Nr. 10/2019 vom 07.03.2019

Ein Vorbild für Frauen, Ausserirdische und Biber

Die Zürcher Rapperin Big Zis hat sich unüberhörbar freigeschwommen. Sie ist die lebende Gegengeschichte zu dummen patriarchalen Erzählungen.

Von Bettina Dyttrich

Ein psychedelischer Fiebertraum aus orangem Stoff: Big Zis hat auch auf ihrem neuen Album wieder intimen Kontakt mit Zwischenwesen. Foto: Ona Pinkus

Da ist dieses Bassriff, schnell, dramatisch, eine absteigende Tonfolge. Der Anfang von «Holiday in Cambodia» der kalifornischen Punkband Dead Kennedys ist auch der Anfang von «Béyond», der neuen EP der Zürcher Rapperin Big Zis.

Das Punkzitat passt zu einem Track, in dem es um Rohstoffe, Handel und Abhängigkeiten geht: «Au 79» bedeutet Gold, das 79.  Element im Periodensystem, musikalisch umgesetzt als Wolfsgeheul. «D Gränze händ Wächter  / D Wache händ Waffe / Fertilitäte uf em Opfertisch.» Simple Protestsongs sind nicht Big Zis’ Sache, aber auch die freie Assoziation kann politisch sein.

Weiblichkeitsklischees verweigern

«Béyond» ist die «erste offizielle» Veröffentlichung seit 2009, obwohl es da doch drei inoffizielle EPs gab. Und das furiose Video «Hyphe Myzel Hype». Und drei Kinder. Die EP enthält fünf offensive, vorwärtsdrängende Tracks, hohe Tröten und tiefe Bässe, produziert von Fred Herrmann, der auch mit Bligg und DJ Bobo arbeitet. Ausgerechnet. Aber es passt.

Es gibt eine grosse, dumme Erzählung über das Leben von Frauen: Mit zwanzig bist du auf dem Höhepunkt, jung, attraktiv und begehrt. Mit dreissig wirds schon schwieriger, bald brauchst du Faltencreme, kompensiert wirst du mit Mutterfreuden, die dich ganz erfüllen sollen. Ab vierzig ist nicht mehr viel zu erwarten: Wechseljahre, erotische Unsichtbarkeit, peinlich, uncool. Diese Geschichte ist von A bis Z falsch, ein sexistisches Zerrbild zum Vorteil jener Männer, die profitieren, wenn Frauen von ihrem Blick abhängig bleiben. Aber auch viele, die die Lüge durchschauen, werden sie nicht so schnell los.*

Wer als Frau auf der Bühne steht, sich den Blicken aussetzt, ist mit all den Klischees noch viel stärker konfrontiert. Und wird interpretiert, zwangsläufig – nicht immer im eigenen Sinn. Aber was ist die Alternative? Im Keller bleiben? So fragte Big Zis 2011 in einem WOZ-Text. Es sei nicht grundsätzlich verheerend, «Haut zu zeigen und sich anzüglich zu räkeln»: «Es ist die Androhung von Gewalt gegen Frauen, die solche Posen sexistisch macht.» Da werde der Umgang mit dem Bild von sich als Künstlerin zur Gratwanderung. «Der Drang, sich davon freizuschwimmen, ist gross, aber nicht risikofrei.»

Welche Bilder, welche Körper stehen denn zur Verfügung, wenn sich eine den Weiblichkeitsklischees verweigert? Die Butch natürlich, der Drag King, die inszenierte Männlichkeit. Das kann befreiend sein, aber auch eine Sackgasse: wenn das eine Klischee einfach durch ein neues ersetzt wird. Big Zis macht etwas ganz anderes. Im Video zu «Käis Probleem» (2009) arbeitete sie mit der rohen Körperlichkeit der Geburt, die den männlichen Blick abschreckt – zudem gebar sie kein Kind, sondern einen Biber. In «Hyphe Myzel Hype» (2017) war sie dann eine bleiche, aber äusserst vitale Gestalt mit Mönchstonsur, bekleidet mit Lichterketten – ein Wesen aus dem Weltall vielleicht oder aus der Tiefsee.

Auch jetzt tauchen wieder Zwischenwesen auf, die mit der Rapperin in intimem Kontakt stehen: ein Pelzgeschöpf à la «Toni Erdmann» und ein psychedelischer Fiebertraum aus orangem Stoff – mit Kapuze, aber ohne Gesicht.

Freude statt Attitüde

Big Zis hat sich freigeschwommen, radikal. Das ist unüberhörbar, wenn man etwa den Song «Hunger» von 2002 mit den späteren Arbeiten vergleicht. «Was isch los, Wixer, lo min Arsch los», rappte sie damals. «Ich nahm die Attitüde des männerdominierten Rap an und kehrte sie um», schrieb sie 2011. «Ich spielte den Macker.» Das war nötig, aber auf Dauer unbefriedigend. Heute strahlt sie Freude aus – an ihrer Kunst und an ihrem Körper. An ihm sei «nüt heilig» und «nüt verhuert», weist sie im neuen Track «Cluster» ein weiteres patriarchales Klischee zurück.

Big Zis ist die lebende Gegengeschichte zur grossen, dummen Erzählung. Mit vierzig ist es nicht vorbei, im Gegenteil. Big Zis ist 42 und längst zum Vorbild geworden: für Frauen mit und ohne Sternchen, für Ausserirdische, Tiefseetiere und Biber.

Big Zis spielt am 8.  März 2019 im Palace St. Gallen. Weitere Konzerte: bigzis.com.

* Korrigendum vom 8. März 2019: In der Printversion sowie in der alten Onlineversion ist dieser Abschnitt wegen eines technischen Versehens nicht enthalten.

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