Nr. 05/2012 vom 02.02.2012

Frou Müller und das Nachtleben in der Hauptstadt

Die Berner Altstadt ist zum Schauplatz eines Interessenkonflikts zwischen «schöner Wohnen» und Party- und Undergroundkultur geworden. Der Generationenkonflikt bringe eine neue Dynamik ins politische Gefüge, schreibt Christian Pauli, Koleiter der Dampfzentrale Bern.

Der Hochsommer 2011 hat der Stadt Bern ein Wort beschert, das so unzutreffend wie erfolgreich ist: «Clubsterben». Es nahm seinen Anfang im Juli, als der Berner Musikclub Sous Soul drohte, seine Kellertüre dichtzumachen – zermürbt vom Kleinkrieg mit NachbarInnen und Behörden. Nach dem «Wasserwerk» schickte sich somit ein zweiter «Traditionsclub» an, von der Bildfläche zu verschwinden. Für die Lokalmedien, die vor dem Sommerloch standen, war die angekündigte Schliessung ein Steilpass.

Eine süffige Geschichte

Die Geschichte des «Sous Soul» ist in der Tat ein Knaller: Ein subkulturell geprägter Kulturort mit jahrzehntelanger Tradition muss weichen, weil eine zugezogene Soziologin sich von den Bässen bedrängt fühlt und der sozialdemokratische Regierungsstatthalter ihr in letzter Instanz recht gibt. Eine ausgehfreudige Jugend, die im Fall des «Sous Soul» eigentlich gar keine mehr ist, sieht sich von einem städtischen Milieu verdrängt, das rot-grüne Regierungsmacht mit «schöner Wohnen» kombiniert. Diese süffige Geschichte konnte sich selbst das Schweizer Fernsehen nicht verkneifen.

Seither brodelt es in Berns Underground. Jungfreisinnige, Jungsozialisten, junge Grüne und die junge Mitte schliessen sich im Verein Nachtleben Bern zusammen und verlangen vom Gemeinderat ein «klares Bekenntnis zu einem hauptstadtwürdigen, attraktiven Nachtleben». Die Forderungen der Petition «Pro Nachtleben Bern» sind – mit über 10 000  Unterschriften Anfang Dezember 2011 eingereicht – pragmatisch. Es geht um flexible Öffnungszeiten, klare Lärmkonzepte, sinnvolle Lärmgrenzwerte, Sensibilisierung der Nachtschwärmer, Beschleunigung der Bewilligungsverfahren von Clubs und zu guter Letzt: «Die Stadt soll ihre Kultur selber bestimmen.»

Überstürzende Ereignisse

Im Stadtrat wird seit anderthalb Jahren ein «Konzept Nightlife» gefordert. Der Gemeinderat schiebt es auf die lange Bank. Anfang Januar aber überstürzen sich die Ereignisse. Weil im alten Kornhaus das Fumoir, das infolge einer behördlichen Auflage extra für Partys eingebaut wurde, aus feuerpolizeilichen Gründen nicht mehr betrieben werden darf, zieht sich der dortige Partyveranstalter zurück. Dieses behördliche Verwirrspiel scheint das Fass überlaufen zu lassen.

Der Ton wird direkter. Man spricht von Aktionen, Demonstrationen, Kulturstreik. Eine erfolgreiche Facebook-Kampagne namens «Figg Di Frou Müller» knüpft sich die erwähnte Soziologin vor und meint damit stellvertretend die «Meiers, Biglers, Burris, Scheideggers, Lüthis und Kipfers, die neben deine Lieblingsbar oder deinen Lieblingsclub ziehen und bald beginnen, sich zu beschweren. Sie argumentieren mit Lebensqualität und zögern dabei nicht, alle rechtlichen Mittel auszuschöpfen. Und weil die Entscheidungsträger in den Behörden eben auch Meier, Bigler und so weiter heissen, bekommen die Kläger recht.» Dem Verein Nachtleben droht die Sache aus dem Ruder zu laufen – eine für Samstag letzter Woche geplante Aktion mitten in der Nacht wurde abgeblasen.

