Nr. 43/2011 vom 27.10.2011

Walter Stürm, Gaddafi und die Reka-Checks

Dreissig Jahre, das ist ja noch kein Alter, aber einige hübsche Anekdoten und gerne kolportierte Gerüchte über die WOZ sind schon zusammengekommen. Eine kleine Auswahl.

Die WOZ führt eine Geschlechterquote ein

Was ein fortschrittlicher linker Betrieb ist, setzt nicht nur in Sachen Lohn auf Gleichheit, sondern auch punkto Geschlecht. Logisch, eigentlich. Doch als die WOZ Ende der achtziger Jahre die Quotenfrage aufwarf, taten sich Abgründe auf. Zuerst die Tatsache: Damals arbeiteten nicht nur weniger Frauen als Männer im Kollektiv, sie verfügten auch über kleinere Arbeitspensen. Wie auch zu anderen Themen zog man sich in Klausur zurück. Vielleicht war schon das ein Fehler – eine damalige Redaktorin erinnert sich mit Schaudern an solche Retraiten: «Meist fanden die an total abgelegenen Orten statt, und oftmals gabs zu wenig zu futtern. Einmal haben wir nachts aus purer Verzweiflung die Speisekammer geplündert.»

Eine ganz andere Art von Schauder überkam jenen männlichen Redaktor, der im Verlauf der Diskussion rund um die Quotenfrage plötzlich in Paranoia verfiel und fluchtartig die Szenerie verliess. Wie sich später herausstellte, war er zur Überzeugung gelangt, die Entlassung aller Männer stünde unmittelbar bevor. Dabei ging es im Kern darum, inskünftig Stellen nur noch für Frauen auszuschreiben, bis die Geschlechterparität erreicht sei.

Überhaupt brachte die Klausur zutage, dass das WOZ-Kollektiv damals in Sachen Gleichheit zwischen den Geschlechtern noch nicht zum Vorbild taugte. So sollen sich einzelne Frauen gegen Quoten gewehrt haben, da mehr Frauen in der Redaktion die Qualität der Zeitung verschlechtern würden. Andrerseits gab es Männer, die sich als Feministen brüsteten und am Frauenstreiktag «solidarisch mitstreiken», sprich: nicht arbeiten wollten. Denen musste frau natürlich auf die Finger klopfen: Solidarität – das war doch klar – bedeutet in diesem Fall, darüber zu berichten!
Franziska Meister

Die WOZ und die Reka-Checks

Es gibt wohl kaum etwas typischer Schweizerisches als die Reka-Checks: Mit diesem Geldersatz, den gewisse Firmen auszahlen, finanzieren sich Herr und Frau Schweizer ihre Ferien in der Schweiz und bezahlen Hotelzimmer, Bahn- oder Skiliftbillette. Auch die WOZ-Mitarbeitenden kamen in den achtziger Jahren in den Genuss von Reka-Checks als Teil der Lohnauszahlung.

In dieser Zeit hielt der Ausbrecherkönig Walter Stürm die Schweiz in Atem: «Bin Eier suchen gegangen», lautet der legendäre Satz, den Stürm bei seinem Ausbruch aus dem Zuchthaus Regensdorf kurz vor Ostern 1981 auf einem Zettel hinterliess. Insgesamt brach Stürm achtmal aus einem Gefängnis aus und löste 1987 mit seinem Hungerstreik eine grosse Solidaritätsbewegung aus – auch die WOZ solidarisierte sich mit ihm und veröffentlichte mehrmals Artikel von Stürm. Wenn Stürm nicht im Knast war, brach er ab und an in Skihäuschen und Gemeindeverwaltungen ein, beides Orte, an denen viele Reka-Checks gehortet wurden. – Real existierende Zusammenhänge zwischen Stürms Beute und der Lohnauszahlung der WOZ in Form von Reka-Checks sind bis dato unbewiesen.
Silvia Süess

Schwarzgeld auf der WOZ

Es verdichten sich die Gerüchte, wonach Ende der achtziger Jahre auf der WOZ ein Konto mit einem sechsstelligen Geldbetrag existierte, über dessen Herkunft niemand Bescheid wissen will. Ein anderes Gerücht geistert herum, wonach Anfang der neunziger Jahre das Konto spurlos verschwunden sei. Aus welcher Ecke das Geld gekommen und wohin es wieder verschwunden sein soll: Darüber schweigt das Kollektiv.

Dass auch nach zwanzig Jahren keine interne Untersuchung eingeleitet wurde, verwundert kaum. Auch der hauseigene Enthüllungsspezialist, Starhistoriker N. N. (Name der Redaktion bekannt), hüllt sich in intelligentes Schweigen. Einen Banküberfall will er nicht ausschliessen. Dabei verweist er auf eine Studie aus den USA, wonach der Berufsstand der HistorikerInnen die höchste Vergesslichkeitsquote aufweise. Im Übrigen halte er es für ethisch nicht vertretbar, einen Fall zu kommentieren, in den er allenfalls aktiv verwickelt sei. Wir sollten dazu den einstigen Kulturredaktor N. N. befragen (Name des Redaktors der Redaktion bekannt). Dieser wiederum bittet darum, bei der Aufarbeitung des Falls in Buchform nur ja nicht den «popkulturellen Aspekt» zu vernachlässigen.

