Nr. 48/2011 vom 01.12.2011

«Mann! Verstah doch!!!»

Esther Banz über Verwirrte und BesserwisserInnen

Die viel berühmtere Kolumnistin Michèle Roten, 32 Jahre alt, schreibt ein Buch über den Feminismus, im Untertitel steht «Protokoll einer Verwirrung». Vierzigplusjährige Frauen in meinem Umfeld lesen die Kritiken dazu und reagieren irritiert. Oder abweisend. Ich muss das noch büscheln, was ich hiermit zu tun versuche. Verwirrte Menschen sind mir grundsätzlich sympathisch, bedeutet es doch, dass sich die Betreffenden immerhin Gedanken machen. Ohne Auseinandersetzung keine Fragen und also auch keine Verwirrung.

Die wenigsten fühlen sich bemüssigt, ihre Verwirrung zu Papier (respektive in den Blog) zu bringen – was doch irgendwie schade ist. Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Menschen gerne lernen, also Wissen aufnehmen (und dann auch wiedergeben, sprich dozieren), und sich weniger gerne mit Fragezeichen belasten, weder mit eigenen noch mit denen anderer. Unwissenheit ist peinlich. Unwissenheit quält den Geist eines Menschen, wenn er nicht gerade Rotwein trinkt. Die unglücklichsten Wesen, denen ich in meinem bisherigen Leben begegnet bin, waren Menschen, die sich jeden Tag fragen: «Werde ich geliebt?» Dicht darauf folgen diejenigen, die alles persönlich nehmen, und mit ihnen auf dem Podest stehen noch die, die überzeugt sind, alles besser zu wissen. Egal, ob es um ein Fachgebiet oder um die grossen Zusammenhänge oder um Sex geht. Wissen macht also nicht unbedingt glücklich, aber Nichtwissen auch nicht, sind doch die Nichtwisser oft die grossen polternden Allesversteher (Stichwort «Stammtisch» und «polternde Menschen»; na ja, man muss ja nicht gerade zu Sokrates zurück, aber poltern war noch selten differenziert).

Nun leben wir ja bekanntlich seit einiger Zeit in der «Wissensgesellschaft». Wissen ist also selbstverständlich und Gebot. Allzeit verfügbar, oft gratis (und selten bis nie umfassend, aber das wird ja auch nicht erwartet) und manchmal indiskutabel. Ich habe nie studiert, aber mir scheint, dass sich Wissen und Verwirrung irgendwie diametral gegenüberstehen. Die Verwirrung gilt es zu beheben beziehungsweise zu behandeln, sie ist also kein wünschenswerter Zustand, und nur Aufklärung und Wissen können sie neutralisieren. Aber was, wenn Aufklärung und Wissen nicht befriedigen? Ist man dann einfach erkenntnisresistent respektive dumm? Und ist man als Nichtpolteri oder Nichtdoziererin dazu verdammt, sich still und einsam der Verwirrung hinzugeben?

Ich habe eine These. Sie lautet so: Von den 99 Prozent, die nicht an der Occupy-Bewegung teilnehmen, sind 98 Prozent verwirrt (von diesen 98 Prozent würden sich viele aus anderen Gründen nicht der Bewegung anschliessen, aber das ist in diesem Zusammenhang nicht relevant). Diese 98 Prozent getrauen sich nicht, ihre Verwirrung kundzutun, weil sie denken, man müsste ja wissen, und wer nicht weiss, ist einfach blöd. Und blöd ist das Schlimmste, was man heutzutage sein kann. Blöd ist sogar schlimmer als unethisch. Blöd steht nicht nur für dumm, sondern auch für desinteressiert und desinformiert. Also selbst schuld. Und wer will sich schon damit outen, dass er oder sie weniger weiss und weniger interessiert ist als jene BesserwisserInnen, die von niemandem geliebt werden und die uns den ganzen Scheiss eingebrockt haben?

Insofern herze ich Michèle Roten dafür, dass sie sich als Verwirrte outet, auch wenn es nicht um die grosse Krise geht, sondern um eine Sache, wo sogar ich schreien möchte: «Mann! Verstah doch!!!» Zumal es noch viel zu erreichen gibt – und es dafür Fragende und Mitdenkende braucht. Denn wo wären Michèle und wir anderen Frauen heute ohne die Emanzen, die für uns gekämpft haben?

Ester Banz ist freie Journalistin in Zürich.

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