Nr. 48/2011 vom 01.12.2011

Im Reservat

Stefan Keller über eine Zeitschrift und eine Gattung

In kurzer Folge sind in der Schweiz zwei Zeitschriften vorgestellt worden, die sich der Reportage verpflichten wollen. Das eine Magazin mit dem Titel «Hier» konnte als Nullnummer aus dem Netz geladen werden; es erhielt an dieser Stelle bereits eine Besprechung. Vom anderen Magazin liegt seit Ende Oktober die Nummer eins an vielen Kiosken sowie im Buchhandel auf: «Reportagen» wurde von Daniel Puntas Bernet gegründet, einem Wirtschaftsjournalisten, der drei Investoren dazu brachte, einige Hunderttausend Franken in die Hand zu nehmen und in seinen Kleinverlag zu stecken. Das Erscheinen des Hefts für mindestens zwei Jahre scheint damit gesichert.

Daniel Puntas schrieb bisher für die «NZZ am Sonntag». Zu den AutorInnen der Erstausgabe von «Reportagen» gehören Leute wie Karin Wenger, Margrit Sprecher, Erwin Koch und Beat Sterchi. Das sind bekannte und bewährte Namen im Schweizer Reportagejournalismus, der nun eine Renaissance erleben soll: Die Reportage, so schreibt Daniel Puntas im Editorial, sei «die etwas in Vergessenheit geratene Königsdisziplin des Journalismus». Unabhängig von thematischen oder geografischen Eingrenzungen will der Chefredaktor und Verleger im neuen Heft nur eines, nämlich «gute und wahre Geschichten, die es lohnt, aufzuschreiben, weiterzuerzählen, sich anzuhören und natürlich zu lesen».

Dabei stellt sich die Frage, warum denn die Reportage, wenn sie so attraktiv ist, «etwas in Vergessenheit» geraten konnte. Liegt das nur an der personellen Ausdünnung der Printredaktionen und am ökonomischen Niedergang des Berufsstands der freien ReporterInnen (Reportagen sind aufwendig und teuer)? Oder hat es vielleicht auch damit zu tun, dass wir heute als Publikum ohnehin überall selbst «vor Ort» zu sein scheinen, dass wir dank der elektronischen Vernetzung fast jedes Kaff der industrialisierten Welt zu jeder Tages- und Nachtzeit virtuell erkunden können?

Der «grand reporter», der einst wie ein Entdecker in unbekannte Regionen reiste, um mit voll beschriebenen Notizblöcken zurückzukehren, hat im globalen Dorf, in dem wir jetzt leben, seinen Nimbus weitgehend verloren. Doch schon bevor das Internet ein Massenmedium wurde, stellte der polnische Reporter Ryszard Kapuscinski eine Krise der Reportage fest: «Man muss sich etwas Neues einfallen lassen. Das gilt auch für die klassische Reportage. Wenn man heute die besten Arbeiten dieser Art aus den dreissiger, vierziger, fünfziger Jahren wieder liest, wird man feststellen, dass ein grosser Teil ihrer Funktion vom Fernsehen übernommen worden ist», schrieb er 1995.

Die Zeitschrift «Reportagen» reagiert auf den Umstand, dass die Grossreportage aus vielen Tageszeitungen und damit aus dem politischen Zusammenhang verschwunden ist. Es gibt sie zum Beispiel nicht mehr in der Samstagsausgabe der NZZ, in der auch die engstirnigen Leitartikel stehen, sondern nur noch im monatlichen Reservat eines grosszügigeren «NZZ Folios». Die Zeitschrift «Reportagen» ist ein weiteres Reservat für diese Gattung, die einst Skandale aufdeckte, Verbrechen aufklärte und Regierungen stürzte. Wohin sich die Reportage fernab des politischen Tageslärms noch entwickelt, muss «Reportagen» nun zeigen.

Das neue Magazin erscheint sechsmal pro Jahr im Buchformat. Durchgehend mit zweifarbigen Bildern illustriert, wirkt es wie eine Literaturzeitschrift. Es kostet zwanzig Franken und hat eine Auflage von 20 000 Stück.

Stefan Keller ist WOZ-Mitarbeiter.

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