Nr. 28/2012 vom 12.07.2012

Mehr als eine Laus im Pelz

Die Nacht besteht nicht nur aus Beats und Stroboskoplicht: Dies ist die Botschaft von Mirik Milan. Er muss es wissen, schliesslich ist er der Nachtbürgermeister von Amsterdam. Wäre das auch eine Idee für Schweizer Städte?

Von Tobias Müller, Amsterdam

«Kultur aller Sorten», das schwebt Nachtbürgermeister Mirik Milan für die Amsterdamer Nächte vor. Foto: Patricia Ribas

Mit dem Schwärmen wird Mirik Milan lange nicht fertig. «Die Nacht?» Der 31-Jährige denkt nur kurz nach. «Die Nacht ist für mich ein ganz besonderer Platz. Wo es Festivals gibt und Kultur und die Gay-Szene Partys schmeisst, ohne die ihr Dasein viel schwieriger wäre.» Dazu gehörten schicke Discos ebenso wie KünstlerInnen, die draussen in Quartieren wie Noord mit ihren FreundInnen ums Lagerfeuer sässen. Denn: «Die Nacht ist ein freier Ort, an dem man sein kann, wer man ist.» Doch bedeutet der Einbruch der Dunkelheit für Milan längst nicht mehr nur Poesie, sondern auch Politik. Seit März ist er Nachtbürgermeister von Amsterdam.

Ein Einzelfall ist er damit nicht; in den meisten niederländischen Grossstädten kennt man dieses Amt. Den Anfang machte der Rotterdamer Jazzdichter Jules Deelder, der diesen Beinamen bereits in den siebziger Jahren erhielt. In den neunziger Jahren zog Den Haag nach, und in Amsterdam wird seit 2002 alle zwei Jahre ein neuer Nachtbürgermeister gewählt. Die Initiative geht auf die lokale Fraktion der Partei GroenLinks zurück. «Im Stadtparlament realisierte man damals, dass man keine Ahnung hatte, was in der Stadt passiert, wenn um Mitternacht die Theater schliessen», so Mirik Milan, der nun bis 2014 das Nachtleben gegenüber städtischen Institutionen repräsentiert.

Milan berät und vermittelt, diskutiert und leistet Lobbyarbeit. Gefragt sind an der Schnittstelle zwischen Kommune und Nachtleben Seriosität und ein realpolitischer Ansatz. Viel erreicht hat in dieser Hinsicht die letzte Amtsinhaberin, die renommierte DJ Isis: Sie organisierte eine Onlineuntersuchung zum Zustand des Amsterdamer Nachtlebens. Der «Nachtreport» erschien 2011 und gilt mit über 2000 TeilnehmerInnen als wichtiger Referenzpunkt der Stadtpolitik – und als Grundlage dafür, dass der Nachtbürgermeister, wie Milan sagt, immer ernster genommen wird.

Die Nacht als Nährboden

Zwanzig Wochenstunden hält den Nachtbürgermeister sein Ehrenamt auf Trab, für das er weder Budget noch Büro hat. Kein Grund zum Klagen, findet Milan: «Ich habe mich dazu verpflichtet – aus Liebe zur Stadt und zur Nacht.» Seit Jahren ist er als Organisator von Partys in der Nachtszene der Hauptstadt eine bekannte Figur. Heute arrangiert er als Selbstständiger auch Modeschauen und Fotoshootings. Dazwischen eilt er zur Brainstormingsession über ein Stadtentwicklungsprojekt, tauscht sich mit ProtagonistInnen der Schwulen- und Lesbenszene zum Status Amsterdams aus oder diskutiert mit dem Stadtrat längere Öffnungszeiten.

Oft wird er auch als Jurymitglied eingeladen. So wie Ende Mai im noblen Theaterambiente der Stadsschouwburg, wo sich vier Kunstinitiativen auf der Suche nach Subventionen präsentierten. Als Kandidaten traten an: ein Animationsfilmfestival, ein schnoddriger Songwriter, ein Orchester und ein Opernprojekt, das Werke des italienischen Komponisten Giacomo Puccini neu inszenieren will.

