Nr. 49/2011 vom 08.12.2011

Neue Männer für Europa

Ruedi Widmer über Deutschlands künftigen Kaiser

Man könnte Kinder in die Europäische Zentralbank schicken, Hunde an die Börse, Hühner in die Regierungsgebäude der Staaten, es würde nicht anders werden, als es wird. Die rational gebildeten Fachleute aus den Universitäten haben sich geirrt. Sie wissen nicht mehr weiter.

Es stürzen nicht einfach Währungen zusammen, wir stürzen zusammen. Die Welt wird ungültig. Seit 2008 verändert sich alles in einem Tempo wie nie zuvor. Das weltweit verteilte Geld ist in wenigen Jahren zu ein paar Geldhaufen verklumpt, die sich nicht zufällig auf den Konten der künftigen Zaren, Könige, Kaiser und ihrer Günstlinge befinden.

Berlusconi, al-Gaddafi, Bush, Brunner – die sind ja alle weg. Doch das waren die Bösen der uns bekannten Welt. Im Gegensatz zu den Bösen, die uns in den kommenden Jahren heimsuchen werden, sind das richtige Kuschelböse. Das grosse Geld liegt bei dumpfen Stölzlingen, die sich bei Banken hochgeblufft haben, Mafiosi, bildungsfernen Börsengewinnlern, Knallköpfen aus der Regenbogenpresse.

Die EU hat ihren Sternenglanz verloren. Sie erinnert immer mehr an die Weimarer Republik. Eine gut gemeinte, aber unfertige Idee, instabil, verletzlich, von niemandem geliebt. Die Lenker dieser Idee waren ihr derart erlegen, dass sie darüber blind wurden. Helmut Kohl, Wiedervereiniger und grosser, dicker Europäer, ist nicht etwa eine Figur aus der fernen Vergangenheit, sondern eine nach wie vor leibhaftig lebende Person, die die gleichen Schreckensmeldungen wie wir am Radio hört. Was geht in ihm vor? Sein so optimistisch gedachtes Lebenswerk mit dem Vertrag von Maastricht hält womöglich nicht viel länger als dasjenige seines Kanzleramtvorgängers Hitler. «Deutschland», das ist nicht mehr die biedere, stabile Bundesrepublik oder die weltoffene Willkommensrepublik der WM 2006. Deutschland ist am Ende. Doch der attraktive und blutjunge Graf von und zu Guttenberg steht bereit, um, wie sein Name schon andeutet, ein neues Kaiserreich zu gründen.

Graf von und zu Guttenberg! Eine Erfindung der «Bild»-Zeitung, himmeljauchzend rechthaberisch und egozentrisch. Das kommt an im Volk. Das ist einer von uns. Wir sind Guttenberg! Ein aufrechter Mensch, von der rationalen Welt der Wissenschaft zu Boden getreten, die ja selbst das ganze Schlamassel auf der Welt verursacht hat. Der sich in seiner Aufopferung für sich selbst aus Versehen in hunderttausend Seiten Text verheddert hat und dann, wie Bundeswehrsoldaten in Afghanistan, von Heckenschützen beschossen wird. Heckenschützen der rationalen Wissenschaft notabene, gemein und aus lauter Neid auf seinen Adelstitel, seinen Erfolg bei den Hausfrauen und seine Frisur.

Graf von und zu Guttenberg, gekränkt und verstossen, wird alles daran setzen, die Macht in Deutschland zu erhaschen. Er wird eine Partei gründen mit einem militärischen Arm aus radikalisierten «Bild»-Lesern, RTL-Zuschauerinnen und Rentnern mit «Gala»-Abo, die mit Fackeln durch die Strassen ziehen und StudentInnen und Intellektuelle verprügeln. Er wird Deutschland regieren, konzentriert sich aber im Eigentlichen darauf, die Universitäten zu schliessen, die ihm so viel Leid bereitet haben. Schon 2021 ist Deutschland universitätsfrei, die Professoren sind ins Ausland geflüchtet, der Springer-Verlag übernimmt die Elitenbildung. Der Graf selber ist dauernd mit seinen neuen Frisuren beschäftigt und macht grosse Bunga-Bunga-Partys, die von Leni Riefenstahl ins rechte Licht gerückt werden.

Mit Guttenberg wird alles noch aussichtsloser, aber das Schöne ist: Wenigstens sind die anderen schuld.

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur.

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