Schweizer Pop : Raus aus dem engen Tal

Nr.  21 –

Heidi Happy, Stahlberger, Sophie Hunger - das Niveau in der hiesigen Musikszene ist so hoch wie noch nie. Und auch die Reggaeszene hält mit.


Noch vor wenigen Jahren schlug Schweizer PopmusikerInnen aus einheimischen Medien oft nur gönnerhaftes Schulterklopfen oder eisiges Schweigen entgegen. Doch wer heute regelmässig den Deutschschweizer Blätterwald sichtet und Radio hört, stellt mit Erstaunen fest, dass Schweizer PopmusikerInnen zum Hype geworden sind. Ein Hype, der bis vor kurzem höchstens den hippen jungen Wilden aus England oder Unantastbaren wie Bruce Springsteen, Bob Dylan und U2 vorbehalten war. Dass sich JournalistInnen so ausgiebig mit der hiesigen Szene befassen, ist erfreulich. So viel Aufmerksamkeit hätte der einheimischen Popmusik schon lange gebührt: Eine gute neue CD und der Tourneebeginn einer interessanten Band gelten für Medien und das Publikum als Ereignis - egal woher die KünstlerInnen stammen.

Ochsentour durch die Clubs

Phenomden, Big Zis, Seven, Lovebugs, Gimma, Stress, Stahlberger, Heidi Happy und Sophie Hunger haben in den letzten Monaten solche Medienhypes erlebt. Zu Recht. Die meisten von ihnen sind mit wenigen Veröffentlichungen zu grossen Namen geworden. Die über Hitparadenplätze messbaren Erfolge von Independent Acts wie Heidi Happy, Sophie Hunger, Seven und Phenomden sind mitverantwortlich dafür, dass kleine Firmen wie Little Jig Records (Heidi Happy), Gentlemen Music (Sophie Hunger) und Nation Music (Seven, Phenomden) ausserhalb der traditionellen Indiekreise wahrgenommen, ja ernster genommen werden.

Wer seine Zeit und Energie in ein Minilabel steckt, ist kein idealistischer Spinner, lautet die Lektion, die die Öffentlichkeit gelernt hat. Was bei den britischen Indies lange bekannt war, gilt nun auch hier. Dass Helvetiens KleinlabelmanagerInnen dem Publikum keine Tomaten auf die Ohren drücken, haben aber viele erst jetzt erkannt. Die Qualität der Musik und die Konsequenz, mit der heute auch Kleinfirmen PR und Marketing betreiben, belegen, wie sehr sich die einheimische Musikszene professionalisiert hat, ohne dabei die Seele zu verkaufen und den Spass zu verlieren.

Die Stars sind auf den hiesigen Bühnen präsent, und sie sind sich für Ochsentouren von Kleinclub zu Kleinclub nicht zu schade. Sie reden nicht mehr so laut von London und New York, sondern geben vollen Einsatz für Chur und Niederglatt. So nisten sie sich in den Herzen ein, werden lebendige Figuren, bleiben nicht bloss Namen auf CDs, die im Riesenangebot zu verschwinden drohen. Nach dem Sterben der grossen Plattenläden findet sich dieses Angebot einerseits im Internet - die aktuelle Form des Direktverkaufs - und im Konzertlokal.

«Stars» zum Anfassen

An Auftrittsmöglichkeiten besteht kein Mangel mehr. Die Konzerte im kleineren Rahmen sorgen für Nähe zum Publikum: Die KünstlerInnen stehen nach dem Konzert beim Bier an der Bar und sprechen unsere Sprache. Es schirmt sie keine Sicherheitscrew ab, keine PR-Pose maskiert ihr Gesicht, und wir können an ihrem Aufstieg teilhaben. Dies ist die positive Dynamik einer Szene, die in einem sehr kleinen Markt operiert. Wir ziehen uns am eigenen Schopf aus der globalen Bedeutungslosigkeit. Es scheint, dass ein Wirgefühl entstanden ist, mit dem man sich gegen die Unbill einer stürmischen Zeit wappnet und gegen die Unpersönlichkeit in einer kriselnden Warenwelt, in der Westeuropa nicht mehr als Produktionsstätte vorgesehen war, sondern nur noch als Absatzmarkt. Eine gute Verankerung im Heimmarkt wirkt als Basis für internationale Taten.

