Nr. 38/2012 vom 20.09.2012

Wenn das Kapital Arbeit sucht

Grundsätzlich im Zugriff, präzis im Detail: Das jüngste Buch des marxistischen Philosophen Wolfgang Fritz Haug beschäftigt sich mit dem Finanzcrash, der Spekulation und dem Fall der Profitrate, mit Chimerika, Obama und den Grenzen des Kapitalismus.

Von Stefan Howald

Transnationaler Hightech-Kapitalismus. So nennt der Berliner Philosoph Wolfgang Fritz Haug die gegenwärtige global dominierende Produktionsweise. Die Wortschöpfung ist weder besonders schön noch eingängig, aber sie hält drei Dinge fest: Erstens dominieren heutzutage wirtschaftliche und politische Strukturen, die über Länder und Nationen hinausgreifen. Zweitens werden die gegenwärtigen Gesellschaften durch die hochtechnologischen Produktivkräfte geprägt. Drittens, eine Banalität, die keine ist: Wir leben immer noch im Kapitalismus. Ausdrücklich wendet sich Haug gegen den Begriff Finanzkapitalismus, weil der ein einziges Element der Gegenwart herausgreife und analytisch zu wenig tief gehe.

Das sind nicht bloss Wortklaubereien: Haug greift vorherrschende Erzählungen auf und führt vor, was in ihnen steckt. Das ist nicht immer ganz einfach zu lesen, aber ein wenig Ausdauer lohnt sich.

Fiktive Gewinne, reale Verluste

Zurzeit steckt der transnationale Hightech-Kapitalismus in der grossen Krise. Nicht einfach in einer der zyklischen Verwertungskrisen der letzten Jahrzehnte, sondern in einer strukturellen Krise, die von der Wirtschaft ausgehend die ganze Gesellschaft erfasst. Entsprechend handelt das Buch in zwei Teilen von den beiden Polen der Finanzkrise und der Hegemonialkrise.

Der Verlauf der Finanzmarktkrise ist mittlerweile bekannt. Subprime-Hypotheken in den USA, Beschleunigung und Entkoppelung der Finanztransaktionen, aufgeblähte Finanzmärkte, bis hin zu deren Zusammenbruch, der zur Verschuldungskrise der Staaten umgebogen worden ist. Aber was ist da, marxistisch gesehen, wirklich passiert?

Hinter dem Finanzcrash steckt eine Überakkumulationskrise. Riesige Kapitalsummen wurden nicht eingesetzt, weil die Anlagemöglichkeiten in der Wirtschaft zu geringe Profite versprachen; die produktiven Investitionen sanken, während ein – langfristig illusionärer – Aufschwung durch den Finanzmarkt gesucht wurde. Diese Überakkumulation von Kapital wiederum ist Resultat eines tendenziellen Falls der Profitrate: In allen Produktionsprozessen steckt immer mehr bereits vergegenständlichte Arbeit in Form von Maschinen und immer weniger lebendige Arbeitskraft – und da nur Letztere Profite ermöglicht, sinkt der Anteil der Profite am gesamten Kapitaleinsatz.

Lassen sich heutige Entwicklungen mit einem Konzept erklären, das Karl Marx vor über 150 Jahren eingeführt hat, und wird diese Erklärung nicht widerlegt durch die obszönen Summen, die gegenwärtig mit Finanzgeschäften verdient werden? Haug argumentiert differenziert, geht ausführlich auf die Rolle der Spekulation, von Krediten und Finanzinstrumenten ein. Der Fall der Profitrate ist eine langfristige Tendenz, die kurzfristig auch umgekehrt werden kann. Und die auf dem Finanzmarkt generierten Gelder sind eine Zeit lang real – sofern sie vor dem Crash noch in Waren umgesetzt werden können –, gehen aber auf Kosten anderer Bereiche, sowohl des real gesunkenen Lohnanteils als auch der Investitionen.

Haug moniert deshalb: «Nicht nur die neoklassische Orthodoxie, auch viele neokeynesianische Kritiker neigen dazu, die Augen davor zu verschliessen, dass das Grundproblem eines der ‹Realwirtschaft› ist.» Den Begriff «Realwirtschaft» verwendet er mit Vorsicht, weil er gefährliche Assoziationen weckt (die Nazis unterschieden zwischen «schaffendem» und «raffendem» Kapital) und weil er «reale» Funktionen der Finanzmärkte als virtuell abzuqualifizieren droht. Auch bei einem aufgeblähten Finanzmarkt müssen materielle Waren produziert werden und muss das Kapital Anlagemöglichkeiten in der Realwirtschaft suchen.

Tanz um China

Die Finanzkrise geht einher mit einer Hegemonialkrise. Hegemonie ist als Schlüsselbegriff zuerst vom italienischen Marxisten Antonio Gramsci ausgearbeitet worden und meint die Verbindung von Zwang (durch Militär und Politik) und Führung (in der Zivilgesellschaft). Die ein halbes Jahrhundert währende Hegemonie der USA ist seit einiger Zeit in die Krise geraten. Eine neue Welt mit verschiedenen Machtzentren ist im Werden.

Haug spricht einerseits von einem transnationalen Imperium und meint damit die grundlegenden Rahmenbedingungen für eine möglichst reibungslose Kapitalverwertung, die durch Multis und Organisationen wie die Weltbank oder die WTO sowie die wirtschaftlich mächtigsten Regierungen garantiert werden. Andererseits versuchen die USA krampfhaft, ihre Position herkömmlich imperialistisch mit wirtschaftlichem Druck oder militärischem Einsatz etwa im Irak oder in Afghanistan zu verteidigen. Haug rekonstruiert die entsprechenden Auseinandersetzungen in den Vereinigten Staaten, auch den Versuch von Barack Obama, eine «kompromissfähige» Hegemonie herzustellen.

Besonders spannend sind die Kapitel zu «Chimerika», zur komplementären und zugleich gegensätzlichen Beziehung zwischen den USA und China. Zwei Jahrzehnte lang diente China als neues Investitionsgebiet und zur Kapitalakkumulation insbesondere für US-amerikanische Firmen. Mittlerweile ist die Dominanz der USA durch deren Verschuldung in eine komplexe gegenseitige Abhängigkeit umgeschlagen. Und dass China ursprünglich auf die Rolle als Produzent billiger Massenware reduziert werden sollte, hat im Westen zur Desindustrialisierung geführt, die in der Finanzkrise schmerzhaft spürbar wird. Umgekehrt werden in China gegenwärtig weltweit die meisten Arbeitskämpfe ausgetragen; die Löhne sind gestiegen, sodass einzelne westliche, aber auch chinesische Firmen ihre Produktion bereits in andere Länder wie Vietnam oder Indonesien auslagern.

Wider den kapitalistischen Bannfluch

Der transnationale Hightech-Kapitalismus braucht und sucht einen neuen Akkumulationszyklus. Er könnte ihn in ökologischer Umrüstung und Cleantech-Industrien finden. Dazu – und als Weg über den Kapitalismus hinaus – braucht es laut Haug die Abkehr vom Wachstumsdogma und einen entsprechenden Kulturwandel, das Aufbrechen des «kapitalistischen Banns» der Produktion, eine richtige Mischung «öffentlicher und privater Produktionsweisen», von Markt, Staat und Gesellschaft. Das sind nicht ganz unbekannte Stichworte. Immerhin, die fundierte Kritik und Analyse machen sie plausibler.

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