Nr. 23/2021 vom 10.06.2021

Ein klassischer Formfehler

Margrit Sprecher und Daniel Puntas Bernet bitten den Journalismusfälscher Claas Relotius zum Interview. Das konnte nur schiefgehen.

Von Kaspar SurberMail an AutorIn

Margrit Sprecher und Daniel Puntas Bernet mussten ein grosses Interesse daran haben, die Affäre um Claas Relotius aufzuarbeiten, der 2018 als Fälscher von Reportagen aufflog. Sprecher gilt als Grande Dame der Reportage in der Schweiz. Sie sass in der Jury, die Relotius für seinen Text «Der Mörder als Pfleger» den deutschen Reporterpreis verlieh und damit seine Karriere beförderte. Puntas Bernet wiederum hat mit dem Magazin «Reportagen» die Erzählform mitten in der Medienkrise zum Geschäftsmodell gemacht. Er hat den später preisgekrönten Beitrag sowie vier weitere von Relotius veröffentlicht, bevor dieser beim «Spiegel» zum Starreporter aufstieg.

Die beiden gehören also zu den frühen FörderInnen von Relotius und stehen mit ihren Namen zugleich für die Paradedisziplin Reportage, die nach dem Skandal kritisch hinterfragt wurde. Denn nur dank der Sehnsucht nach perfekten Geschichten und einem spannenden Storytelling, so eine verbreitete Meinung, konnte Claas Relotius gross werden.

Gespräch als Fiktion

Als Relotius aufflog, gab Puntas Bernet unumwunden zu, dass dieser perfekt zum eigenen Magazin gepasst habe: «Weil er das, was wir suchten, idealtypisch verkörperte, nämlich Geschichten zu erzählen und nicht nur zu berichten.» Er habe keine Erklärung für dessen Vorgehen, sagte Puntas Bernet 2019 zum Branchenportal «Medienwoche», das Motiv des Fälschers allerdings interessiere ihn brennend: «Am liebsten würde ich demnächst ein Porträt über Relotius von Erwin Koch oder Margrit Sprecher lesen.»

Nun ist es, zweieinhalb Jahre später und gemeinsam mit Sprecher, ein Interview geworden. Man kann sich nur wundern, wie zwei renommierten JournalistInnen ein derartiger Fehler unterläuft. Sicher, die Wahl des Interviews als Form war verlockend. Die Meldung, dass Relotius sein Schweigen breche, ist aufregender als die systematische Aufarbeitung des Skandals, wie sie der «Spiegel» geleistet hat. Der Scoop von Sprecher und Puntas Bernet fand denn auch maximale Aufmerksamkeit.

Wer als JournalistIn regelmässig Interviews führt, weiss allerdings auch um die Problematik der Form. Ein ausführliches Gespräch wird häufig zu wenigen Aussagen kondensiert, beim Gegenlesen vieles noch einmal wohltemperiert. Manchmal wird bei der Abschrift der Ablauf neu montiert, oder es werden wie im vorliegenden Fall gleich mehrere Gespräche zu einem zusammengesetzt. Gerade das Interview, das mit dem O-Ton Authentizität suggeriert, hat immer auch etwas sehr Fiktives.

Wenn es nun auch noch mit einer Person geführt wird, die als notorischer Lügner bekannt ist, kann das die Form nur ad absurdum führen: So einfühlsam sich Sprecher und Puntas Bernet an der einen Stelle geben, so kritisch sie an der anderen nachhaken: Jede Antwort von Relotius kann wahr sein oder falsch.

Schreiben zur Kontrolle

Die Wahrheit, die Relotius in diesem Interview anbietet, ist die eines krankhaften Realitätsverlusts, den er sich dank des Schreibens nicht eingestehen musste: «Das hemmungslose Schreiben hatte für mich eine ganz egoistische Funktion. Es hat mir geholfen, Zustände, in denen ich den Bezug zur Realität verloren habe, zu bewältigen, zu kontrollieren und von mir fernzuhalten.»

Zwar bedankt er sich bei Juan Moreno, der ihm als Arbeitskollege beim «Spiegel» auf die Schliche kam. Letztlich richtet sich das Interview aber vor allem gegen dessen Buch «Tausend Zeilen Lüge», in dem Moreno den «treuen Claas» als einen gerissenen Hochstapler beschreibt. Gerne hätte man von Sprecher und Puntas Bernet gewusst, ob der Realitätsverlust und die Hochstapelei tatsächlich zwei verschiedene Erklärungsansätze sind – oder sich nicht allenfalls bedingen. Über die Pathologisierung hinaus hätte es einen zudem interessiert, was die Grande Dame der Reportage und der Herausgeber eines Reportagenmagazins zum System hinter dem Einzelfall meinen. Allein, die Form des Interviews liess es nicht zu. Wer selbst die Fragen stellt, hat sich selbst halt auch keinen Fragen zu stellen.

PS: Auf jeden Fall ist die Aufarbeitung von «Reportagen» löblicher als die der «Weltwoche»: Roger Köppel, der mehr als 25 von Relotius geführte Interviews veröffentlichte, hatte 2019 eine «konzentrierte» Untersuchung versprochen. Dabei ist es geblieben.

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