Nr. 49/2011 vom 08.12.2011

Von den Schrecken des F-Worts

Kurze vierzig Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts ist Feminismus für viele junge Frauen nur noch ein Synonym für «hässlich» und «frustriert». «Magazin»-Redaktorin Michèle Roten setzt sich mit den Beschwerden ihrer Generation auseinander und zieht überraschende Schlüsse.

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Um es gleich klarzustellen: Michèle Rotens kürzlich erschienenes Buch «Wie Frau sein» ist allein schon sprachlich ein Genuss. Zwar scheiden sich häufig die Geister an den Texten der «Magazin»-Redaktorin, doch ich mag ihre wilde Schreibe.

Roten stellt die Frage, ob es so was wie den Feminismus – «wäh» – heutzutage überhaupt noch braucht. Und weil das Buch bereits erschienene Kolumnen und Texte assoziativ mit neuen Gedanken verknüpft, liest es sich wie ein langes Gespräch mit einer gescheiten Freundin. Mal steht die eine, mal die andre auf, holt was zu trinken oder geht aufs Klo, thematisch gehts heftig hin und her, und selten sind beide einer Meinung. Aber spannend bleibt es. Weil die Freundin eben gescheit ist.

Und Rotens Fazit überzeugt: «Ich glaube, ein zeitgemässer Feminismus ist keine Theorie, keine Ideologie und auch keine politische Bewegung, er hat keine Parolen und typischen Kleidungsstücke. Zeitgemässer Feminismus ist ein Bewusstsein, eine gewisse Sensibilität für allgemeine Ungerechtigkeit (nicht nur frauenbezogene!); er ist jede Frau, die ihren Weg geht.» Kann man kaum schöner sagen, oder?

Zu viel Eifer, Speichel, Gefuchtel?

Doch zurück zum «Wäh»: Nicht nur Michèle Roten stellt fest, dass der Feminismus heute rundum als «eine Krücke, eine Rüstung und eine Waffe für verbitterte, unattraktive Frauen» gesehen wird, und fragt sich, wo eigentlich die Gründe für dieses Feministinnen-Bashing zu suchen sind: «Bestimmt haben die Feminismus-Gegner ihren Teil dazu beigetragen, den Begriff negativ zu besetzen, eine uralte und bewährte politische Methode», schreibt sie, und das finde ich auch. Doch dann fährt sie fort: «Bestimmt waren es auch die Feministinnen selber, denn zu viel Eifer, Speichel, Gefuchtel, das nervt irgendwann, egal von wem und aus welcher Motivation.»

Ich gehöre zu der nervenden Generation. Mein Denken halte ich – ohne der gespenstischen lila Latzhose je nähergekommen zu sein – für feministisch. Oder emanzipatorisch. Doch ich finde, ich hätte selten zu «Eifer, Speichel und Gefuchtel» geneigt – jedenfalls nicht im Geschlechterkampf. Andererseits: Wenn der Kollege in einer Sitzung wieder mal nur die «Kollegen» begrüsste, ging mir mein Eiertanz grausam auf den Geist: Sag ich was, bin ich Feministin. Sag ich nichts, fühl ich mich beschissen. Also piepste ich nervös kichernd: «Ich bin dann im Fall eine Kollegin», was von den Herren als charmant interpretiert und wohlwollend entgegengenommen wurde. Mit so einem Gezappel kommt keine weit.

Womit hat es der emanzipierte Teil meiner Frauengeneration bloss verdient, dauernd ebenso vernichtende wie absurde Zuschreibungen anhören zu müssen? Anlässlich eines «Einparkier-Wettbewerbs für Frauen», von einer Autovermietung organisiert, zitiert Roten zum Beispiel den «Kommentar der Präsidentin einer Frauenrechtsorganisation: ‹Eine solche Veranstaltung zementiert doch bestehende Vorurteile erst recht.› Das klingt natürlich schon mal wieder ungefickt und schlechtgelaunt. Zugegeben.» Zudem sei die Präsidentin «schmallippig». Aber was hätte die Frau denn sagen sollen? Der Satz ist doch okay.

All das ist keine Errungenschaft der Postmoderne. Schon in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts gabs freie Sexualität – auch von Feministinnen nicht nur gebilligt, sondern gewollt. Und schon damals fanden «reaktionäre Idioten», dass man es einer Feministin bloss mal richtig besorgen müsste. Und wo ich schon bei bescheuerten Stereotypen bin: Dass Julia Onken, Rotens Laudatorin an der Buchvernissage, dort unter Beifall verkündete, am allerschlimmsten seien ja grüne Feministinnen, macht die Sache nicht besser. Und jetzt komme mir keine mit Stutenbissigkeit, der doofsten Erklärung weiblichen Verhaltens überhaupt. Es gibt furchtbare Männer und wunderbare Frauen. Und tolle Männer und schreckliche Frauen. Und die meisten sind mal so, mal so.

Was «Wie Frau sein» lesenswert macht, ist die Verflechtung von persönlichem Erleben mit souverän dargebotenen Fakten, wie zum Beispiel im Abschnitt zum feministischen Sprachgebrauch: «Auch lustig ist die Tatsache, dass es korrekterweise lauten müsste: ‹Wer hat seinen BH im Bad gelassen?› Ich will hier ja niemanden diskriminieren und natürlich gibt es auch viele Männer, die gerne BHs tragen, aber meist ist doch eine Frau gemeint. Trotzdem verlangt das Sprachsystem in dieser Konstruktion das Possessivpronomen ‹sein›: ‹Wer hat ihren BH im Bad gelassen?› ist grammatikalisch falsch.»

Auch das generische Maskulinum erklärt Roten höchst vergnüglich. Warum es dann am Ende in ihrer Danksagung trotzdem auftaucht, bleibt ihr Geheimnis: «Meiner Mutter, meinem Vater, meiner Schwester, meinem Mann und allen meinen Freunden.» Hat die Frau keine Freundinnen?

Frauenmist und Männermist

Doch ob Lohnungleichheit, unterschiedliche Verteilung von Hausarbeit, sogenannte Frauenberufe, Kinderbetreuung, Liebe, Sex, Ausbeutung, Medien oder was sonst so unser Leben bestimmt – Roten hat zu allem was zu sagen, auch wenn es manchmal nur eine Frage ist. Aber die liefert Denkstoff.

Das Buch trägt den Untertitel «Protokoll einer Verwirrung». Weil es keine Kapitel hat, wollte man das Protokollarische wohl gestalterisch umsetzen, indem vorauseilend haufenweise Passagen markiert wurden. Ich mag das nicht. Genauso wenig wie wenn andere Leute mit Leuchtstift in Bibliotheksbüchern rumfuhrwerken. Doch das sind Peanuts.

An der Vernissage kamen Roten und Onken gemeinsam zum Schluss: Wirkliche Gleichstellung werden wir erst erreicht haben, wenn Frauen in der Öffentlichkeit genauso viel Mist bauen dürfen wie Männer, ohne dass der Mist ihrem Geschlecht zugeschrieben wird. So ist es.

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