Nr. 48/2011 vom 01.12.2011

Sich räkeln gegen die Einheitslogik

Wie geht eine Rapperin mit dem Sexismus um, der in ihrem Genre so virulent ist? Big Zis denkt über die paradoxe Situation nach, die eigene Unverkäuflichkeit möglichst gut zu verkaufen.

Von Franziska Schläpfer alias Big Zis

Wenn man musiziert und das nicht nur für sich hinter verschlossenen Türen im Keller machen will, sondern den seltsamen Drang verspürt, sein Schaffen in die Öffentlichkeit zu tragen, dann will man gefallen. Vielleicht will man nur einer bestimmten HörerInnenschaft gefallen – und nicht, dass alle die Lieder singen, die man geschrieben hat. Aber man sucht ein Publikum und will eine Reaktion.

Selbst wenn man mit einer Punkhaltung das Publikum vertreibt und möglichst vor leeren Rängen spielt, will man das. Mit dem ersten Album «Quotä Reglär» hatte ich scheinbar viele junge Männer und auch Frauen provoziert, sodass es mir zuweilen vorkam, als würden sie Eintritt bezahlen, nur um mich auszubuhen. Was ich dabei gemacht hatte, war eher unoriginell: Ich nahm die Attitüde des männerdominierten Rap an und kehrte sie um. Ich spielte den Macker. Die teilweise heftigen Reaktionen haben mich überrascht und mit der Zeit frustriert. Mittlerweile ist es für mich befriedigender, vor Menschen zu singen, die daran Freude haben. Egal, was man tut, wenn man es öffentlich tut: Immer erhält man eine Reaktion. Verweigern kann man sich dem nur, wenn man gar nicht aus dem Keller kommt. Dann aber passiert man nicht in der Welt, nimmt nicht Teil an ihr.

Wem man gefällt, kann man dem Publikum ansehen – wie gut man gefällt, dem Applaus anhören und an den Verkaufszahlen der Tonträger ablesen. Aber vielleicht will man ja nicht nur seine Eitelkeiten befriedigen, sondern auch von der Musik leben können oder reich werden damit. An diesem Punkt ist man der Macht der KonsumentInnen ausgesetzt. Und plötzlich spielt die Verpackung des Produkts, das ich und meine Musik auf diesem Marktplatz geworden sind, eine grosse Rolle. Meine Musik wird nicht besser durch sexistische Posen – aber sie wird sich besser verkaufen.

Frappanter Unterschied

Ich behaupte nicht, dass sich Musik nur mit solchen Mitteln gut verkauft. Ich behaupte nicht, dass hinter sexistischen Posen nie gute Musik steckt und jeder Popstar sich nur aus markttechnischen Gründen auszieht. Manchmal hat dies auch eine exhibitionistische, künstlerische, provokative oder emanzipatorische Motivation. Ich glaube auch nicht, dass es nicht auch einem männlichen Popstar passieren kann, Objekt zu werden und sich zu prostituieren. Aber es besteht ein frappanter Unterschied zu einer Frau in dieser Situation.

Das Verheerende besteht nicht darin, um der Zahlen willen Haut zu zeigen und sich anzüglich zu räkeln. Wir sind ja nicht prüde und zimperlich. Es ist die Androhung von Gewalt gegen Frauen, die solche Posen sexistisch macht. Im Gefälle zwischen den biologischen Geschlechtern drückt sich immer die Drohung von Macht aus. Sexismus ist kulturell bedingt und institutionell verankert.

Weil die Welt mehrheitlich immer noch so funktioniert, ist der Umgang mit dem Bild, das man von sich als Künstlerin präsentiert, zuweilen eine Gratwanderung. Der Drang, sich davon freizuschwimmen, ist gross, aber nicht risikofrei. Man ist ja Teil des Ganzen und mittendrin. Das heisst aber nicht, dass man jeden Schritt zuerst abwägt und immer wieder prüft. In meinem Fall würde das eher dazu führen, dass ich und meine Musik im Keller bleiben würden. Nur das mehr oder weniger spontane Aufspüren und Umsetzen von spontanen Bildern, die in meinem Kopf Platz einnehmen, lassen genug Selbstvertrauen übrig, damit ich sie öffentlich machen kann. Oft ergibt sich für mich erst mit einer gewissen Distanz ein grösserer Zusammenhang zwischen meiner Person und dem, was ich von ihr präsentiere. Viel interessanter ist aber, was andere darüber denken – von ihnen will ich ja eine Reaktion.

Verweigerung bringt nichts

Wie soll man sich politisch korrekt verkaufen? Eigentlich stellt sich eine grundlegendere Frage: Soll man überhaupt versuchen, sich zu verkaufen? Gerät man da nicht automatisch in Teufels Küche? Der wirtschaftliche Mechanismus lässt uns nicht aus den patriarchalen Mustern ausbrechen. Der Markt als solcher, als System, ist wertfrei – er wird aber belebt und betrieben von uns Menschen, die wir den Sexismus verinnerlicht haben. Die gesellschaftliche Praxis, die Männer privilegiert und Frauen unterwirft, spiegelt sich in allen Facetten unseres Denkens und Handelns – also auch darin, wie Produkte feilgeboten werden und KonsumentInnen darauf reagieren.

Muss ich also mit meiner Musik im Keller bleiben? Soll man seine Leidenschaft nicht zur Profession machen und damit auch Geld verdienen? Aber wie schon gesagt: Dann aber passiert man nicht in der Welt, nimmt nicht Teil an ihr, berührt sie nicht einmal. Das aber ist es doch gerade, was Kunst können sollte: die Welt berühren, einen Abdruck hinterlassen.

Wir haben ja nicht nur den Sexismus verinnerlicht; auch die Idee der Geldvermehrung wurde schleichend zum Einheitsdenken. Die Einheitswirklichkeit, diese Einheitslogik kann nicht durch Verweigerung unwirklich und unlogisch werden – sondern nur durch Fantasie und mit Mut.

Veranstaltungen im Rahmen der Kampagne 
«16 Tage gegen Gewalt an Frauen»: Seite 27.

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