Nr. 43/2011 vom 27.10.2011

Nichts für Blumenkinder

Carl Weissner legt nach: Auf den abgedrehten E-Mail-Roman «Manhattan Muffdiver» folgt ein weiteres New-York-Buch: «Die Abenteuer von Trashman», ein «Nachtjournal» aus dem revolutionären 1968. Damals lebte der deutsche Untergrundautor Weissner (*1940) von einem Übersetzerstipendium in den USA. Der Titel nimmt Bezug auf einen «100% abseitigen Comicstrip: Trash – Schwarzer, aber kein Black-Power-Typ – ist ein vollgeknallter Brocken von einem Kerl mit klobigen Stiefeln an den Füssen (…). Nicht unbedingt eine Identifikationsfigur für die Blumenkinder.» Trashmanlike räumt denn auch Weissner mit Romantizismen auf, die 1968 in der Luft liegen. So sehr, dass ihm Allen Ginsberg empfohlen haben soll, sich eine weniger zynische Weltsicht zuzulegen: «Aber die Zustände, hier und anderswo, machen es mir schwer.»

Carl Weissner beobachtet den Müllstreik in Manhattan, lässt GIs unglaubliche Grausamkeiten aus dem Vietnamkrieg berichten, hinterfragt Erklärungsmodelle für die Ermordung von Martin Luther King, denunziert Deutschland als nazistisch unterminierten Beamtenstaat oder brandmarkt die US-Regierung als «verwahrlost bis ins Knochenmark». In authentischen Blitzlichtern schildert er den dreckigen Alltag der Junkie-Bohème und die Produktionsbedingungen im Untergrund. Weissner erzählt in einem punkigen Episodenstil und streut intensiv Cut-up-Sprengsel seines Romanprojekts «The Braille Film» sowie verblüffende Erotika in sein Tagebuch: «Eigentlich will ich einen permanenten Zustand des Overload erzeugen, so dass man dauernd angespannt ist und denkt, jeden Augenblick fliegt die Sicherung raus.»

Von dieser Haltung sind Weissners wilde Vigilien durchtränkt; sie setzen sich aus haarsträubenden Fakten und radikalen Fiktionalisierungen zusammen, hammerstark und messerscharf. Florian Vetsch

Carl Weissner liest am Mi, 2. November, 20 Uhr, im Treibhaus in Luzern und am Do, 3. November, 20 Uhr, in der Roten Fabrik in Zürich.

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