Nun, da dieses dunkle Kapitel in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte endlich an die Öffentlichkeit kommt, besteht Grund zur Hoffnung, dass der Fall lückenlos aufgeklärt wird (und damit auch die Rolle, die der Starein- und -ausbrecher Walter Stürm gespielt haben könnte). Im Rahmen ihrer Imagestrategie fordert die WOZ eine Parlamentarische Untersuchungskommission.
Adrian Riklin

Nachtrag: Starhistoriker N. N. hat inzwischen seine Bereitschaft zugesichert, «im Interesse der lückenlosen Aufklärung» als Buchautor zur Verfügung zu stehen. Dabei werde er auf «einen namhaften Teil des Honorars» verzichten und diesen stattdessen auf ein spezielles Konto überweisen.

Res Strehle und die Computer

Wir schreiben das Jahr 1984: Die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi wird ermordet, die US-BürgerInnen wählen einen mittelmässigen Schauspieler zum Präsidenten, der spätere Fussballstar Bastian Schweinsteiger kommt zur Welt, und auf der WOZ wird heftig gestritten: Soll sich die Redaktion Satzcomputer anschaffen oder nicht? Die Skepsis war gross: Manche befürchteten «eine neue Hierarchisierung im Kollektiv mit dem Mann (der Frau?) am Computer», «die Abhängigkeit von den Programmier- und Computerfirmen» und den «Verlust von Arbeitsplätzen», das Gerät wurde als Waffe verteufelt. Lotta Suter titelt einen Artikel im Januar 1984 «Computer sind doch Glaubenssache» – und auf der Redaktion tobte ein Glaubenskrieg.

«Eigentlich ging es in der ganzen Diskussion gar nicht um die Computerfrage», erinnert sich eine Redaktorin, die damals frisch bei der WOZ war. «Es war ein Krieg zwischen zwei Fraktionen, die unterschiedliche politische Anschauungen vertraten.» Auf der einen Seite war die elitäre Fraktion. Diese wollte, dass die WOZ avantgardistisch und nur für ein kleines Publikum zugänglich blieb – zu denen gehörten Res Strehle und Jan Morgenthaler. Auf der anderen Seite waren die VertreterInnen der Volksfront. Sie wollten, dass die WOZ breiter und für ein grösseres Publikum zugänglich wird. Hier waren Patrick Landolt und Alex Grass die Hauptvertreter.

«Ich war die erste Computerstreikbrecherin», erinnert sich eine andere WOZ-Redaktorin. «Es gab drei, vier Leute, die extrem gegen Compis waren und sagten, das sei Ausbeutung und schrecklich. Ich kam neu auf die Redaktion und setzte mich für die Computer ein. Compis braucht es nun mal – vorher brauchten wir für die Produktion der WOZ ja auch schon Compis, einfach extern. So konnten die Gegner ein gutes Gewissen haben, denn es waren nicht die eigenen Leute, die ‹ausgebeutet und gequält› wurden.»

Die Anti-Compi-Fraktion verlor den Glaubenskrieg, Satzcomputer wurden angeschafft – «leider furchtbare Geräte!», so die WOZ-Redaktorin. Auf der Toilette richtete man eine Dunkelkammer ein und entwickelte dort die belichteten Texte. Im ganzen Büro stank es nun nach Entwickler – doch das rochen Strehle und Morgenthaler nicht mehr: Sie hatten die WOZ vorher verlassen.
Silvia Süess

WOZ stürzt Ropress-Druckerei in Konkurs

«Die Chemie stimmte, die Zusammenarbeit war gut», sagten Hans Peter Vieli und Rainer Gangl von der Ropress über die Zusammenarbeit mit der WOZ, die siebzehn Jahre dauerte und die die WOZ 2003 beendete. Vonseiten der WOZ sah das etwas anders aus: «Wir waren für die Ropress Milchkuh und Ärgernis zugleich», erinnert sich eine Redaktorin. «Sie gaben uns das Gefühl, dass wir froh sein konnten, dass sie uns überhaupt druckten. Dabei machten wir wohl etwa vierzig Prozent ihres Budgets aus.»