Das war ganz nach den Vorstellungen des Nachtbürgermeisters: Ein Schwerpunkt seiner Amtszeit ist die Vielfalt der Aktivitäten zwischen Sonnenunter- und -aufgang. «Verbreiterung» nennt er das. «Es geht nicht nur um Partys. Die Nacht ist mehr als Beats und Stroboskoplicht», sagt Milan, der privat Installationskunst inzwischen mehr abgewinnen kann als einem Riesenrave. «Kultur aller Sorten», das schwebt ihm vor. Dabei geht es nicht nur um Hedonismus, sondern auch um einen deutlichen gesellschaftlichen Anspruch: «Clubs und Nachtleben haben eine gesellschaftliche Funktion, die nicht unterminiert werden darf.»

Auch in Amsterdam gibt es Tendenzen, den Soundtrack zum Ausgang vor allem als Belästigung wahrzunehmen. Milans Position dazu wird seiner Aufgabe als Vermittler durchaus gerecht. Diskotheken ohne angemessene Isolierung findet er «nicht mehr zeitgemäss». Doch wo Clubs und Bars sind, kommt und geht das Publikum, und ganz geräuschlos geschieht das nun mal nicht. «Es ist wie mit einem Bauarbeiter. Der kann natürlich nicht um zehn Uhr abends bohren. Aber dass er sein Auto bei der Baustelle parkt, muss sein.»

Dass Clubs wegen Lärmbeschwerden schliessen müssen, findet Milan indiskutabel. In solchen Fällen sieht er nicht zuletzt die Kommunen in der Verantwortung, nach einem adäquaten Ersatzlokal zu suchen. Der Nachtbürgermeister schaut entschlossen, wenn er davor warnt, dass eine «Klagekultur» im Diskurs über das Nachtleben die Oberhand gewinne: «Die Innenstadt ist schliesslich kein Freiluftmuseum.»

Grossen Wert legt Milan auf die produktiven Nebeneffekte des Ausgehens. «Es sind Start-ups oder innovative kleine Betriebe, die neue Ideen entwickeln. Oft gibt es dabei eine direkte Verbindung zum Nachtleben. Vielen Webdesignern, Grafikern oder Art Directors gilt die Nacht als Nährboden für Inspiration. Das war in den Siebzigern so, und heute gilt das für die gesamte Kreativindustrie.» Nicht nur eine attraktive Umgebung oder Sicherheit seien für Betriebe bei ihrer Standortwahl wichtig, sondern gerade auch Kultur und eine breite Palette an Ausgehoptionen. Und so folgert Mirik Milan: «Das Nachtleben ist nicht nur eine Laus im Pelz! Auch die Wirtschaft dreht sich darum.»

Ein Realist mit Idealen

Die Stadtregierung hat dieses Potenzial erkannt. Und so ziehen Kommune und Nachtbürgermeister an einem Strang, wenn es darum geht, die traditionell eher spartanischen Öffnungszeiten der Hauptstadt zu verlängern. Die Mehrheit der TeilnehmerInnen der «Nachtreport»-Umfrage kritisierte die Sperrstunde. Und da Amsterdam sowohl im Selbstbild als auch in der Gunst vieler TouristInnen in einer Liga mit globalen Metropolen spielt, gilt inzwischen auch im Stadthaus ein ausgedehnteres Nachtleben als Standortfaktor. Dass es auch die Polizei entlastet, wenn die Nachteulen in Gleitzeit nach Hause fliegen, statt zeitgleich in grossen alkoholisierten Gruppen auf der Strasse zu landen, ist mehr als ein Nebeneffekt.

Ein Glanzlicht der neuen, ausgedehnten Grachtennacht ist ein Pilotprojekt mit 24-Stunden-Lizenzen, das im Herbst beginnen soll. Für Mirik Milan war das Thema «Rund-um-die-Uhr-Betrieb» ein Schwerpunkt in seiner Kandidatur, mit der er sich im März im Melkweg, einer Institution der Amsterdamer Nacht, gegen seine MitbewerberInnen durchsetzte. Geht es nach dem Nachtbürgermeister, müssten die Genehmigungen auch nach räumlichen Aspekten vergeben werden. «Wir sind nicht Tokio. Also sollte man diese Etablissements konzentrieren, um eine Art Chinatown der 24-Stunden-Ökonomie zu schaffen.»