Guter Pop existiert in der Schweiz seit langem, aber so hoch wie heute waren Qualität und Breite noch nie. Neu ist indes nicht nur die grössere publizistische Aufmerksamkeit im Inland, sondern auch, dass eine respektable Zahl von Schweizer Indie-Labels auch im Ausland wahrgenommen wird. Die Vernetzung ist so weit fortgeschritten, dass diese Tonträger und - zeitgenössischer ausgedrückt - Audiofiles immer öfter international zur Kenntnis genommen werden. Sonst hätte Little Jig keine Lizenzen für Heidi Happy nach Deutschland, Österreich, Kanada, Japan, Frankreich, Grossbritannien und die Beneluxstaaten verkaufen können, und auch das Label Gentlemen Records hätte dasselbe für Sophie Hunger in Frankreich, Deutschland, Österreich, England und den Beneluxstaaten nicht geschafft.

Einheimischer Reggae

Auch die enorm aktive Reggaeszene strahlt weithin aus: Phenomden, der mit der CD «Gangdalang» ganze neun Monate lang in der offiziellen Schweizer Albumhitparade stand, tritt zwischen Süditalien und dem Osten Deutschlands auf. Elijah gibt Konzerte von Kopenhagen bis Madrid, ebenfalls mit Dialektreggae, und die SpanierInnen singen lauthals mit. Lee Evertons grandiose CD «Inner Exile», die Reggae mit Soul und Folk anreichert, verkauft sich bis nach Japan.

Reggae ist international sehr gut vernetzt, der Reggaemarkt nicht mit zahllosen vergleichbaren Bands und Tonträgern überflutet - was international gesehen ein Nachteil für KünstlerInnen aus Rock und Hip-Hop ist, deren weltweit erfolgreiche VertreterInnen vorwiegend aus dem angelsächsischen Raum stammen. Doch auch Spezialitäten aus einem peripheren Markt wie der Schweiz können es schaffen, ausserhalb der Landesgrenzen FreundInnen zu finden. Die Musik muss eigenständig sein und eine Lebenshaltung, einen Lebensstil reflektieren. Das belegen die ungezählten Tonträger und elektronischen Files, die kleine Labels aufgrund von Bestellungen ins Ausland schicken und übers Internet verbreiten. Da kommen schnell Hunderte CDs und Tausende Downloads zusammen, verglichen mit dem Big Business natürlich immer noch bescheidene Zahlen.

Das zur Gewohnheit gewordene Lamento, «wir» hätten im Ausland keine Chance, nennt als Gegenbeispiele gerne Krokus, Yello und Stephan Eicher, vielleicht auch die Young Gods und Celtic Frost: Namen, die mit dem Mainstream wenig bis nichts zu schaffen hatten und haben. Höchstens im 08/15-Bereich trifft es zu, dass hiesigen MusikerInnen internationale Perspektiven fehlen. Die Schweiz ist im Musikgeschäft kein Sonderfall: Den Welthit-Belgier, die Global-Top-Ten-Israelin und die Mega-Dänen finden wir auch nur mit dem Elektronenmikroskop.

Vielfalt als Rezept

Die Schweiz galt einst als steiniger Boden für die Kultur, ein enges Tal, aus dem es kaum ein Entrinnen gibt. Was sind die Gründe für den Umschwung?

Innerschweizerisch gesehen: Das Spitzenfeld der einheimischen Bands ist breiter und vielfältiger geworden, ihre Musik exzellent. Die AkteurInnen arbeiten professioneller denn je, und Erfolg zieht Erfolg nach sich. Die beharrliche Arbeit und die Schaffensfreude ungezählter Bands und Kleinlabels haben die Dynamik beflügelt. Der Minderwertigkeitskomplex gegenüber englischen und US-amerikanischen Bands hat sich aufgelöst.

Und mit Blick auf «die Welt»: Haben viele die transatlantische Musikmaschinerie satt? Viele Produkte wirken zu zielgruppengerecht fabriziert und künstlich. Das fünfzehnte oder zwanzigste U2- oder Madonna-Album erquickt nicht mehr unbedingt. Man hat es satt, Fan-Vieh zu sein, um entrückten VIPs das Portemonnaie zu füllen. Daher richten viele ihr Augenmerk aufs Näherliegende. Man sucht Persönlicheres, Kleineres statt globalisierte Riesenapparate. AC/DC und die Pet Shop Boys brauchen uns nicht, Phenomden, Heidi Happy, Stahlberger und die anderen schon. Wir sie auch.