Nr. 01/2012 vom 05.01.2012

Klassen / Klassenkampf (veraltet)

Klassen gibt es nicht mehr, also auch nicht mehr den Klassenkampf. Man erkläre das mal den MigrantInnen dieser Welt.

Von Stefan Howald

Wenn die SBB an die Wiedereinführung der dritten Klasse denkt, wird das in den Medien kalauernd zum Klassenkampf. Doch wenn die SP in ihrem neuen Parteiprogramm die «Überwindung des Kapitalismus» als Ziel formuliert, dann wird der Ladenhüter hervorgeholt, solch klassenkämpferische Parolen seien Ladenhüter.

Der Begriff «Klassenkampf» entstand aus dem der «Klasse». Oder umgekehrt: Womöglich entsteht eine Klasse erst im Klassenkampf. Darauf zielt die marxistische Formel von der «Klasse an sich», die sich objektiv nach ihrer Stellung im Produktionsprozess bestimmt, und der «Klasse für sich», die im Kampf ihr eigenes Bewusstsein findet.

Das tönt einfach, und früher war es auch noch einfach mit den Klassen: Bauern, Proletariat, Kapitalisten, dazwischen der Mittelstand, der vage bestimmt und politisch dubios war. Dann wurde es komplizierter mit der Arbeit, den ArbeiterInnen und dem Klassenkampf. Also begannen in den siebziger Jahren diffizile Klassenanalysen. In den hoch technisierten Fabriken wurde die wissenschaftlich-technische Intelligenz als eigene Zwischenklasse bestimmt. Die hat sich seither zu IT-SpezialistInnen entwickelt, ergänzt durch die freiberuflich Kreativen. Die stehen nun nicht mehr in der Fabrik, sondern in den flexiblen Büros und in der prekären freien Wildbahn der Dienstleistungs- und Kommunikationsgesellschaft.

Auf der anderen Seite des sozialen Spektrums entdeckte der US-amerikanische Soziologe Christopher Lasch 1995 eine neue Schicht: «Die blinde Elite. Macht ohne Verantwortung» nannte er sein Buch, schon damals – und ein paar Jahre später, im reissenden Finanzkapitalismus, ist diese Elite als neue «globale Superklasse» identifiziert worden.

Reichen solche Zuschreibungen aus? Gutmarxistisch wird eine Klasse durch ihre ökonomische Funktion und die Stellung in den Produktionsverhältnissen bestimmt. Funktional geht es um Verfügungsgewalt und Machtpositionen, nicht um Vermögen oder Weltanschauungen. Es geht um gesellschaftliche Charaktermasken – darin liegt die Stärke des Begriffs – und nicht um Individuen – worin zugleich seine Schwäche liegt.

Der Begriff fokussiert zudem auf Lohnarbeit und schliesst die Care-Ökonomie und damit viele Frauen aus. Ist das also nicht alles etwas plump? Natürlich, man darf nicht mehr monokausal denken; verschiedenste Faktoren wirken mit, um Bewusstsein und Verhalten der Menschen zu bestimmen. Aber womöglich hat das Pendel in den letzten Jahren zu stark in die andere Richtung ausgeschlagen, wird auch auf der Linken den ökonomischen Interessen zu wenig und den gesellschaftlichen Werten zu viel Bedeutung beigemessen.

Jedenfalls bleibt eine Klassenanalyse notwendig. Auch angesichts der neuen Ungleichzeitigkeiten: Die MigrantInnen haben in der globalen Arbeitsteilung Funktionen des klassischen Proletariats übernommen. Und in den Metropolen muss der diffuse Begriff des Mittelstands differenziert werden, denn die unterschiedlichen ökonomischen Stellungen bestimmen Motive, Antrieb, Möglichkeiten und Richtung einer Empörung mit.

In den Metropolen revoltiert ja die Occupy-Bewegung der «99 Prozent» gegen das eine Prozent da oben. Ein griffiger Slogan – aber eine Analyse ersetzt er nicht. Finanzjongleure und Versicherungsmanager als Herrscher des Universums? Klar, sie repräsentieren den Finanzkapitalismus als jüngste Stufe des Kapitalismus. Aber wenn bloss der Besitz und nicht die Verfügungsmacht kritisiert wird, fallen wir auf den Finanzkapitalismus herein. Dann sieht die Aktionärsversammlung die Beschränkung der Boni als demokratischen Sieg, und der schamlose Marcel Ospel kann folgenlos durch den geschmeidigeren Sergio Ermotti ersetzt werden.

Während des Arabischen Frühlings oder bei den jüngsten Protesten in Russland versammelten sich ebenfalls unterschiedliche Gruppen mit unterschiedlichen Interessen und Werten. Festzustellen, welche Klassen mitmachen und dass der Mittelstand dominiert, ist wichtig, um zu erkennen, wohin die Revolutionen führen.

Die Klassenkämpfe sind komplexer geworden. Aufgehört haben sie nicht.

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