Nr. 25/2010 vom 24.06.2010

Revolutionär wäre anders

Mit Effizienzsteigerung ists nicht getan.

Von Marcel Hänggi

An Neuerscheinungen, die einen Kurswechsel in Sachen Energie anmahnen, besteht kein Mangel. Dass dabei mit grossen Worten hantiert wird, ist auch nicht neu. Wenn «Energierevolution» von Peter Hennicke und Susanne Bodach besondere Hoffnungen weckt, so vor allem deshalb, weil es aus dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie kommt – einem Institut, das gute Arbeit leistet und einen politisch bewussten Umweltbegriff pflegt.

Umso grösser die Enttäuschung. Was das Buch interessanter macht als andere, ist, dass es den Entwicklungsländern besonderes Augenmerk widmet. Das wars dann aber schon mit der Originalität.

Ohne Wohlstandseinbussen?

Die Autorinnnen fordern schon im Untertitel eine «Effizienzsteigerung». Das ist so revolutionär, als hätte man 1789 in Frankreich gefordert, der Adel solle das Volk effizienter ausbeuten. Die 2000-Watt-Gesellschaft, also eine Drittelung des westeuropäischen Pro-Kopf-Verbrauchs, lasse sich «ohne Einbussen von Wohlstand» erreichen, indem die Energieeffizienz gesteigert werde. Die Aussage ist falsch, weil sie ignoriert, dass mehr Effizienz immer auch zu einer Erhöhung der Nachfrage nach Energiedienstleistungen führt (die Energieökonomie spricht von «Rebound»). Aber selbst wenn die Aussage richtig wäre, wäre der vorgeschlagene Weg doch das Gegenteil von revolutionär: zwei Drittel weniger verbrauchen, indem wir es dreimal so effizient tun, heisst: keine Änderung von Verbrauchsmustern; gleich viel produzieren; gleich viel in der Gegend herumkarren (mit weniger CO2-Emissionen, aber gleich vielen Unfalltoten) ... Die Chance, «Wohlstand» anders zu verstehen denn als Synonym der Wirtschaftsleistung, wird hier verpasst.

Als zentral erachtet das Autorenpaar, die «externen Kosten» der Energiewirtschaft – Kosten, die bei der Allgemeinheit statt beim Verursacher anfallen – zu «internalisieren». Geschähe das, «wäre die erneuerbare Stromproduktion längst wettbewerbsfähig». Doch hier werden Gestehungskosten aufseiten der erneuerbaren Energien mit Marktpreisen aufseiten der herkömmlichen Stromerzeugung verglichen. Vergleicht man Gestehungskosten mit Gestehungskosten, liegt die Wettbewerbsfähigkeit der erneuerbaren leider in weiter Ferne.

Vor allem aber bleibt das Buch mit der Rede von den externen Kosten auf dem Boden der ökonomischen Orthodoxie. Dort gelten externe Kosten als «Marktversagen». Das sagt man so, und es klingt plausibel – aber es ist eine Apologie des Marktes. Denn externe Kosten sind kein Marktversagen, sie sind normales Marktfunktionieren. Nur wer glaubt, dass der Markt – wäre er denn perfekt – immer zum besten Resultat führt, muss die Schattenseiten des Marktes als dessen «Versagen» apostrophieren.

Externe Kosten kann man nur internalisieren, wenn man sie kennt. Dazu braucht man Kosten-Nutzen-Analysen, ein Lieblingsspielzeug der neoklassischen Ökonomie. Solche Analysen verrechnen so verschiedene Dinge wie Arbeitsplätze, Menschenleben und den Erhalt einer Vogelart, die schön singt, miteinander. Natürlich beansprucht eine Ökonomie, die alles nur ökonomisch sieht, auch die Deutungshoheit über den Wert eines Vogelgesangs. Doch solche Werte lassen sich allenfalls politisch bestimmen. Wer auf scheinbar wissenschaftlich-objektive Kosten-Nutzen-Analysen setzt, entpolitisiert die Debatte.

Symptomatisch für die Debatte

Ausserdem führt der Ansatz bestenfalls zu sogenannt schwacher Nachhaltigkeit: Es würde sich dann immer noch lohnen, die Umwelt zu schädigen, wenn dabei nur ein Gewinn herausschauen würde, der höher wäre als die berechneten Umweltkosten.

Alternative Denkansätze zu Effizienzsteigerung und Kosteninternalisierung existieren. Leider ist das Buch, wenn es diese ignoriert, symptomatisch für die gegenwärtige Debatte. Revolution täte da durchaus not.

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