Die Zeitungsschaffenden waren mit ihrer Druckerei seit längerem nicht mehr glücklich. Die Bilder seien häufig abgesoffen, der Druck sei von schlechter Qualität gewesen, manchmal habe die Zeitung schwarze Ränder gehabt, erinnern sich mehrere Redaktorinnen. Man teilte das der Ropress immer wieder mit, doch sie unternahm nichts dagegen. «Als wir sagten, wir steigen aus, bat Ropress uns zu sich», so eine Redaktorin. «Wir gingen dort in ein Sitzungszimmer, das ich noch nie gesehen hatte. Ich fragte, ob das neu sei, sie verneinten. Und da wurde mir klar: Sie haben uns gar nie als richtige Kunden angeschaut!»

Für die Ropress, ein sozial und ökologisch nachhaltiges Unternehmen, war der Verlust der WOZ hart: «Wir haben uns an der WOZ zwar nie eine goldene Nase verdient, doch einfach ist dieser Verlust nicht wegzustecken», sagte Gangl im Interview in der WOZ 2003. «Nicht, dass wir existenziell gefährdet wären, aber es geht Know-how verloren, ausserdem sind Arbeitsplätze bedroht. (…) Uns traf euer Entscheid wie ein Keulenschlag.»

Die WOZ verzichtete damals darauf, ihre Kritik an der Ropress öffentlich zu machen. Konkurs ging die Ropress zum Glück nicht – es gibt sie noch heute, und noch immer ist sie eine Genossenschaft. Die WOZ wird seit 2008 von der Hausdruckerei der NZZ gedruckt.
Silvia Süess

Die WOZ zu Besuch bei Gaddafi

Das Gerücht hält sich hartnäckig: Der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi soll die WOZ zu sich nach Tripolis eingeladen haben. Tatsächlich reisten WOZ-RedaktorInnen Ende der achtziger Jahre nach Libyen – und das sogar zweimal! Eine damalige Redaktorin berichtet: «Wir flogen von Zürich direkt nach Tripolis. Dort wurden wir am Flughafen abgeholt und mitsamt Gepäck in ein Zelt gekarrt, wo wir uns bis weit nach Mitternacht stundenlange Reden anhören mussten.» In welcher Sprache, erinnert sie sich nicht. Es sei der Auftakt gewesen für eine «zehntägige Gehirnwäsche», eine Propagandareise, die von Regierungspalast zu Regierungspalast führte. Vollumfänglich bezahlt und mit Begleitung rund um die Uhr.

Ihr Redaktionskollege von einst – er brachte dank indirekter Kontakte zu Libyern Gaddafis Einladung überhaupt ins Rollen – fand die beiden Reisen eigentlich ganz spannend. «Druckversuche gab es keine, dafür viel Kultur: Sie zeigten uns Bauernhöfe, Olivenpressen, die Oasenstadt Ghadames …» Seine damalige WOZ-Kollegin verbittet sich Revolutionsromantik. «Gaddafi war ein Diktator – wir gingen nicht hin, weil wir ihn gut fanden, sondern weil wir Gelegenheit erhielten, diese Regierungsform aus der Nähe zu betrachten.» Gaddafi selbst allerdings bekamen sie nie zu Gesicht. Am nächsten seien sie der Macht wohl an einem Fest gekommen, als sie einen Blick auf Gaddafis Frau Safaja Farkash erhaschten, erinnert sich der WOZ-Redaktor von einst. Immerhin erhielt die WOZ-Delegation zum Abschied je ein Foto des Revolutionsführers, zusammen mit Gaddafis «Grünem Buch» und den zwei Kommentarbänden dazu. Das Porträt des Diktators soll noch jahrelang über dem Schreibtisch der Redaktorin gehangen haben.
Franziska Meister

PS: Gerüchtehalber soll auch ein aktuell amtierender Nationalrat auf der Reise mit dabei gewesen sein.

Der ruhelose WOZ-Verkäufer

Beim «WOZ-Verkäufer vom Bellevue» handelt es sich um einen sogenannten Wiedergänger. Obwohl der Letzte seiner Art schon in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Dienst quittierte, begegnet die unheimliche Gestalt der bangen Bevölkerung bis heute am beliebten Zürcher Platz, zuweilen auch in grossen Schweizer Bahnhöfen.

Zahllose Schilderungen sprechen von einem hochgewachsenen, knochigen Burschen, dessen rotes Haar je nach Aussage buschig in die Luft ragt oder in zahllosen Rastazöpfchen gebändigt ist. Die Erscheinung ist nach der Mode gekleidet, wie sie im letzten Jahrhundert auf dem Zürcher Wohlgroth-Areal Sitte war: Jeans und T-Shirt, beides zerlöchert, je nach Beobachtung aber unterschiedlich gefärbt. Begleitet wird der Wiedergänger von einem zottigen, aber friedlichen Hund; mit dem heulend ausgestossenen Ruf «WOOO-HOOOOZ!» zieht er die Aufmerksamkeit flanierender PassantInnen auf sich. In den letzten Jahren konnte die Erscheinung nur noch selten beobachtet werden; es ist zu hoffen, dass sie endlich zur verdienten Ruhe fand.
Karin Hoffsten

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