Kommen tun sie trotzdem

Auch die beschauliche Stadt Bern mutiert zur 24-Stunden-Gesellschaft. An jedem Wochenende karrt der ÖV-Anbieter Bern Mobil Ausgehwillige aus der Agglo im Halbstundentakt ins Zentrum und bis früh morgens zurück (Werbeslogan: «Wir holen dich da raus»). Man sagt, dass pro Wochenende an die 10 000  AusgängerInnen in die Berner Innenstadt strömen, mit den entsprechenden Littering- und Securityfolgen. Der Polizeichef stellt nüchtern fest: Für diese Menge ist die Innenstadt zu klein. Aber kommen tun sie trotzdem, die Nachtschwärmer und Ausgehwütigen. Und darunter sind nun mal viele, die man lieber nicht in der Stadt hätte.

In der Debatte um das «Clubsterben» spiegelt sich ein Generationenkonflikt, der eine neue Dynamik ins festgefahrene politische Gefüge bringt. Lange hat die Reitschule alles absorbiert, was diese Stadt an jugendlicher Unruhe produziert. Nun werden Anliegen laut, die über die Reitschule hinausgehen. Auf der einen Seite haben wir die rot-grüne Stadtregierung, die hier seit zwanzig Jahren am Ruder ist und entsprechend verkrustet und verstaubt wirkt. Jahrelang mühte sich der Gemeinderat mit der rebellischen und unentwegt pubertären Reitschule ab – mit Erfolg übrigens. Die Rot-Grünen konnten sich nicht «trotz» der Reitschule halten, sondern genau dieser Konflikt hat das rot-grüne Lager immer wieder und dauerhaft geeint.

Nun aber droht plötzlich neuer und zusätzlicher Ärger aus der Altstadt. Eine Clubklientel, die weder speziell sympathisch noch explizit politisiert ist, will etwas, was sie als schlicht normal ansieht: bis zum Morgengrauen auf den Putz hauen.

Der Einsatz von Facebook, Twitter und Co. hat zu einer zusätzlichen Beschleunigung und Unübersichtlichkeit geführt. Es wird kommuniziert wie der Teufel, Kampagnen werden vom Stapel gelassen, alles ist plötzlich halböffentlich. Der legendäre Kulturstreik im Oktober 1987 in Bern führte zur Wiedereröffnung der Reitschule. Das war eine klandestin ausgeführte Meisterleistung, die die gesamte Kulturszene hinter die Reitschule scharte. Heute kann jeder Löli überall seine Kommentare hinterlegen. Die Folge ist eine mediale Hysterie.

Eine mediale Hysterie

Wie der Prenzlauer Berg in Berlin ist die Berner Altstadt zum Schauplatz eines Interessenkonflikts zwischen «schöner Wohnen» à la Frau Müller und Party- und Undergroundkultur geworden. Die Frage ist interessant: Wem gehört diese Unesco-geschützte Altstadt? Der Gemeinderat, der sich auf eine satte Mehrheit links der Mitte verlassen kann, hat keine Antwort parat. Statt eine lebendige Nachtkultur als Standortvorteil zu verkaufen oder zumindest als Selbstverständlichkeit zu deklarieren, schickt er den Sicherheitsdirektor auf die Piste.

CVP-Mann Reto Nause, der in seiner Jugend auch mal Punkmusik gehört haben will, verstrickt sich. «Die Dichte an Clubs ist beträchtlich», sagte Nause im «Bund». Was bei den aufgebrachten Clubkämpfern umgehend für mehr Unmut sorgte. Wie hatten Züri West schon 1987 lakonisch festgehalten («Hansdampf»): «We z’Bärn irgendöpper Kultur macht, de chunnt meischtens nume d’Polizei.» Es wird interessant sein zu beobachten, ob der aktuelle Konflikt, 25 Jahre nach dem Kulturstreik, erneut politisiert wird. Wenn ja, haben wir vielleicht gar einen heissen Sommer 2012 vor uns. Altachtziger freuen sich schon auf Folge zwei von «Berner Beben».

Christian Pauli (48) ist Koleiter der Dampfzentrale und Präsident des Berner Kulturveranstalterverbands Bekult.

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