Es gibt noch einen weiteren Punkt, der auf Milans Agenda ausdrücklich weit oben steht: die Emanzipation Homosexueller. Anknüpfen will er dabei an die sprichwörtliche liberale Tradition Amsterdams. «Die Stadt», sagt er, «soll ausstrahlen, dass hier allerlei verschiedene Menschen willkommen sind. Das ist unsere Geschichte, auf die wir noch immer stolz sind.» Angesichts der zahlreichen homophoben Vorfälle der letzten Jahre, der «Beschimpfungen, die die meisten Homosexuellen erfahren», sieht der Nachtbürgermeister hier reichlich Handlungsbedarf.

In der Nacht seiner Wahl nannte die Jury Milan einen Realisten. Das ist er zweifellos. Dass damit nicht das Fehlen von Idealen gemeint ist, daran lässt er wenig Zweifel. Denn was ihn antreibt, ist nicht zuletzt eine Überzeugung: dass die Nacht allen gehört. «Jeder hat das Recht, die Stadt zu benutzen, wie er das will. Menschen, die älter sind oder ein schönes Haus haben, vergessen das manchmal. Und deshalb ist es schlimm, wenn man eine bestimmte Gruppe Nachtschwärmer aus der Stadt vertreibt.»

Nachtleben in Schweizer Städten

Ein offenes Ohr

Anruf bei der Schweizer Städtekonferenz Kultur (SKK). Frage: «Ist die Nacht ein Thema bei Ihnen?» Antwort: «Bisher kaum. Die Nacht steht momentan eher im Fokus der Sicherheitspolitik.»

Die Schlagworte, die die politische und die mediale Debatte über die Nacht prägen, decken sich mit dieser Aussage: Alkohol- und Rauchverbot, Wegweisungsartikel und Lärmklagen. Im Fokus der Debatte stehen Aspekte der Sicherheit und Sauberkeit, die Kulturpolitik nimmt bisher noch wenig Einfluss – anders als in mehreren holländischen Städten (vgl. «Mehr als eine Laus im Pelz»).

Eine Ausnahme bildete Anfang Juli ein runder Tisch in Bern: Gut fünfzig VertreterInnen aus der Politik, von Kulturinstitutionen, aus der Wirtschaft und von Vereinen diskutierten über das Berner Nachtleben. «Der runde Tisch ging erfolgreich über die Bühne», sagt Christian Pauli, der Bekult vertrat, den Dachverband von rund siebzig im Raum Bern tätigen KulturveranstalterInnen. «Es wurde klar, dass in Bern das Nachtleben mehr als ein Sicherheitsproblem ist: Es geht auch um kulturelle Fragen.» Im Zentrum des runden Tischs stand das Nachtlebenkonzept, das im September vom Gemeinderat vorgestellt werden soll. «Die Stadt muss unbedingt ein offenes Ohr haben und als Vermittlungsstelle im Nachtleben funktionieren», sagt Pauli.

Im letzten Jahr trafen sich auch in Genf VertreterInnen von Kulturinstitutionen und PolitikerInnen zur mehrtägigen Konferenz États généraux de la nuit. «Wir müssen aufhören, die Nacht als Verlängerung des Tages zu betrachten», sagt André Waldis, Kulturbeauftragter der Stadt Genf und Kogastgeber der Konferenz. «Die Nacht hat ihre eigenen Problem- und Fragestellungen. Zentral ist fast immer und fast überall der folgende Konflikt: Auf der einen Seite steht das legitime Recht auf Ruhe der Anwohner, auf der anderen Seite das Recht zu feiern.» Es gehe darum, mit allen Beteiligten nach Lösungen zu suchen. Die Einsetzung eines Nachtbürgermeisters als eine Art Vermittlungsperson und Ombudsmann findet er spannend. Doch einen Nachahmer hat das holländische Modell in der Schweiz bisher nicht gefunden. Wichtig sei es allerdings, die Nacht überhaupt als politisches Thema wahrzunehmen.
Jan Jirát

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