Nr. 47/2011 vom 24.11.2011

Täter und Opfer zugleich

Mahi Binebine beleuchtet im neuen Roman die Hintergründe des Al-Kaida-Attentats vom 16. Mai 2003 in Casablanca. Damals sprengten sich simultan vierzehn Jugendliche an verschiedenen Orten der marokkanischen Metropole in die Luft. Die Bilanz: über vierzig Tote, Hunderte von Verletzten und Sachschäden in Millionenhöhe. Die Aufklärung des Verbrechens führte zu einer extremistischen Zelle in Fes. Sie hatte die Jugendlichen im ärmsten Viertel von Casablanca rekrutiert: in der Barackensiedlung Sidi Moumen. Eine hohe Stampflehmmauer trennt das Bidonville, das sich am Rand einer Müllhalde befindet, vom Boulevard und verbirgt so das Elend.

Binebine, der nach Jahren in Paris und New York in seine Geburtsstadt Marrakesch zurückgekehrt ist, besuchte das Wellblechhüttenviertel wiederholte Male, um sich Klarheit über die Lebensumstände der (selbst-)mörderischen Jugendlichen zu verschaffen. Fünf Jahre lang arbeitete er an den «Engeln von Sidi Moumen». Im schmalen Meisterwerk, mit dem sich dieser Autor definitiv an die Seite von Tahar Ben Jelloun, Driss Chraïbi oder Mohamed Choukri geschrieben hat, erzählt der tote Jaschin, einer der Attentäter, rückblickend sein Leben: ein Leben in der Misere, die sich in Gewalt, Drogenkonsum und totaler Perspektivlosigkeit niederschlägt.

So hat der radikale Führer Abu Subair leichtes Spiel. Nachdem er die Jugendlichen aus ihren Familien herausgelöst und auf Gebets- und Kampftechniken sowie klare Feindbilder eingeschworen hat, nimmt er sie mit in eine paradiesische Seenlandschaft in der Nähe von Fes, wo er bald von jedem die Zusage zum Anschlag erhält.

Jaschin könnte allein seine Liebe zu der schönen Ghizlane retten. Doch es ist zu spät. Und so tritt er seinen Todesgang an, sieht zum ersten und letzten Mal die Stadt, in deren unsichtbarer Kloake er aufgewachsen ist – Täter und Opfer zugleich. Florian Vetsch

Mahi Binebine ist zurzeit auf Lesetour durch 
die Schweiz. Termine: www.lenos.ch

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