Nr. 39/2011 vom 29.09.2011

Aus der Asche der Kultur auf zu neuen Taten

«Alle sozialen Emanzipations- oder Befreiungsbewegungen waren oder sind zugleich Kulturbewegungen» – diese Beobachtung bildet den Ausgangspunkt für das neue Buch des Philosophen Wolfgang Fritz Haug.

Von Thomas Barfuss

Wenn Lady Gaga ihrem Publikum ein Stück «Shit» verkauft (so der Name eines aktuellen Tracks), macht das den Kauf dieser CD bereits zu einer Form von Protest gegen den Konsumismus? Allgemeiner gewendet: Machen der Eigensinn der Fans und die selbsttätigen Kaufentscheide der KonsumentInnen aus der kommerziellen Kultur einen Ort freier Selbstverwirklichung?

Eine Interpretation, die im Einzelfall plausibel sein mag, trägt für den Berliner Philosophen Wolfgang Fritz Haug insgesamt Züge einer «affirmativen Wende der Kulturforschung unterm Neoliberalismus» – nämlich dann, wenn die angebliche Parteinahme fürs Publikum mit einer Abstumpfung kritischer Begriffe erkauft ist. In seinem neusten Buch «Die kulturelle Unterscheidung» kommt Haug zum Fazit, dass man sich vielerorts – allen radikalen Absichtserklärungen zum Trotz – mit den gegebenen Verhältnissen abgefunden und eine kritische theoretische Grundlage aufgegeben habe. Dieses Fazit ist die Bilanz einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit der Politik des Kulturellen. So versammelt sein neues Buch auch ältere Aufsätze, etwa zu Antonio Gramsci oder zur Jeanskultur, und widersetzt sich damit dem warenästhetischen Gebot, immer ganz neu vom Himmel zu fallen.

Das Kulturelle und die Kultur

Der zeitgenössischen Kulturkritik fehlt es nach Haug gerade am Elementarsten: nämlich an einem differenzierenden Verständnis von Kultur, das es erlaubte, Kommerz, Ideologie und Selbstbestimmung nahe beieinander zu denken, ohne das eine im anderen aufgehen zu lassen. Natürlich gibt es einen Grund für die vorherrschende Unschärfe: Kultur ist notorisch vieldeutig, sie ist Dienerin vieler Herren, kann Prestige von oben ebenso heissen wie Selbstermächtigung von unten.

Aber wo verlaufen die Grenzen? Zur Schärfung der kulturellen Urteilskraft unterscheidet Wolfgang Fritz Haug «das Kulturelle» als «flüssiges und allgegenwärtiges Moment menschlicher Lebenspraxis» vom fertigen Phänomen der «Kultur», das stets Teil von Machtentfaltung und Kommerz ist. Was sich also im Supermarkt der Lebensstile als Unterscheidung zwischen Coca und Pepsi darstellt, wäre demnach in Wirklichkeit Teil eines viel übergreifenderen Vorgangs des Wählens, Verwerfens und Veränderns, der im Alltag wie beim Feiern, bei der Arbeit wie im Zusammenleben wirksam ist.

Dieses eigensinnige selbstzweckhafte Handeln, wovon das Kommerzielle bloss eine eigennützige Inszenierung darstellt, verdankt sich nach Haug dem Umstand, dass der Mensch weder durch Instinkte noch durch seine Körperorgane eindeutig festgelegt ist. Vielmehr arbeitet Haug ein «kulturschöpferisches Element» heraus. Dabei geht dieses Kulturelle nie restlos in der Kultur auf, sondern setzt die herrschaftlich geronnenen Verhältnisse stets in Bewegung: Mögen auch alle gesellschaftlichen Mächte dem Kulturellen nachstellen, um es immer wieder warenästhetisch oder ideologisch in Dienst zu nehmen, mag das Kulturelle auch immer wieder erstarren und an «die Kultur» sich verlieren – so ist doch stets mit ihm zu rechnen «wie man mit der Glut in der Asche rechnet, um das Feuer der Tätigkeit erneut anzufachen».

Produktive Unruhe

Aber natürlich kann ich mich auch durchaus selbsttätig in den herrschenden Verhältnissen bequem einrichten und den Zynismus kultivieren. Ich kann das warenästhetisch perfekt durchgestlyte Stück «Scheisse» von Lady Gaga dafür benutzen, mich ins gesellschaftliche Bewusstsein eines Dreijährigen zurückzuversetzen. Was für einen Gebrauch die Einzelnen und die Gesellschaft von der bewegenden Kraft des Kulturellen machen, lässt sich nicht vorhersagen. Hingegen lässt sich benennen, was Haugs «philosophische Grundlegung der Kulturtheorie» begrifflich leistet: Sie erzeugt eine produktive Unruhe, die darauf orientiert, nicht bei der herrschaftlich verfestigten Kultur stehen zu bleiben, sondern darin stets die Keime eines anderen möglichen Zusammenlebens zu unterscheiden.

Dieselbe Unterscheidung zwischen Kultur und Kulturellem lässt sich in berührender Weise auch hinter einem Exkurs zu einem Kaufmannsporträt des Malers Hans Holbein von 1532 wieder erkennen. Wenn Wolfgang Fritz Haug über den seinerzeit erfolgreichen Kaufmann Georg Gisze aus London schreibt: «Er scheint selbstbewusst, doch nicht selbstzufrieden, entspannt und doch wachsam, in sich ruhend und doch mit einem Anflug von Einsamkeit und Kälteerfahrung», so wird man darin vielleicht auch den Autor selbst wiedererkennen dürfen.

«Gleichsam mit links»

Als marxistischer Philosophiedozent an der Freien Universität Berlin bis 2001 ist Wolfgang Fritz Haug die Notwendigkeit, sich in seiner Stellung zu behaupten, gewiss nicht fremd geblieben. Mit dem Bürger von anno dazumal, der «sich und seinesgleichen so selbstverständlich im Aufstieg» erfährt, kommt der unerbittliche Kritiker spätkapitalistischer Verhältnisse, der kürzlich seinen 75. Geburtstag feiern konnte, dort überein, wo jeder «den geschichtlichen Tag für sich so einzurichten vermag, dass er die Distinktionskultur gleichsam mit links beherrscht und gleichwohl sich in seiner kulturellen Unterscheidung zuletzt selbst verwirklicht».

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