Nr. 35/2013 vom 29.08.2013

Neues und Verschollenes

Von Florian Vetsch

Carl Weissners Beitrag zur deutschen Literaturgeschichte ist noch auszuloten. Irgendwo an der Schnittstelle zwischen Dada, Surrealismus, Beat, Punk, Underground und Cross Culture positionierte er seine vielfältigen Arbeiten. Ein Meilenstein zu ihrer Erschliessung liegt jetzt vor: der Doppelband «Eine andere Liga», bestehend aus dem Roman «Der Tod in Paris» und «Stories, bei denen man auf die Knie geht und vor Glück in die Fussmatte beisst».

Carl Weissner – 1940 in Karlsruhe geboren, 2012 in Mannheim gestorben – verfasste den Roman «Death in Paris» auf Englisch und stellte ihn 2009 bei realitystudio.org ins Internet. Darin erzählt er in wahnwitzigen perspektivischen Brechungen die Geschichte von dem kalt- und heissblütigen Mörder und Schriftsteller «Alain Laurin alias Gerald Lake alias GL23».

Dem Vorwurf moralischer Unzulänglichkeit beugte der Autor mit den letzten zwei Sätzen seines Buchs vor: «He has pled innocent, which of course he is. This is Hollywood and he is the King of Siam» (Er hat auf unschuldig plädiert, was er natürlich auch ist. Das ist Hollywood, und er ist der König von Siam).

Vor «Manhattan Muffdiver» (2010) und «Die Abenteuer von Trashman» (2011) eröffnete dieser «Structuralist Death Metal Pulp» die Triade von Weissners späten (Anti-)Romanen.

Nun wurde «Der Tod in Paris» virtuos von Walter Hartmann eingedeutscht. Das haarsträubende Teil könnte als Gegenstück zu Thomas Manns «Der Tod in Venedig» manch vergleichende Studie provozieren. Weissner wurde als Übersetzer von Charles Bukowski, William S. Burroughs, Allen Ginsberg, Bob Dylan, Frank Zappa und anderen bekannt, doch früh hatte er eine eigene avantgardistische Schreibe entwickelt, die methodisch an der 1959 von Brion Gysin erfundenen Cut-up-Technik entbrannt war. Seine harten Schnitttexte erschienen ab den sechziger Jahren weltweit in verstreuten Untergrundmagazinen. «Eine andere Liga» holt eine treffliche Auswahl derselben aus ihrer Verschollenheit.

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