die neuen Monopolstrukturen um Google und Co.

Rifkin ist ein Schnelldenker, ein Schluderi. Eigentlich schade: Zwei, drei gute Ideen stecken da durchaus drin. Aber da mag man ihm schon nicht mehr folgen.

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