Nr. 04/2012 vom 26.01.2012

Die unheimliche Strategie der A. S.

Von Dinu Gautier

Sie, Andrea Stauffacher, sind Galionsfigur des Revolutionären Aufbaus Zürich. Von der Gratispresse zu Unrecht als «Terrorgrosi» bezeichnet, haben Sie am Samstag in Bern eindrücklich gezeigt, dass Sie noch nicht zum alten Eisen gehören. Zusammen mit Ihrer Gefolgschaft und ein paar Berner Autonomen sind Sie zu einer Demonstration angetreten. Ihr Ziel? Anlässlich des bevorstehenden Weltwirtschaftsforums in Davos wollten Sie den Embryo namens Kapitalismus abtreiben, der in uns allen steckt («Wipe out Wef – Abort Capitalism»).

Zweihundert Meter weit ist die Demo gekommen, dann hat die Polizei von allen Seiten dichtgemacht. Polizeikessel. Sie wussten, dass es so weit kommen würde – es war offensichtlich. Fehlte nur noch, dass die massiv auftretende Staatsmacht ein Transpi gemalt und im Bollwerk aufgehängt hätte: «Liebe Frau Stauffacher, wir planen, Sie hier zu kesseln. Wenn Sie so freundlich wären, pünktlich um 14 Uhr zu erscheinen …»

Jedenfalls war Erstaunliches zu beobachten, nachdem Sie mit den rund achtzig anderen DemonstrantInnen in den traditionellen schwarzen Demotrachten pünktlich im Kessel eingetroffen waren. Am Lautsprecher blühten Sie richtiggehend auf, waren dermassen unterhaltsam, dass sogar ein paar Polizisten und ein reaktionärer Reporter der «Berner Zeitung» lachen mussten. Um Sie herum wurde plötzlich getanzt und gefeiert. Und Sie haben verkündet, solche Repressionserlebnisse würden die Anwesenden nur stärken.

Mit Verlaub: Würde das stimmen, die Anti-Wef-Bewegung wäre in den Kesselorgien des letzten Jahrzehnts dermassen kräftig geworden, dass Wef-Chef Klaus Schwab schon längst zitternd das Weite gesucht hätte. Das Gegenteil ist passiert. Nun kann man das bei weitem nicht Ihnen allein in die Schuhe schieben. Aber man kann feststellen, dass Sie kaum eine Gelegenheit ausgelassen haben, mit offenen Armen in die Polizeihinterhalte (physischer und kommunikativer Natur) reinzulaufen. Nein, Sie sind nicht dumm. Viel schlimmer: Sie machen das mit voller Absicht. Sie wollen keine breite Bewegung, Sie wollen überhaupt keine Bewegung ausserhalb des Revolutionären Aufbaus. Und wenn sich auch nur ein Jugendlicher nach erlebter Polizeigewalt Ihren Reihen anschliesst, dann ist Ihre Strategie aufgegangen.

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