Nr. 29/2015 vom 16.07.2015

Vom Heiligen zum Judas

Pedro Lenz über San Iker, den Gefallenen

Von Pedro Lenz

Als er neun Jahre alt war, brachte ihn sein Vater zu einem Probetraining bei Real Madrid. Der kleine Junge aus dem Madrider Vorort Móstoles bestand die Probe und durfte fortan beim berühmtesten Fussballklub der Welt das Tor hüten. Das war im Jahr 1990. Der Bub durchlief sämtliche Juniorenstufen, und schon als Sechzehnjähriger trainierte er erstmals mit den Stars der ersten Mannschaft. Kaum ein Jahr später gewann er den ersten von unzähligen Titeln. Die Fussballwelt begann, sich den Namen Iker Casillas zu merken. Und nachdem ihm nach bestandener Fahrprüfung vom Verein eine teure Limousine zur Verfügung gestellt worden war, wunderten sich seine Klubkameraden, dass er anderntags mit einem alten, zerbeulten Kleinwagen ins Training fuhr. Er habe den schönen Wagen seinem Vater überlassen und dafür dessen altes Auto genommen. Das dünke ihn gerecht, denn schliesslich habe der Vater schon viele Jahre hart gearbeitet, während er selbst erst ins Berufsleben einsteige.

Bald entwickelte sich Iker Casillas zu einem der weltbesten Torhüter. Real Madrid wurde das Ballettensemble der Galaktischen genannt, aber Casillas erklärte, er sei kein Galaktischer, er sei aus Móstoles.

Nachdem er mit dem spanischen Nationalteam die Europameisterschaft (2008) und die Weltmeisterschaft (2010) gewonnen hatte, sprachen die Fussballfans ihn heilig. Fortan wurde er in der Presse und auf den Rängen San Iker genannt. Er war nun der heilige Iker, der, wie alle Heiligen, Wunder vollbringen konnte.

Im Juli 2010 gab Casillas als frisch gekürter Weltmeister die Verlobung mit der Sportjournalistin Sara Carbonero bekannt. Diese Liebe alarmierte manche Fussballfans, weil sie befürchteten, ihr Idol könnte im Schlafzimmer Interna aus der Mannschaft ausplaudern, die dann über seine Verlobte an die Öffentlichkeit gelangen würden.

Tatsächlich kam der Tag, an dem der damalige Real-Trainer José Mourinho sich darüber beschwerte, in seiner Mannschaft gebe es einen Maulwurf, und er werde herausfinden, wer dieser Maulwurf sei. Als Mourinho kurz darauf entschied, den fünffachen Welttorhüter auf die Ersatzbank zu setzen, war für die Öffentlichkeit klar, dass Iker Casillas der Verräter sein musste.

Das ist mittlerweile drei Jahre her. So lange wird Casillas nicht müde zu wiederholen, sein Herz gehöre dem Klub, er sei hundertprozentig loyal, und er habe niemals Geheimnisse ausgeplaudert. Seine Beteuerungen haben ihm wenig genützt. Aus dem Heiligen war fast über Nacht ein Judas geworden. Manche Fans von Real Madrid begannen, ihn auszupfeifen. Seine letzten Trainer setzten nicht mehr hundertprozentig auf den Goalie, der lange als unantastbar gegolten hatte.

In diesem Sommer gab ihm die Klubleitung zu verstehen, dass für ihn trotz weiterlaufenden Vertrags kein Platz mehr in der Mannschaft sei. Es war eine bittere Demütigung für den Mann, der gerne bei seinem Herzensverein zurückgetreten wäre. Er unterschrieb in Portugal beim FC Porto einen Zweijahresvertrag.

Am vergangenen Wochenende verabschiedete er sich in Madrid von den Fans, die ihm noch geblieben sind. Es war ein Abschied mit Tränen. Vor laufenden Fernsehkameras und Radiomikrofonen las Iker Casillas eine kurze Rede ab. Er sprach über seine Ziele beim neuen Klub, über seine Motivation, weiter hart zu arbeiten, und über die wertvollen Freundschaften, die er im Lauf seiner langen Karriere schliessen durfte. Aber vor allem ging es ihm noch einmal darum, öffentlich zu betonen, wie sehr er an Real Madrid hänge. Zwischendurch stockte sein Redefluss, weil er, überwältigt von seinen Emotionen, um Fassung rang. Kein Präsident, kein Trainer, kein Mitspieler begleitete ihn bei seinem letzten Auftritt in Madrid. Iker Casillas, der als Neunjähriger an der Hand seines Vaters zu Real Madrid gekommen war, verliess den Klub 25 Jahre später ganz allein durch die Hintertür.

Pedro Lenz (50) ist Schriftsteller und lebt in Olten. Er bittet Madrids Stadtheiligen San Isidro um Fürsprache für den Exheiligen Iker.

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